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Kultur Blick in Schumanns Krankenakte
Nachrichten Kultur Blick in Schumanns Krankenakte
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19:08 05.08.2018
Von Ruth Bender
Foto: Jens Thomas (li.) und Matthias Brandt.
Tief getaucht in Schumanns Seele Jens Thomas (li.) und Matthias Brandt. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Manchmal scheinen sich die Worte zu verselbständigen. Sie hasten, rennen den sich hoffnungslos verschlingenden Gedanken voraus und hinterher, verclustern zum Lautbrei. Und Matthias Brandt malmt, stammelt, würgt sie heraus wie Wortreste oder Sprachversuche, die kaum noch Sinn ergeben, dafür aber eine eigenartig verstörende Musik. Mit untergründigem Raunen mischt sich das Klavier von Jens Thomas hinein. Erst dumpfdunkel an den Saiten gezupft, dann in hallende Basstöne übergehend.

In der Nervenheilanstalt Endenich

Durch die letzten beiden Jahre Schumanns, der nach einem Selbstmordversuch im Frühling 1854 aus dem Rhein gezogen und in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn gebracht wurde, folgen Brandt und Thomas dem Kranken, die schon in ihren Projekten Psycho und Angst der Verdunkelung der Seele nachspürten. Ausgehend von Peter Härtlings Roman Schumanns Schatten, der 2006 zum 150. Todestag des Komponisten erschien, und dessen Ich-Erzähler Tobias Klingelfeld, Schumanns persönlichem Pfleger und Ich-Erzähler. Schade, dass die Künstler dem Publikum diesen Tipp zum Weiterlesen vorenthalten.

Innen- und Außensicht zugleich

Matthias Brandt ist in dieser Passionsgeschichte auf faszinierende Weise Innen- und Außensicht zugleich. Er lässt die Hände flattern und die Worte zerbröseln. Er flüstert, stottert und wütet, macht gurgelnder Verzweiflung Luft, stößt qualvoll die Worte hervor und lässt dann wieder Härtlings musikalischen Text mit beruhigend sonorer, leicht angerauter Stimme fließen. Dazu lässt Thomas auch die Stimme spielen. Sie summt und sirrt, vibriert in Obertönen, knarzt und wispert. Er ist die Stimmen, die in Schumanns Kopf kriechen. Es gibt keine Grenze zwischen Worten und Musik an diesem Abend.