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Kultur Verdis digital maskierten Gefühle
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14:33 28.01.2018
Riccardo (Yoonki Baek) im digitalen Wellenzauber seiner fatalen Gefühle für die Frau seines besten Freundes Renato. Quelle: Olaf Struck
Kiel

Eigentlich ist in der Kommandozentrale von Gouverneur-Captain Riccardo alles transparent. Ein Wisch mit der ausgestreckten Hand und das Star-Treck-Gefolge erfährt auf der transparenten Videowand alles Wesentliche über Kontakte, Körpermaße, Vitalfunktionen. Gläsern sei der Mensch, hilfreich und gut. Nur die Gefühlswellen, die schon in der Ouvertüre hochschwappen, das neuronale Gewitter, das elementare menschliche Regungen wie Liebe, Eifersucht und Hass auslöst, wird wohl auch im 22. Jahrhundert nicht vollständig beherrschbar werden. Da spielen dann ewig unbekannt bleibende romantische Größen mit.

Auf weitgehend leerer Bühne sorgen Juan Guillermo Novas Projektionen in 3D-Videoclip-Anmutung für opulente visuelle Beschäftigung – auf technisch beeindruckend hohem Niveau. Sie kaschieren geschickt, dass Maestrinis Inszenierung im Kern über eine gänzlich konventionelle nicht hinauswill. Wer Fantasy-Ästhetik heraufbeschwört, darf eben auch keine Angst vor Kitsch, Jedi-Rittern und Kostümfest-Klischees (Kostüme: Alfredo Troisi) haben.

Riccardo geht leichtfertig mit Macht und Wissen um. Die Herrscherattitüde maskiert einen Traumtänzer, dem Yoonki Baek schwerelos gaukelnde und schwärmerisch schwelgende Tenor-Töne einverleibt. Die schwankenden, in Nebel des Grauens gehüllten Ehebruch-Gefühle der Amelia sind bei Agnieszka Hauzer in besten Händen. Ganz großes Gesangskino bietet nicht zuletzt Kiels neuer Kammersänger Tomohiro Takada als Renato. Mercedes Arcuri lässt den Pagen Oscar glitzern. Und als verteufelt kenntnisreiches Orakel Ulrica, hier überraschend analog „retro“ inszeniert als nahöstliche Medusa, spannt Tatia Jibladze beschwörende Gesangsbögen.

Daniel Carlberg zeichnet mit den Kieler Philharmonikern Verdis zwischen heikler Komik und bestürzender Tragik balancierende Partitur so sorgfältig in Tusche und Bleistiftlinien, dass tatsächlich keine Hell-Dunkel-Nuance verloren zu gehen scheint.

www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk

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