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Kultur Selina Seemann auf der KN-Bühne: Schweineverspielen in Süderhackstedt
Nachrichten Kultur Selina Seemann auf der KN-Bühne: Schweineverspielen in Süderhackstedt
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20:00 09.05.2020
Von Thomas Bunjes
Selina Seemann aus Kiel las ihre teils höchst komischen Texte, trug aber auf Ernstes im Slam-Modus vor. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Sie habe im Bett gelegen und es überhaupt nicht geschafft, die auftrittslose Zeit zu nutzen, um Texte zu schreiben. „Ich hatte auch Angst davor, wenn das jetzt alle machen, dass dann ’ne Welle an Kunst kommt, die sich nur mit diesem Thema auseinandersetzt“, erklärt sie. „Ich habe jetzt angefangen, einen Roman zu schreiben, der gar nichts damit zu tun hat.“

Supermarkt skurril und Gänseverspielen

Viel mit dem eigenen Leben zu tun haben die Texte von Selina Seemann, geboren 1993 in Flensburg und aufgewachsen im Dörfchen Süderhackstedt an der Treene. Auch die fünf Exemplare auf der KN-Bühne, wie "Rewe", ein hochkomisches Kondensat tatsächlich erlebten skurrilen Kundenverhaltens in einem Supermarkt, in dem sie als Studentin in der Frühschicht jobbte.

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Oder "Das höchste Fest", der vom dreistündigen „Gänseverspielen“ im Dorfkrug erzählt, bei dem sich „Zeit und Raum krümmen“ zwischen Mettwurst und Rum-Cola. Der ins Absurde ausufernde Selbstversuch beim "Aufräumen mit Marie Kondo" oder auch die beiden ernsten Texte im Slam-Duktus.

Video: Selina Seemann auf der KN-Bühne

KN-Bühne: Spendenaktion

KN-Bühne: So können Sie spenden

Die KN-Bühne lädt von Di-So jeweils um 20 Uhr auf KN-online zur Vorstellung und bietet den vom Veranstaltungsverbot der Corona-Krise schwer betroffenen freien Künstlern eine Plattform.

Spenden für die Künstler sind erwünscht: auf dem Spendenkonto „KN hilft e.V.“ bei der Förde Sparkasse (Konto DE05 2105 0170 1400 2620 00). Die Spenden werden wöchentlich unter den auftretenden Künstlern aufgeteilt. Am Sonntag, 10. Mai 2020, auf der KN-Bühne: Singer-Songwriter Florian Künstler.

Diese Künstler standen schon auf der KN-Bühne - zu den Videos:

Erste Auftritte mit 17, später Studium

Vor zehn Jahren mit 17 Jahren wagte Selina erste Auftritte. „Ich bin vorher immer zu Poetry Slams gegangen und war Fan“, erzählt sie. „Ich hab das dann mal ausprobiert und es hat eigentlich auch ganz gut funktioniert.“ Gefragt allerdings, ob sie nicht bei den schleswig-holsteinischen U-Meisterschaften antreten wolle, setzte sie Prioritäten und verzichtete: „An dem Abend war mein Abiball.“ Danach zog Selina fürs Lehramts-Studium (Germanistik, Anglistik) nach Hamburg, studierte dann in Flensburg weiter. „Ich hab’ die kreative Energie eher aufs Studium verwendet.“

Lehrerzukunft kontra Biorhythmus

Ein Praktikum während des Studiums bei Björn Högsdal, einem der umtriebigsten Slam-Aktivisten im Norden, entfachte erneut Selinas Passion. Sie half mit bei der Organisation des Kieler Spoken-Word-Festivals, und irgendwann fiel Högsdal ein, sie habe doch selbst geslamt. Ob sie das nicht wieder ausprobieren wolle. Selina begann wieder zu schreiben, machte noch ihren Bachelor fertig, aber während sie ihren Master baute, wähnte sich auf dem falschen Weg – ganz grundsätzlich.

„Das frühe Aufstehen ist einfach nicht mein Ding. Ich hab’ mich eingeengt gefühlt, das hat mir echt Angst gemacht, dass mein restliches Leben lang machen zu müssen. Der große Vorteil daran, selbstständig zu arbeiten, ist, dass ich meinen Biorhythmus nicht quälen muss.“ Aber sie sei froh, das Studium zu haben: „Das ist das, worauf ich zurückfallen kann.“ 

Coronavirus frisst die Auftritte

Sie lebe von Poetry Slams, Auftritten. Moderationen, manchmal Auftrittstexten, die jetzt vom Coronavirus gefressen wurden – etwa die Moderation beim ausgefallenen Deichbrand oder beim Norden Festival. Ihr letzter Auftritt datiert auf 12. März. Ein anderes, allerdings noch wenig lukratives Projekt zusammen mit dem Poetry-Slammer Fabian Navarro sei Eloquentron3000 – ein Bot, der auf Instagram eigene Gedichte schreibt – „teils erschreckend gut“, findet Salina.

„Damit verdienen wir ab und zu auch ein bisschen Geld bei Shows, das ist aber eher ein Liebhaberprojekt.“ Also bliebe ihr momentan nur das Aufbrauchen von dem Ersparten, das ihre Altersvorsorge sein sollte. „Ich muss gucken, wie lange das hält, dann werde ich wahrscheinlich Grundsicherung beantragen müssen.“

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Christian Strehk 09.05.2020
KN-online (Kieler Nachrichten) 09.05.2020