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Kultur Von der Liebe zu düsteren Geschichten
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16:03 15.08.2018
Wo ist die Torte? Thé Tjong-Khing ist berühmt für seine Torten-Bücher (hier ein Auszug aus dem ersten Band: „Die Torte ist weg“), in denen es mit Diebstählen und Verfolgungsjagden hoch hergeht. Quelle: Moritz-Verlag
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Hannover

Seine Torten-Bücher haben den Illustrator Thé Tjong-Khing weit über die Grenzen seiner Wahlheimat, den Niederlanden, hinaus berühmt gemacht: Warum er nun, mit 85 Jahren, doch noch mit dem Schreiben angefangen hat, obwohl er von sich selbst sagt, dass er nicht besonders gut schreiben kann, darüber spricht der gebürtige Indonesier im Interview.

Herr Thé, Sie haben 1956 als junger Mann Indonesien verlassen und in den Niederlanden Ihr Glück gesucht. Warum?

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Indonesien war damals eine holländische Kolonie. Wir waren zwar auf dem Weg zur Unabhängigkeit, aber wir waren arm. Ich konnte nicht malen, ich konnte keine Bücher veröffentlichen, also bin ich gegangen. Ich hatte ein Studentenvisum für Holland und schrieb mich für Werbung ein. Aber das Studium gefiel mir nicht, Werbung war nicht mein Ding, deshalb habe ich die Schule schnell wieder geschmissen.

Mussten Sie dann nicht zurück nach Indonesien?

Ja, ich hatte furchtbare Angst, dass sie mich zurückschicken. Das wollte ich auf keinen Fall. Also habe ich mich in einem Comic-Strip-Studio beworben. Dort brauchte man mich eigentlich nicht, aber ich habe den Chef angebettelt, denn die Polizei war hinter mir her. Ich wollte kein Geld, ich wollte nur einen Arbeitsplatz. Das Studio hat mich tatsächlich gerettet, ich durfte dort arbeiten und in Holland bleiben.

In der europäischen Politik gibt es derzeit heftigen Streit darüber, wie man mit Flüchtlingen aus Afrika und Asien umgehen soll. Wie denken Sie darüber?

Jeder Mensch verdient eine Chance auf ein Leben in Frieden und Sicherheit. Von daher kann ich all die armen Leute verstehen, die ihr Glück bei uns suchen. Aber natürlich sehe ich auch Probleme. Wenn unterschiedliche Kulturen und Wertesysteme aufeinanderprallen, das weiß ich noch aus Indonesien, dann kann es krachen.

Quelle: privat

Sie sind international berühmt geworden mit Ihren Torten-Kinderbüchern. Darin erzählen Sie spannende Geschichten ganz ohne Text. Warum fällt bei Ihnen kein einziges Wort?

Ganz einfach: Ich kann nicht besonders gut schreiben. Ich bin kein Autor, ich bin Zeichner. Ich habe seit jeher Bücher illustriert, aber für den Text waren immer andere zuständig. Das erste Torten-Buch war reiner Zufall. Ich war eigentlich damit beauftragt, ein Kinderbuch zu illustrieren, aber meine Entwürfe gefielen der Autorin nicht. Also saß ich da mit einer Geschichte ohne Text. Aber dem Verlag gefielen meine Sachen, und den Kindern auch.

Ist es einfacher oder schwieriger, ein Buch ohne Text zu illustrieren?

Für mich war es am Anfang eine Herausforderung. Das Problem war: Ich musste mir einen Plot überlegen, der spannend für Kinder ist, mit dem ich 16 Seiten füllen kann, auch ohne denkende oder sprechende Figuren. Als rettende Idee kam mir ein Diebstahl mit Verfolgungsjagd, denn da kann ich von Seite zu Seite die Szenerie verändern, neue Figuren einführen und immer etwas Neues passieren lassen. Inzwischen basieren alle meine Torten-Bücher auf einem Diebstahl mit anschließender Verfolgungsjagd.

Meistens handelt es sich beim Diebesgut um besagte Torte. Wie kamen Sie ausgerechnet auf eine Torte? Stehen Sie auf Süßes?

O ja. Aber ich darf nicht zu viel davon essen. Die Torte kam mir in den Sinn, weil ich weiß, dass sie in Kinderaugen etwas besonders Wertvolles und Festliches ist. Ist die Torte weg, sind Wut und Trauer groß – und das macht die Jagd auf die Torte umso spannender.

Wo ist die Torte? Thé Tjong-Khing ist berühmt für seine Torten-Bücher (hier ein Auszug aus dem ersten Band „Die Torte ist weg“), in denen es mit Diebstählen und Verfolgungsjagden hoch hergeht. Quelle: Moritz-Verlag

In Ihren Büchern wimmelt es von Tieren, Menschen spielen keine Rolle. Warum?

Tiere sind in Kinderbüchern einfach besser aufgehoben als Menschen. Tiere haben kein Alter, keine Rollen, die sie erfüllen müssen. Sie dürfen sowohl kindisch als auch erwachsen sein, sowohl hässlich als auch süß, sie dürfen sein, wie sie sind.

In Ihrem neuesten Werk „Henry bei den Dinosauriern“, das gerade erschienen ist, wagen Sie sich auf neues Terrain. Erstens ist die Hauptfigur kein Tier, sondern ein kleiner Junge. Zweitens gibt es einen Text. Wie kommt’s?

Das Buch war eine Auftragsarbeit für das Naturkundemuseum in Leiden. Es beruht auf einer wahren Geschichte, nämlich dem Fund eines Tyrannosaurus-Rex-Skeletts, das unter dem Namen „Trix“ in den Niederlanden bekannt und ausgestellt ist. Das Buch sollte möglichst informativ sein, deswegen musste leider ein Text her.

Ist Ihnen das Schreiben schwergefallen?

Ja, aber ich hatte zum Glück ein bisschen Hilfe. Mein größeres Problem war, eine spannende Geschichte zu erzählen. Ich wollte sie nicht allein in der Urzeit spielen lassen, das kam mir langweilig vor, deshalb erfand ich Henry, den kleinen dinobegeisterten Jungen, der im Traum zu den Dinosauriern reist.

„Henry bei den Dinosauriern“ ist sehr realistisch und rabiat, und die Geschichte geht – wie wir wissen – für die Urzeitgiganten nicht gerade gut aus. Glauben Sie, Kinder mögen diese schonungslose Art des Erzählens?

Und ob. Ich habe das an meinen vier Enkelkindern getestet, denen kann es gar nicht rabiat genug sein. Vielleicht haben sie das von mir. Ich liebe düstere, böse Geschichten, ich mag üble Charaktere und fiese Handlungen, die lassen sich auch viel besser illustrieren. Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: Aber auch in den Torten-Büchern ist niemand wirklich nett, ständig gibt es Streit, ständig kriegt jemand etwas auf die Mütze – das macht die Geschichten dynamisch. Kinder lieben das, sie finden das komisch.

Thé Tjong-Khing jüngstes Werk „Henry bei den Dinosauriern“ erscheint am 20. August im Moritz-Verlag (32 Seiten, 14 Euro). Quelle: Moritz-Verlag

Sie sind vor wenigen Tagen 85 Jahre alt geworden. Haben Sie das groß gefeiert?

Ja, aber eher unfreiwillig. Ich bin nicht so der Typ für große Feste, aber meine Frau und meine Enkelin haben eine Überraschungsparty organisiert.

Mehr über den niederländischen Illustrator auf:
https://www.thetjongkhing.nl/

Von Sophie Hilgenstock