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Kultur Bild, Botschaften, blinkende Lichter
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10:46 06.03.2020
Von Ruth Bender
Apokalyptische Landschaft: Marian Luft arbeitet auch mit Müll und Dreck. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Irgendwo zwischen Scherenschnitt und Comic flimmern sie über die Leinwand – die Phasen der Evolution vom Affen zum Menschen im aufrechten Gang. Und vom Surfer oder Radler bis zur urmenschlichen Toilettensitzung kann am Ende der Entwicklungsreihe alles zur Krone des Menschseins werden ... Im Internet hat der Hamburger Künstler Felix Thiele die ikonischen Bildchen gesammelt, die auch auf T-Shirts oder Auto-Aufklebern ihre Botschaften senden. Zeichen des digitalen Zeitalters, im Stil der Werbung aufs Symbol verkürzt. Thiele hat sie zu einem Kurzfilm zusammengeschnitten, der das Thema der aktuellen Ausstellung der Stadtgalerie Public Relations schon im Foyer witzig umreißt.

Von der Propaganda zur Public Relations

Die Ausstellung geht auf die Anfänge der Public Relations und die Überlegungen ihres Erfinders, Edward Bernays (1891-1995), zurück, der den negativ besetzten Begriff der Propaganda angesichts moderner Massenmedien umwertete, um dem freien Wettbewerb eine Richtung zu geben. Und die vierteilige Doku The Century of the Self (2002) des Journalisten Adam Curtis, die auf vier Bildschirmen in der Stadtgalerie läuft, setzt die Überlegungen fort und beleuchtet dabei auch den Weg von der Produktwerbung zur Politik und zu den Strategien der Selbstdarstellung in den sozialen Medien - also vom öffentlichen in den privaten Raum.

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„So entstehen immer neue Möglichkeiten der öffentlichen Kommunikation“, sagt Kurator und Stadtgalerie-Mitarbeiter Sönke Kniphals, der eine kleinere Ausgabe der Ausstellung im vergangenen Herbst bereits im Palais für aktuelle Kunst in Glückstadt gezeigt hat. Botschaften wie in der Werbung von kurzer Halbwertszeit, die es schwermachen, „daraus tragende Narrative für die Welt zu entwickeln“, ergänzt Stadtgalerie-Leiter Peter Kruska und verweist auf die zunehmende Emotionalisierung – wie sich gerade im Umgang mit dem Coronavirus zeige.

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung "Public Relations" in der Stadtgalerie, Andreas-Gayk-Str. 31, Kiel, eröffnet am 6. März, 19 Uhr. Bis 24. Mai Di, Mi, Fr 10-17 Uhr, Do10-19 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr. www.stadtgalerie-kiel.de

Im Rahmenprogramm ist am 15. April, 29 Uhr, Adam Curtis’ „The Century of the Self“ zu sehen. Gezeigt werden der erste und der vierte Teil (insgesamt 120 Minuten) des Films, den der Engländer aus Archivmaterial des Fernsehsenders BBC zusammengesetzt hat.

Außerdem läuft am 22. und 29. April die Dokumentation von Christoph Schlingensiefs Intervention im bundesdeutschen Wahlkampf 1998 „Chance 2000 - Abschied von Deutschland“ (131 Minuten).

Zur Kuratorenführung mit Kurator Sönke Kniphals und Stadtgalerie-Leiter Peter Kruska lädt die Stadtgalerie am 13. Mai, 18 Uhr.

Apokalyptische Landschaften

Auch die draußen vorbeihupenden Trecker der Bauerndemo passen ins Bild. „Auch eine Art von Public Relations ...“, sagt Sönke Kniphals. Es gehe aber nicht darum, die Public Relations zu erklären, sondern den Denkraum zu öffnen und das Phänomen in größeren Kontexten zu sehen.

Dafür stehen die 13 künstlerischen Positionen, die ein vielfältig anregendes Szenario entfalten, das dem zunächst eher theoretischen Ansatz Leben einhaucht. Gleich hinter dem Eingang etwa betritt man eine post-zivilisatorische Landschaft, die auch zum Film Mad Max passen könnte. Der zwischen Leipzig und Istanbul pendelnde Künstler Marian Luft hat sie kombiniert: Da liegt ein zerstörter Torso im einstmals trendigen Nike-Shirt im Dreck. Daneben wächst ein phallisches Gebilde aus Plastikflaschen in die Höhe. Und an den Wänden hängen die Umrisse der Kontinente – zerrissen und durchlöchert, von Schlieren durchzogen und hier und da blinken Lichter – die Welt zu einsamen Zeichen geschrumpft.

Apokalyptisch wirken auch die filigranen Radierungen der Serie Futur II, auf denen Soyon Jung die Architekturen von Macht und Konsum in Ruinen, manchmal auch romantisch anmutende Idyllen verwandelt hat. Oder die aus Film und Skulpturen kombinierte Rauminstallation DienstleisterInnen von Jonas Roßmeißl, die in eine kühle Sci-Fi-Welt führt.

Der Übergang vom Öffentlichen ins Private

Ganz anders, aber nicht minder spannend wirken die Bilder, die die Berlinerin Ute Barschel von Angeklagten im Gerichtssaal gesammelt hat: Menschen, die sich hinter Aktenordnern oder Heften verstecken. Und ob sich die Botschaften von den Personen über Haltung und Kleidung versenden oder eher der Assoziation des Betrachters entspringen, bleibt ein Rätsel. Und wie sich unmittelbar der Werbung Wirklichkeit entwickelt, führt die estnische Künstlerin Marge Monko vor, indem sie Werbekampagnen und -ideen zum universalen Narrativ verfremdet.

Die eigenen Stimmungsschwankungen eines Jahres hat Nik Koppenhagen zum bunt gemusterten Diagramm gemacht – vom „Klassentreffen“ über die „mündliche Prüfung“ bis zu einer gewissen Sophie, die immer wieder auftaucht. So erweitert sich der Blick, durchkreuzen sich Perspektiven. Möglichkeiten, auch anonym in die Öffentlichkeit zu kommunizieren, spiegelt Babak Behrouz in Akt, wo sich das digitale Bild ins analoge Objekt zurück verwandelt: Was wie Utensilien aus einem Fitness-Studio aussieht, entstammt einer kuriosen Netzanleitung für männliche Masturbation. Und den Übergang vom Öffentlichen ins Private spiegelt die Bodeninstallation Friend, die Franziska Opel für das Kunstmuseum in Tallinn entwarf - und die nun als überdimensionale Fußmatte mit Botschaft in die Stadtgalerie führt.