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Kultur Der GMD und die Donauwelle
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17:25 03.06.2019
Alles Walzer: Stefan Vladar will im Neujahrskonzert selbstverständlich ein „Klassisches Wiener Programm“ dirigieren. Quelle: Olaf Malzahn
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Lübeck

Der Geschäftsführer Christian Schwandt schwärmt von der Aura des Wieners und prophezeit den Lübecker Philharmonikern unter Stefan Vladar einen Qualitätssprung. Wenn die Chemie mit dem Orchester stimmt, kommen daran zumindest in der Konzertsparte, die gestern vorgestellt wurde, auch kaum Zweifel auf. Ein „langer Findungsprozess“ (Schwandt) unter mehr als 150 Bewerbern hat zum vorläufig glücklichen Ende eines Fünfjahresvertrags als GMD geführt.

Vladar: Gelegenheit zu ganz Neuem

Für den 53-jährigen Vladar bot sich „Gelegenheit, noch einmal etwas ganz Neues zu tun – nach 35 Jahren als weltweit tätiger Pianist und seit fast 30 Jahren als Nebenerwerbsdirigent ...“ Weil sein musikbegeisterter Vater als Klempner in der Kulturhauptstadt an der Donau Gelegenheit hatte, bei Musikern und Dirigenten schraubend ein- und auszugehen, sei es ihm schon als Kind ermöglicht worden, diverse sinfonische Erlebnisse zu sammeln: die Wiener Philharmoniker in Proben und Aufführungen unter Ormandy, Bernstein, Böhm, Kleiber – schon für den kleinen Stefan eine Selbstverständlichkeit.

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Vladar reizt die Farbigkeit der Orchesterklänge

„Dann bin ich Pianist geworden. Mein eigentliches Interesse galt aber immer der Sinfonik und ihrer unglaublichen Farbigkeit der Klänge. Und seit ich dirigiere, ist mir klar, dass die Oper die Königsdisziplin ist. Aber da kommt man halt nicht rein, normalerweise, wenn man nicht den Kapellmeister-Weg gegangen ist.“ Jetzt sei er voll der positiven Energie.

Stefan Vladars erste Konzertsaison in der MuK

Vladar hat seine erste Konzertsaison in der attraktiven Musik- und Kongresshalle geplant. Sie dreht sich um das Thema innere Emigration und rückt mit Ludwig van Beethoven, Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch drei besonders prominente Komponisten in den Fokus, die aufgrund von sozialer Isolation oder kulturpolitischer Verfemung auf sich selbst und ihre Kunst zurückgeworfen waren. So beginnt Vladar einen Zyklus, der in zwei Saisons alle Beethoven-Symphonien vorführt. Und er steigt mit Mahlers Auferstehungshymnus plakativ ein, um dann dessen Kindertotenlieder im zweiten Konzertdoppel nachzuschieben.

Vladars gute Verbindungen: Weltstars als Solisten

Dass hier mit Angelika Kirchschlager ein Weltstar singen wird, beweist Vladars Vernetzung in höchste Kreise. Überhaupt sind Größen wie der Cellist Mischa Maisky, der Geiger Benjamin Schmid und der Hornist Felix Klieser keine Selbstverständlichkeit, was Gagen (gestützt durch Förderer) und Bereitwilligkeit angeht. Auch für Schostakowitschs Zehnte hat er mit dem Russen Alexander Sladkovsky als sinfonisches „Wunder von Kasan“ einen Gastdirigenten-Coup gelandet.

Vladars ästhetisches Credo

Den Flügel rührt er bewusst nicht an in der ersten Spielzeit. Und gegen Musik nach 1945 oder aus der Gegenwart hat er grundsätzlich nichts, berücksichtigt sie aber im somit eher konservativen Plan (zunächst) null. Sein ästhetisches Credo? Eine „historisch“ gedachte Aufführungspraxis möchte er auf jedes Repertoire angewendet wissen: „Man sollte auf alle Werke mit den Augen der Vorgängergeneration blicken“, so Vladar. Und dann alles daran setzen, das revolutionär Aufregende auch für heutige Hörer hörbar zu machen. Dass es tatsächlich einen „Wiener Klang“ gibt, bezweifelt der Dirigent. Aber er erlebt in seiner Heimatstadt eine schöne, wenn auch gefährlich selbstgefällige Selbstverständlichkeit des Aufeinanderhörens.

www.theater-luebeck.de

Von Christian Strehk

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