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16:48 02.10.2019
Von Konrad Bockemühl
Ulrich Schulte-Wülwer vor Gemälden der Kieler Malerin Almuth Schwarz, entstanden um 1920 und derzeit im Künstlermuseum Heikendorf erstmals zu sehen. Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Ausstellungen in Stadtgalerie und Künstlermuseum Heikendorf begleiten aktuell den 2019 erschienenen dritten Band der Reihe über Kieler Künstler. Ein Gespräch über Herausforderungen, Erkenntnisse und Wirkungen der Mammut-Recherche.

Herr Schulte-Wülwer, Sie waren Chef des Museumsbergs Flensburg, lehrten bis zu Ihrer Pensionierung an der Kieler Uni, zertifizieren derzeit die Museen des Landes – und erweisen sich als Experte für Kieler Künstler. Wie kam es dazu?

Ulrich Schulte-Wülwer: Norddeutsche, schleswig-holsteinische Kunst im Allgemeinen war immer ein Schwerpunkt meiner Forschungstätigkeit, dazu gehören natürlich auch die Kieler Künstler. Aber es gab einen konkreten Anlass: Ich wurde von der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte aufgefordert, mich dem Thema dezidiert zuzuwenden. Das Ganze war zunächst auf einen Band beschränkt, aber der Einstieg war so gründlich, dass absehbar war, dass es dabei nicht bleiben würde.

Wie war die Quellenlage für dieses nun dreibändige Langzeit-Projekt?

Die Forschung beruht auf drei Säulen. Die eine waren schriftliche Nachlässe in Archiven, Museen, aber auch in privaten Händen, wobei das Entziffern der Briefe oder Tagebücher oft sehr mühselig war. Die zweite Säule ist das Aufspüren der Werke in Museen, Nachlässen und in privaten Sammlungen. Die dritte Säule sind die Feuilletons der damaligen Tageszeitungen. Ich hatte das Privileg, sie in der Kieler Landesbibliothek umfassend einsehen zu können. Die Auswertung aller Quellen war eine Sisyphusarbeit. Sechs Jahre saß ich jeden Tag dran, bin mit meinen Manuskripten in den Urlaub gefahren, habe auch an Wochenenden, in Zügen, Flughäfen überall und immer wieder überarbeitet und ergänzt. 

Das klingt schon fast gefährlich wissenschaftlich...

Wichtig ist, dass irgendwann etwas herauskommt, was auch lesbar ist und man nicht in der Fülle der Fakten erstickt. Es muss auch Neugierde geweckt werden und ich hoffe, dass mir dies gelungen ist. Wer irgendwo in den Text einsteigt, wird, davon bin ich fest überzeugt, die jeweilige Biografie zu Ende lesen – auch jemand, der sich nicht ausschließlich für Kunst interessiert. Das sind spannende Lebensläufe, häufig nicht ohne Tragik, auch weil die Stadt Kiel stets ein überaus schwieriger Standort für Künstler war.

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Die drei Bände umfassen bis 1945 insgesamt 1250 Seiten – davon sind ein Fünftel wohl reine Quellenhinweise.

Die Chance für ein derartig zeit- und kostenaufwendiges Projekt wird wohl kaum ein zweiter Forscher bekommen. Bleibt nur die Frage, ob jemand bereit ist, einen vierten Band zu schreiben. Ich werde das nicht mehr anpacken, obwohl es sehr lohnend wäre. Nach 1945 kamen mit den Flüchtlingen auch viele Künstler nach Kiel. Der Gegensatz von abstrakter und realistischer Kunst wurde hier sehr heftig ausgefochten und es bildete sich mit dem Bundesverband Bildender Künstler (BBK) ein neuer, streitbarer Interessenverband. Es melden sich bereits einige Kollegen und Doktoranden, die daran Interesse haben. Man müsste dann bis zum Jahr 1968 gehen, bis Harald Duwe, Peter Nagel, Raffael Rheinsberg. Da kommt man an noch lebende Künstler. Das macht’s nicht einfacher. Ich hatte den Vorteil, mich nur mit Künstlern zu beschäftigen, deren Lebenswerk abgeschlossen ist.

Wie haben Sie das dreibändige Werk angelegt?

Es handelt sich um Handbücher. Jeder Band umfasst eine in sich abgeschlossene historische Epoche. Es gibt jeweils einen einleitenden Teil, in dem das Kunstleben in Kiel umrissen wird – mit all seinen Verflechtungen auch in die Welt des Theaters und die jeweilige Kunstpolitik. Dann folgen die monografischen Künstlerbiografien.

Die Bände decken den Zeitraum von 1770 bis 1945 ab – was waren die für sie aufschlussreichsten Jahre?

Jede Epoche hat ihre Besonderheit. Die Zeit des Gesamtstaates war stark auf Kopenhagen und die dortige Kunstakademie konzentriert. Mitte der 1840er Jahre kommt es mit der Bildung eines schleswig-holsteinischen Gedankens jedoch auch in Kiel zur Gründung eines Kunstvereins und es wird eine erste Kunsthalle gebaut. Damit hatten die lokalen Künstler erstmals einen Ort der Selbstdarstellung. Dann folgt die preußische Zeit, die große Hoffnungen erweckt. Die noch in Kopenhagen Studierenden müssen Dänemark verlassen und warten in Kiel neugierig und sehnsuchtsvoll auf die Anfänge einer preußischen Kunstförderung.

Aber es tut sich nichts, im Gegenteil: Die kleine Kunsthalle wird in den 1880er Jahren abgerissen. Als Ersatz wird in der Dänischen Straße eine Baracke errichtet, bis dann erst 1909 die heutige Kunsthalle entsteht. Damit geht es langsam wieder bergauf.

Doch auch jetzt gibt es für die Kieler Künstler große Enttäuschungen: Die Direktoren der Kunsthalle richteten den Fokus sehr stark auf das nationale Kunstgeschehen und vernachlässigten die lokale Kunstszene. Einige Künstler reiben sich in der Auseinandersetzung mit der Kunsthalle auf oder sie streiten um die wenigen öffentlichen Aufträge, hinzu gesellt sich der Künstlerneid. Seit den 80er-Jahren melden sich verstärkt Künstlerinnen zu Wort, die keine Möglichkeit haben, staatliche Kunstakademien zu besuchen. Sie emanzipieren sich langsam, nachdem sie private und zumeist sehr teure private Kunstschulen besucht habe. Auch das ist ein spannendes Thema.

Das waren die fruchtbarsten Phasen für die Kunst in Kiel?

Fruchtbare Zeiten waren die 80er und 90er Jahre des 19. Jahrhunderts, als es Künstlern wie Fritz Stoltenberg oder Georg Burmester und später auch Heinrich Blunck gelang, ohne zu große Kompromisse an einen breiten Kunstgeschmack, in Kiel Fuß zu fassen. Das ist in Kiel sehr schwer gewesen, weil es insbesondere auch an Sammlerpersönlichkeiten fehlte. Es gibt viele Künstler, die sich hier nie entfalten konnten und untergegangen sind. Andere haben auswärts Karriere gemacht, aber immer ihre Bindung zu Kiel behalten, wie etwa Hans Olde und Carl Arp. Die Bücher haben hier bereits große Wirkung entfaltet: Arp wurde vor zwei Jahren im Stadtmuseum Warleberger Hof mit einer Ausstellung geehrt und die großartigen Bilder von Olde sind noch bis Ende Oktober auf Schloss Gottorf zu sehen. 

Sie räumen in ihren 77 Monografien Hans Olde und Hans Ralfs den breitesten Raum ein. 

Hans Olde war einer der bedeutendsten deutschen Impressionisten, sein Schüler Hans Ralfs landete als Bohemien in der Psychiatrie. Hans Hansen und Bruno Willer verloren ihr Leben an der Front, Richard Grune kam als Homosexueller in ein Konzentrationslager und Erich Schmidt-Kabul wurde zwangssterilisiert. Dagegen stieg Erich Vollbehr mit seinen Propagandagemälden zum Günstling des Führers auf.

Aber auch 14 Künstlerinnen sind ab Band 2 vertreten... 

Ja, die Künstlerinnen: Da ist im zweiten Band etwa Sophie Sthamer-Prell. Das Leben dieser Kieler Professorentochter ist hochspannend. Eine lückenlose familiäre Briefüberlieferung spiegelt das Leben dieser begabten, hochintelligenten und bildschönen Malerin. Sie wurde in Berlin und Paris ausgebildet, hat im Pariser Salon ausgestellt, war in Rom, und somit näher an den Quellen der Kunst als viele andere Künstler. Ihre Mutter war in der Kieler Gesellschaft bestens vernetzt und hat ihre Tochter gemanagt, bis sie einen Maler heiratete – die Eltern waren entsetzt!

Dieses Kapitel wird kein Leser aus der Hand legen: Ihr Mann wurde später Professor an der Dresdener Kunstakademie, verlangte aber von seiner Frau, dass sie aufhörte zu malen – weil sie, wie es hieß, begabter war als er. So etwas ist kein Einzelfall. Die Frauen gehorchten zumeist, legten ihre Pinsel beiseite und kümmerten sich um den Haushalt und die Familie.

Wenn man so ausgiebig recherchiert, erfährt man auch viel Unerwartetes, auch Unerfreuliches...

Mir fällt dazu die Biografie Friedrich Karl Gotschs ein. Als Schüler von Oskar Kokoschka hat er nationale Aufmerksamkeit gefunden. Sein Briefnachlass liegt auf Schloss Gottorf. Was es bislang an Literatur über Gotsch gibt, gleicht einer vom Künstler abgesegneten Heldenverehrung. Was ich jetzt geschrieben habe, gibt dagegen Einblick in eine nicht immer sympathische Lebenshaltung und künstlerische Identität. Natürlich bewerten wir die Werke, wie gerade bei Emil Nolde geschehen, nicht nach moralischen Kriterien, aber zur Vollständigkeit der Biografie von Gotsch gehört das Verhalten zu seiner jüdischen Künstler-Freundin Hilde Goldschmidt, die er 1933 sofort hat fallen lassen.

1945, als es ihm schlecht ging, hat er sie wieder angebettelt. Das ist nicht sehr sympathisch, aber was auch immer ich an Fakten ausfindig machen konnte, habe ich ausgewertet. Es kommt der Mensch in allen seinen Schwächen und Größen, in seiner Tragik und in seinen Verstrickungen zur Sprache. So auch Ingwer Paulsen aus Ellerbek: Ein durchaus begabter Künstler, der sich aber zu antijüdischen Hetzkampagnen hat hinreißen lassen und an der Aktion Entartete Kunst nicht unbeteiligt war.

Wo kann man heute am meisten Werken Kieler Künstler begegnen?

Die Werke sind überall verstreut. Die reichsten Bestände lagern in den Magazinen der Kunsthalle, dem Stadtmuseum Warleberger Hof und in der Landesbibliothek. Punktuell verwahrt die Stadtgalerie bedeutende Bestände für den Kieler Expressionismus. In Permanenz ist leider kaum etwas ausgestellt. Wir haben daher zu den Themen jedes Bandes Sonderausstellungen gezeigt. Derzeit zur Kunst der Weimarer Republik bis zum Ende des Dritten Reiches in der Stadtgalerie und im Künstlermuseum Heikendorf. Leider ist die Landesbibliothek nicht mehr wie zuvor beteiligt.

Und nun hat sich für Sie ein Kreis geschlossen?

Der Impuls der Bücher strahlt bis nach Dänemark. Im ersten Band habe ich den Kieler Johann Ludwig Lund behandelt, ein hoch bedeutender, in Rom und Paris ausgebildeter Künstler, Professor an der Kopenhagener Kunstakademie und einer der Väter des Goldenen Zeitalters der dänischen Malerei. Er hat alle schleswig-holsteinen Künstler an der Kopenhagener Kunstakademie unter seine Fittiche genommen und nach Kräften gefördert. Lund ist soeben in Kopenhagen wiederentdeckt worden. Die Eröffnung unter der Schirmherrschaft von Prinzessin Benedikt fand in der letzten Woche statt. Die Ausstellung wandert im kommenden Jahr durch mehrere dänische Museen und endet dann im Lübecker Behnhaus – leider nicht in Kiel. Aktuell schreibe ich vor dem Hintergrund der Volksabstimmung von 1920 für eine Ausstellung in Tondern einen Aufsatz über das deutsch-dänische Kunstverhältnis von 1820 bis 1920.

Die Bücher: Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler, 3 Bände, Hg. von der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte: Kunstleben und Künstlerreisen 1770-1870, Kunstleben in der Kaiserzeit 1871-1918, In der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, 1918-1945. Boyens Buchverlag, Heide.

Die Ausstellungen: Kieler Künstlerinnen und Künstler zwischen 1918 und 1945, Künstlermuseum Heikendorf und, Heinrich-Ehmsen-Stiftung in der Stadtgalerie Kiel, bis 24. November.

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Einige der 77 Kieler Künstlerinnen und Künstler aus den Jahren 1770 bis 1945, die Ulrich Schulte-Wülwer in seinen Bänden näher vorstellt

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