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18:12 27.03.2018
Von Jürgen Gahre
Eindrucksvoll karg arrangierte Bilder in der Inszenierung von Christof Loy: Das Wunder der Heliane an der Deutschen Oper Berlin. Quelle: Jakubiak
Berlin

Als die Partitur 1927 vorlag, war das Interesse derart enorm, dass sich gleich zwölf große Häuser um die Aufführungsrechte rissen. Hamburg bekam den Zuschlag, und dann folgte dem kurzen, außerordentlichen Erfolg des Werkes der jähe Absturz. Man empfand die Oper bald als „aus der Zeit gefallen“, und dann gab ihr das Verbot durch die Nationalsozialisten den endgültigen Todesstoß.

Eine Inszenierung in Bielefeld und eine 1992 bei Decca erschienene Aufnahme blieben praktisch ohne Folgen für Korngolds Meisterwerk. Nach der grandiosen, vom Publikum einhellig bejubelten Aufführung in Berlin aber wird sich das Blatt hoffentlich wenden.

   Einem heutigen Publikum könnte allerdings die schwülstige Sprache des von Hans Müller-Einigen verfassten Librettos ebenso Probleme bereiten wie die der Realität entrückte, an ein Mysterienspiel erinnernde Handlung, die in ihrer Gottessuche vom Zuschauer zumindest ein gewisses Gespür für Religiosität verlangt. Ist das nicht vorhanden, dann könnte man sich, wie der Regisseur Chrispof Loy zugibt, „darüber lustig machen“.

Worum geht es in „Das Wunder der Heliane“? In einem Königreich, in dem niemand bei Strafe lieben oder lachen darf, erscheint ein Fremder, der dem Volk Freude bringen will. Deswegen wird er vom König, der selbst nie geliebt und nie gelacht hat, zum Tode verurteilt.

Seine Frau, die Königin, will den Fremden in seiner Todeszelle trösten und tut das, was dieser sich von ihr wünscht: Sie zieht sich vor ihm nackt aus, verweigert aber den Liebesakt. Der eifersüchtige König lässt sie zum Tode verurteilen. Als sie mit dem Fremden für kurze Zeit allein ist, erdolcht sich dieser. Sie könne sicherlich, rein wie sie sei, den fremden Mann wieder zum Leben erwecken, meint der König.

Als sie bekennt, den vor ihr liegenden Toten doch geliebt zu haben, geschieht das Wunder der Heliane: Der Fremde steht von den Toten wieder auf. Daraufhin wird Heliane vom König erstochen, kann dann aber zusammen mit dem sie wieder erweckenden Fremden die irdische Welt verlassen.

   Korngold hat diese abstruse, höchst bizarre Handlung mit einer Musik bedacht, die sich durch exzessives Schwelgen, durch luxuriöse Orchestrierung, durch rauschhaftes Sichverströmen und Klangekstasen auszeichnet und so den Zuschauer, der sich der Oper zu öffnen willens ist, vollends mitreißt.

Der Dirigent Marc Albrecht, ein in Berlin gern gesehener Gast, ist ein bekennender „alter Korngoldianer“, der das bestens aufgelegte Orchester und den gewaltigen Chor der Deutschen Oper sicher und umsichtig durch die gigantische, dreistündige Partitur führt. Es ist ihm gar nicht hoch genug anzurechnen, dass er die Orchesterfluten stets souverän im Griff hat und Ausuferungen vermeidet, ohne der hoch emotionalen Aussagekraft und der in vielen Farben irisierenden Klangpalette Schaden zuzufügen. Eine Meisterleistung!

   Christof Loy hat sich für einen recht sachlichen Einheitsraum von durch und durch realistischem Zuschnitt entschieden, der in etwa an den Gerichtssaal in dem berühmten Film „Zeugin der Anklage“ erinnert. Damit verweigert er sich optischen Effekten, mit deren Hilfe die auf der Bühne stattfindenden Wunder in ihrer Wirkung hätten verstärkt werden können.

Aber genau das wäre ein Zuviel an Effekten gewesen und hätte die Oper unglaubwürdig gemacht. Loy arbeitet lediglich mit Lichteffekten, das jedoch nur betont dezent. Dem entspricht auch eine gut durchdachte Personenführung und eine kluge Steuerung der Chormassen.

   Der Erfolg einer „Heliane“ Inszenierung steht und fällt mit der Darstellerin der Titelrolle. Die Sopranistin Sara Jakubiak wird dieser herausfordernden Partie in jeder Hinsicht gerecht, gesanglich wie darstellerisch. Wenn sie sich vor dem Fremden auszieht und ihre langen blonden Haare bis auf ihre Brüste herunterfallen, dann wirkt sie in ihrer Nacktheit nicht nur ungemein anrührend und zerbrechlich, sondern auch stolz und selbstbestimmt.

Die zarte Musik tut das ihre, um dieser Szene einen transzendentalen Glanz zu verleihen. Sara Jakubiak meint, Heliane könne den Geist der Menschen befreien und sagt: „Sie lehrt uns, was es bedeutet, sich wirklich zu öffnen, sich hinzugeben, selbstlos zu sein“. Einen der ekstatischsten Höhepunkte erreicht sie in „Ich ging zu ihm“ im zweiten Akt, wenn sie den Richtern zu erklären versucht, warum sie sich dem Fremden nackt gezeigt hat und trotzdem rein geblieben ist. Von ihrem inniglich leuchtenden Sopran, der in dieser Arie besonders beeindruckend zur Geltung kommt, geht eine geradezu magische Wirkung aus, der sich wohl kaum jemand entziehen kann.

Der amerikanische Tenor Brian Jagde ist der Fremde. Er hat das genau richtige, das betörende Stimmmaterial, das er zu einer derart visionären Partie braucht, die in dem herrlichen Schlussduett mit Heliane gipfelt: „Wer hin sich schenkt, der hat sich überwunden, und Erdenkerker wird Himmelsdom.“ P

sychologisch ist der König am interessantesten angelegt. Aus einem kalten, die Liebe ablehnenden Mann wird im Verlauf der Oper ein von dem Gedanken an Liebe Besessener, der nichts mehr begehrt, als die körperliche Nähe seiner Frau. Josef Wagner, der einen schlanken, aber kernig-virilen Bassbariton hat, gelingt dieser darstellerische Spagat hervorragend.

Auch die kleineren Rollen hat die Deutsche Oper optimal besetzen können, ob das nun Derek Welton als Pförtner oder Okka von der Damerau als Botin ist, sie tragen mit dazu bei, dass diese wunderschöne Gesangsoper, dieser Hymnus an die Liebe ein so großer Erfolg werden konnte.

www.deutscheoperberlin.de

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