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Kultur Mary Page Marlowe – Mein Leben und ich
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15:03 18.05.2019
Von Thomas Richter
Mary Page Marlowe - Eine Frau im Schauspielhaus Kiel. Regie führte Dariusch Yazdkhasti. Quelle: Olaf Struck/hfr
Kiel

Letts Gegenwartsstück wirkt zunächst wie ein fertiger Film, dessen Teile im Schneideraum falsch montiert wurden. Wir sehen ein Stationen-Drama, das keiner bestimmten Chronologie folgt. Über Jahrzehnte und Zeitsprünge hinweg werden die schicksalhaften Lebensszenen einer Frau gezeigt.

Vier Schauspielerinnen verkörpern die Titelfigur bravourös

Insgesamt 11 Szenen bündeln Mary Pages Leben. Vier Schauspielerinnen verkörpern die Titelfigur in ihrem jeweiligen Lebensalter und tragen den Abend mit äußerster Bravour. Ksch. Claudia Macht gibt die reife, beschädigte aber nicht gebrochene Mary Page. Hoch emotional und voll innerer Zerrissenheit, Angst, enttäuschter Hoffnung und Trotz bringt Ellen Dorn die Mary im mittleren Alter auf die Bretter, während Stella Roberts (erstmals als Gast im Kieler Schauspiel zu sehen) eindrucksvoll die junge Optimistin, die entwaffnende „was kostet die Welt“-Studentin, aber auch die desillusionierte Verführerin Mary verkörpert. Olga von Luckwald schließlich spielt nicht nur tragikomisch die kleine verletzliche und verletzte Mary als Kind. Sie ist fast noch stärker– weil jenseits aller Kulleraugen-Klischees  - als Marys frustrierte, aufmüpfige Tochter Wendy.

Existentielle Kämpfe und starke Nebenfiguren

Ebenso stark besetzt sind sämtliche Nebenfiguren des Stücks. In seiner wirkunsicheren Personenregie gibt Yazdkhasti ihnen den Raum, um als prägende Charaktere zu funktionieren. Der episodische Charakter ist dabei gleichermaßen Fest und Herausforderung.  Es ist kaum möglich, große Bögen zu spielen, immer geht’s gleich mittenrein.  So erfährt Imanuel Humm als Marys zweiter Ehemann Ray von Ellen Dorn als seine mittlerweile alkoholkranke Frau, dass sie wegen eines schweren Autounfalls in den Knast muss. Ohne viel Anlauf liefern sich die beiden im Folgenden einen existentiellen  Kampf am Abgrund ihre Ehe. Nur ein Beispiel für die Mini-Dramen, die das Ensemble so eindrucksvoll zum Leben erweckt.  

„Wie ein Vogel. Ein Zugvogel“

„In Wahrheit tun Sie und ich nur so, als würde ich entscheiden, in welche Richtung sich mein Leben entwickelt. Das tu ich aber nicht. Hab ich noch nie. Für nichts davon hab ich mich entschieden. Das ist mir alles passiert, und ich hab’s mitgemacht, und ich, ich … habe keinen Einfluss genommen, ich habe den Kurs nie geändert. Wie ein Vogel. Ein Zugvogel“, wird Mary ihrem Therapeut erzählen. Immer wieder stellt das Stück die  Gestaltungsfreiheit der eigenen Existenz in Frage. Der männliche Autor, der das Stück für seine Mutter geschrieben hat,  findet in den vorbestimmten Rollenbildern einer Frau als Mutter, Tochter, Ehefrau oder Geliebte die zentrale Erklärung für Marys Lebensweg. Und greift damit zu kurz.  

Anderes Leben, eigenes Tagebuch

Denn Marys Biografie nimmt im Kopf der Zuschauer Form an. Und der, ob Mann oder Frau, füttert Gesehenes und Leerstellen auch mit eigenen Erfahrungen. So gewinnt das Stück eine gewisse Allgemeingültigkeit. Bühnenbildnerin Anna Bergemann findet mit einem riesigen beweglichen und durchlässigen LED Rahmen ein eindringliches Motiv für diese Wechselwirkung. Wir blicken zwar in die Erinnerungsräume der Protagonistin mit dem sprechenden Namen Page (Seite),  stöbern aber womöglich gleichzeitig in den Seiten unseres eigenen Tagebuchs. Rauschender Applaus.

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