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19:26 31.01.2019
Von Ruth Bender
Takis Würger würde sein Buch genauso wieder schreiben. Quelle: Christophe Gateau
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Kiel

Sie ist eine höchst zwiespältige Figur, diese Stella Goldschlag, die Würger zur Hauptfigur gemacht hat. Eine junge Berliner Jüdin, die von 1942 bis 1945 als sogenannte „Greiferin“ jüdische Bürger aufspürte und an die Gestapo verriet. Und selbst die dürre Aktenlage im Landesarchiv Berlin vermittelt, dass die junge Frau als Denunziantin ziemlich erfolgreich war.

Würger rollt keine Biografie auf

Weit entfernt davon, eine ohnehin undurchsichtige Biografie aufrollen zu wollen, nimmt Takis Würger die reale Person und ihr Rätsel als Ausgangspunkt für eine Geschichte über Verrat, Schuld und die ungewissen Seelenlagen im Krieg und unter der Nazi-Herrschaft. Die Geschichte erzählt der Autor über einen Mittelsmann, den Ich-Erzähler Friedrich, einen jungen Schweizer aus reichem Hause, der 1942 aus dem goldenen Käfig der Villa bei Genz ausbricht und nach Berlin kommt in der naiven Hoffnung, „dass die Stärke Deutschlands auf mich überspringt“. In einer Zeichenschule, in der sie Modell sitzt, trifft der junge Mann auf Stella, die sich Kristin nennt. Er verliebt sich in die lebenswilde Frau und taucht mit ihr in die Parallelwelt der illegalen Berliner Clubs, wo sie den verbotenen Jazz singt. Dass der Dritte im Bunde, der eloquente Tristan von Appen, engste Verbindungen zum Regime pflegt, blendet Friedrich ebenso aus wie die Berichte von Zugtransporten und Lagern.

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Die Liebe steht im Kontrast zur Nüchternheit der Justizakten

Soghaft liest sich diese Liebesgeschichte, die schnell zum Tanz auf dem Vulkan wird. Takis Würger kontrastiert die Erzählung mit der erschreckenden Nüchternheit der Justizakten, die vom Vorgehen der „Greiferin“ berichten – und davon, was das in der unmittelbaren Konsequenz für die Betroffenen bedeutete. Erst die Haft in der Großen Hamburger Straße, dann der Transport nach Auschwitz; manchen gelang auch die Flucht. Außerdem schaltet der Autor knappe Monatschroniken dazwischen, in denen er den nationalsozialistischen Alltag, den zunehmenden Terror mit Daten aus dem Kulturgeschehen (etwa der Oscar für Walt Disney) vermischt. Eine doppelgesichtige Welt, in der alles nebeneinander geschieht und in die die Gewalt und das Böse erschreckend beiläufig einsickern.

Immer öfter tun sich Lücken auf in der Lebenserzählung von Kristin, die jeden Abend wie im Dunkel der Nacht verschwindet. Erst erfährt man ihren wirklichen Namen, dann von den inhaftierten Eltern. Vielleicht war es der Versuch, sie zu retten, der Stella Goldschlag zur Kollaboration mit der Gestapo trieb, vielleicht auch nur die Sucht nach dem schönen Leben, das Würger ihr zumindest in seinem Roman gönnt. Der Autor spürt den Beweggründen nach, findet Lebenswut, aber auch jede Menge Ungereimtheiten. Dass er sie nicht auflöst, ist so sinnig wie der Verzicht auf Schuldzuweisungen.

Würger kommt Stella so nah, wie er ihr fern bleibt

Der kultivierte SS-Scherge, die verräterische Femme Fatale und der naive Jüngling, der sich in seiner Ahnungslosigkeit einigelt – sicher hat der Roman auch eine unübersehbare Tendenz zur Kolportage. Vielleicht ist das gemeint, wenn dem Autor jetzt ein reißerischer Umgang mit der Historie vorgeworfen wird. Aber Würger kriegt auch die Kurve über die angenehm knappe Sprache, die kühlfarbigen Beschreibungen. So gelingt es, dieser Stella ebenso nahe zu kommen, wie ihr fern zu bleiben.

Um die Geschichte der realen Stella Goldschlag geht es hier sowieso nicht. Vielmehr wird die historische Person genauso wie der ambivalente Erzähler zum Stellvertreter für die Verführbarkeit und die Infiltration durch das Böse, das sich in unterschiedlichen Dunkelwerten in Tun und Denken ablagert.

Takis Würger: Stella. Roman. Hanser Verlag, 218 Seiten, 22 Euro

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