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Kultur Gewissensbisse wegen der Ermordung des Zarewitsch
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18:38 20.06.2017
Von Jürgen Gahre
Foto: Der aus Estland stammende Ain Anger zeichnet ein subtiles Porträt des Zaren und stellt seinen prachtvollen Bass stets in den Dienst des Werkes.
Der aus Estland stammende Ain Anger zeichnet ein subtiles Porträt des Zaren und stellt seinen prachtvollen Bass stets in den Dienst des Werkes. Quelle: Bernd Uhlig
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Berlin

Soll es die 1869 von der Zensurbehörde abgelehnte Urfassung oder die um den „Polenakt“ erweiterte, in St. Petersburg uraufgeführte Zweitfassung von 1874 sein? Oder möchte man nicht doch lieber die von Rimski-Korsakow neu instrumentierte, seinerzeit weltweit gespielte Version vorziehen, nicht zuletzt auch wegen des effektvollen Liebesduetts? Und dann gibt es ja auch noch die die Bearbeitung von Dimitri Schostakowitsch, dem man allemal eine geniale Bearbeitung zutraut. Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, eine eigene Zusammenstellung der verschiedenen Versionen zu bringen, wie das beispielsweise kein Geringerer als Herbert von Karajan in Salzburg getan hat. 

   In der Deutschen Oper Berlin hat man sich aus guten Gründen für die erst 1929 in Moskau uraufgeführte Erstversion von 1869 entschieden, dann hier kommt man den Intentionen des Komponisten gewiss am nächsten. Die Inszenierung von Richard Jones legt Wert auf klare Formen und Übersichtlichkeit, vermeidet also altrussisches Kolorit und Prachtentfaltung; selbst die Szene in der Schenke in der Nähe der Grenze zu Polen-Litauen ist von betonter Nüchternheit: Ein deftiges Besäufnis ist dort schwer vorstellbar. Die Bühnenbildnerin Miriam Buether hat hier für keinerlei Atmosphäre gesorgt, und so wirkt gerade diese Szene, in der Mussorgskij (der selbst ein starker Trinker war) alle Register einer urwüchsig-derben, bis an die Grenzen des Vulgären und Unflätigen gehenden Musik zieht, ausgesprochen steril. Ähnliches gilt für die gesamte Produktion, deren strenger Formalismus vitalem Bühnenleben im Wege steht.

   Zu Beginn der Oper sehen wir auf dem oberen Teil der zweigeteilten Bühne einen kleinen Jungen, der, in sein Spiel versunken, seinen Brummkreisel in Bewegung setzt. Einige Männer nähern sich ihm von hinten und ermorden ihn. Diese Szene wird mehrere Male wiederholt, und zwar immer dann, wenn der Zar Gewissensbisse wegen der Ermordung des Zarewitsch hat. Kaum aber ist Boris tot, da wird sein Sohn Fjodor, der eigentlich den Thron besteigen müsste, von den Bojaren und ihren Häschern auf dieselbe Weise umgebracht wie der Zarewitsch.

   Obwohl Boris Godunow nur in vier der insgesamt sieben Szenen auftritt, ist er die eindeutige Zentralfigur der Oper. Der aus Estland stammende Ain Anger zeichnet ein subtiles Porträt des Zaren und stellt seinen prachtvollen Bass stets in den Dienst des Werkes: Er ist einerseits ein  liebevoller Vater seiner beiden Kinder und andererseits ein von seinem Gewissen Gepeinigter. Auch die berühmte Sterbeszene gelingt ihm vorzüglich, da er hier ganz ohne theatralische Drücker auskommt. Nicht minder beeindruckend ist der Koate Ante Jerkunica als Pimen; auch sein Bass ist trotz voluminöser Schwärze geschmeidig. Der aus Aachen stammende Burkhard Ulrich kann als intriganter Schuiskij punkten, und der Amerikaner Robert Watson gibt dem Grigorij ein interessantes Profil.

   Kirill Karabits, seit der Spielzeit 2016/17 Generalmusikdirektorder Staatskapelle Weimar, führt das Orchester der Deutschen Oper gar zu vorsichtig durch die Partitur. Das Revolutionäre, das Ungeschliffene und die Kühnheit von Mussorgskijs Musik sind kaum zu hören, und die von Rimskij-Korsakow erwähnten „harmonischen Härten“ wirken bei Karabits zahm und fast belanglos.

Fazit: Die schön anzuschauende Produktion von „Boris Godunow“ mit ihren ästhetisch klaren Strukturen wirkt oft steril und bleibt musikalisch blass und ohne emotionale Tiefen.

www.deutscheoperberlin.de Weitere Aufführungen am 23. und 27. Juni und 1., 4. und 7. Juli / Kartentelefon 030-343 84 343

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