Vincent Peirani in Neumünster: Avantgarde ganz ohne Grenzen
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08:31 21.09.2019
Von Dieter Hanisch
Vincent Peirani (rechts) beim Konzert in der Werkhalle in Neumünster. Quelle: Manuel Weber
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Neumünster

Das Akkordeon ist weitaus mehr als Musette und Tango. Den Beweis dafür tritt der in Nizza geborene 39-Jährige an, der beseelt und beherzt scheinbar mühelos alle musikalischen Grenzen sprengt. Vor  über 300 Besuchern in der ausverkauften Werkhalle entwickelt sich ein magisches Konzert, für das es am Ende tosenden Applaus gibt. Barfuß betritt Peirani, der hierzulande bereits fünfmal den Echo Jazz  einheimste, die Bühne, die er am Ende erst nach drei Zugaben verlässt.

Von Folk bis Progrock

Was mit sanften und mediterranen Tönen beginnt, bekommt schnell sinfonische Züge und steigert sich zwischendurch zu einem eruptiven Etwas, das zwischen Avantgarde und Free Jazz hin und her balanciert, keine Scheu vor Crossover zeigt und dann doch wieder voller Sehnsucht einen melodischen Hafen ansteuert. Von Folk über Klassik zu zügellosem Progrock – Peirani & Co. ziehen in knapp 100 Minuten alle Register und erweisen sich als harmonisches Aggregat für ein gigantisches Spektakel.

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Exzellente Band

Nicht nur der wagemutige Peirani, auch sein großartiger Sopransaxofonist Émile Parisien setzt immer wieder energetische Farbtupfer, und spielt Letzterer sich minutenlang in leidenschaftliche Ekstase, dann wundert man sich, weshalb er ohne Sauerstoffzelt auskommt. Weiterer wichtiger Partner für den Akkordeon-Star Peirani ist der Keyboarder Tony Paeleman, der neben seiner Tastenarbeit dem Klangkosmos auch immer wieder elektronische Effekte beisteuert. Viel Verve verkörpert auch Julien Herné am viersaitigen E-Bass, während an den Drums Yoann Serra mal Minimalist, mal virtuos-voluminöser Schlagwerker ist.

Solo als Schlusspunkt

Hauptsächlich tragen Peirani und Mitstreiter Stücke aus dem Album Living Being II - Night Walker vor. Dadurch kommt Neumünster in den Genuss spannender instrumentaler Coverversionen von Led Zeppelin wie das dreiteilige Kashmir To Heaven, von Henry Purcell mit dem Cold Song aus der Semi-Oper King Arthur sowie der Komposition Bang Bang von Sonny Bono. Aber auch eine Eigenkomposition wie Enzo unterstreichen Peiranis schöpferisches Können.

Dabei greift er zur Melodica-ähnlichen Accordina. Den Schlusspunkt bildet Peirani allein auf der Bühne mit dem Titel Choral aus seinem Album Thrill Box. Dabei taucht die Werkhalle in eine andächtige Stille. Anschließend reißen sich die Besucher um ein Autogramm des Franzosen.