Vor Metal Summit: Wacken-Chef Thomas Jensen räumt zu wenig Lobbyarbeit ein
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Vor Metal Summit: Wacken-Chef Thomas Jensen räumt zu wenig Lobbyarbeit ein

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20:44 10.01.2021
Von Thomas Bunjes
Das diesjährige Wacken-Open-Air ist ausverkauft. Laut Festival-Mitbegründer Thomas Jensen soll es auch wieder ein „Wacken World Wide“ geben. Quelle: Carsten Rehder
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Die Premiere des "Metal Summit", initiiert vom Verein "Metality", sollte Ende 2020 abgehalten und kommt jetzt nur ein wenig verzögert. Aber wäre es angesichts der prekären Entwicklung in der Kulturlandschaft nicht schon früher in solch einem Rahmen die Frage „Wieviel muss Kultur dem Staat wert sein?" zu stellen?

Thomas Jensen: Die Frage hätte man sich eigentlich schon vor der Pandemie stellen können. Aber: Es ist nie zu spät! Der Kulturbereich ist aber noch immer nicht genug in den Fokus gerückt worden. Deshalb würden wir dazu gern einen bescheidenen Beitrag leisten, mit vielleicht ja interessanten Gedanken und Ideen.

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Es hat ja immer mal wieder ähnliche Fingerzeige gegeben, die den sozialen Wert von Kultur hervorgehoben haben. Haben die was gebracht?

Schwer zu beurteilen. Noch nicht genug. Oder vielleicht sind wir auch schon auf dem Weg. Wir waren es in der Musikszene ja immer gewohnt, dass wir ohne Hilfe auskommen müssen. Eigentlich auch auskommen wollen. Wir wollen einfach unser Ding machen. Das sagen, was wir zu sagen haben. Jetzt Hartz IV zu beantragen, ist ja nicht das, was die meisten Musiker machen. Die kämpfen sich durch, auch die Crews und die ganzen kleinen Veranstalter.

„Milliarden für die Wirtschaft“ heißt es in der Ankündigung des ersten "Metal Summit" mit Verweis auf üppige Finanzspritzen für Lufthansa, Bahn und Gastronomie. Allerdings ist ja auch Kultur nicht nur Unterhaltung und sozialer Gesellschaftskitt, sondern auch ein enormer Wirtschaftsfaktor ...

Wir haben Lobbyarbeit vernachlässigt. Aber das hängt auch, wie erwähnt, mit unserer Attitude zusammen. Ist das Rock’n’Roll? Für mich kam Rock’n’Roll immer aus ’nem dreckigen Keller, muss laut sein und ein Stück weit auch gefährlich. Es wird in dem Summit sicherlich die Frage nach der alten Diskrepanz zwischen U- und E-Musik auftauchen. Ich habe Freunde an einem Staatstheater, da gibt es ein Auffangnetz, die kriegen Kurzarbeitergeld. Meine Mitarbeiter auch. Die große Problematik ist aber ja, dass die Solo-Selbstständigen jetzt durchs Netz fallen. Die in unserer Ankündigung erwähnte Gastronomie hat natürlich auch ein Riesenproblem. Für mich gehört Rock’n’Roll, Kneipe und Club zusammen, wir sitzen da absolut in einem Boot.

Liegt es also daran, dass kleine Künstler, Clubs und Privattheater leise sterben und nicht wie TUI – ohne Staatshilfen – mit einem lauten Knall?

Ja, sicherlich, und darum geht es uns ja. Es gibt ja Aktionen wie „Alarmstufe Rot“ – ganz leise sterben wir nicht. Wir in Wacken werden auch nicht sterben, uns ist immer noch was eingefallen, und Lautstärke wird auch erzeugt, das haben wir 30 Jahre lang geübt. Die Kultursubvention, die wir jetzt schon haben, etwa bei der E-Musik, die hat ja auch ihre Berechtigung. Das SHMF ist ja für sich genommen ’ne tolle Sache. Da jetzt zu sagen, die kriegen und wir nicht, jetzt bin ich beleidigt und stell’ mich in die Ecke und heul’, das war nie unser Ansatz. Ich denke aber, es ist an der Zeit, weiterzudenken und zu überlegen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Und ich auf jeden Fall in einer Gesellschaft, wo Rockmusik und überhaupt Kultur einen großen Anteil hat. Dafür müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen. Subventionen sind ja immer kritisch zu sehen. Es kann ja auch andere Unterstützung geben, etwa bei Genehmigungsverfahren – Lautstärkebeschränkungen für Clubs, das ist ja auch ein Riesenthema.

"Metal Summit"

Der erste „Metal Summit“ am Donnerstag, 14. Januar, in Hamburg soll Auftakt einer Veranstaltungsreihe sein, um gesellschaftspolitische Themen aus Sicht des Metal und seiner Werte – genannt werden hier seinets der Veranstalter Respekt, Toleranz und Teilhabe – zu diskutieren. „Wie viel muss dem Staat Kultur wert sein?“ lautet die Frage zur Premiere. Moderiert von Reinhold Beckmann sprechen darüber Carsten Brosda (Hamburger Kultursenator, SPD), Erhard Grundl (kulturpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen), Christoph Schwennicke (Chefredakteuer Cicero), Nina George (Bestsellerautorin und Präsidentin des European Writer’s Council), Hans-Jürgen Papier (langjähriger Präsident des Bundesverfassungsgerichts) und Thomas Jensen („Metality“-Mitglied und Mitbegründer des Wacken-Open-Air-Festivals). Die nicht-öffentliche Veranstaltung wird von 18 bis 20 Uhr live im Internet übertragen. Zugangsdaten für das Streaming sind zuvor rechtzeitig abrufbar über www.metality.org.

„Metality“ hat eine an Bundesfinanzminister Olaf Scholz gerichtete Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen für Musikerinnen und Musiker gestartet. Das müsste dann ja aber bei einer Umsetzung ja auf Künstler allgemein ausgeweitet werden.

Ja, absolut. Das ist jetzt ein Schuss, den man einfach mal rausgehauen hat, um die Diskussion in Gang zu bringen.

Wie realistisch ist denn solch eine Forderung?

Ich bin mal gespannt, was da für Diskussionen kommen. Ein Teil kriegt Überbrückungshilfen, ein Teil kriegt Kurzarbeitergeld. Das ist ja teilweise wie ein Grundeinkommen. Jetzt kann man das auch mal weiterdenken: Wir haben ein gesamtgesellschaftliches Problem, diese Pandemie bedroht uns, aber wir haben den festen Willen, dass wir Kultur wollen.

Der „Metal Summit“ soll als eine – Zitat – „laute, nicht überhörbare Stimme im gesellschaftlichen Diskurs etabliert“ werden. In welcher Häufigkeit müsste er dafür tagen? Reicht da einmal pro Jahr?

Das müsste sicherlich öfter sein. Metality ist ja ein Verein, der im Aufbau auch noch eine Stiftung beinhalten wird. Ich glaube, dass wir diesen Anspruch, laut zu sein, durchaus erfüllen können und werden.

Apropos laut, jetzt komme ich noch mal aufs Wacken Open Air zu sprechen - das ist 2021 ausverkauft wie gewohnt. Was aber, wenn Ende Juli die Inzidenzwerte noch immer nicht niedrig genug sind. Gibt es dann wieder ein semi-virtuelles „Wacken World Wide“ wie 2020?

Wacken World Wide“ wird es so oder so geben. Das hat uns Spaß gemacht, die Resonanz war top. Wir hatten immer gesagt, dass das kein Ersatz sein kann für das Wacken Open Air. „Wacken World Wide“ ist eigentlich ein Weiterdenken dessen, was wir in Wacken erleben, dass die Szene aus der ganzen Welt zusammenkommt, allerdings dezentral. Was nun im Sommer passiert, das liegt ja ein Stück weit auch in unserer Hand. Ich bin sicher, dass wir da auf den Rückhalt der Fans bauen können und da ganz, ganz viel umsetzen.

Warum wurde 2021 der „Wacken Wednesday“ – zur Premiere mit Lindemann, Clawfinger und Varang Nord – draufgepackt?

Nach der politischen Entscheidung, dass es im Sommer 2020 nichts gibt, gab es viele Anfragen von Fans: Jetzt müsst ihr zwei Wochenenden machen! Wir haben das im Team überlegt, es fühlte sich aber nicht so an, dass man das so umsetzen kann, dass es irgendwie Sinn macht. Dann haben wir gesagt: Wenn wir die Genehmigung bekommen, dann wäre es so was wie ein Zusatzkonzert, auf das ich gehen kann, aber nicht gehen muss, aber das kostet extra. Wer schon mal auf ’nem Mittwoch da war, der weiß ja, dass an sich genug Programm auch abseits des Infields ist. Die Resonanz ist bis jetzt – wie immer – überwältigend.

Ist das eine einmalige Sache mit dem zusätzlichen Konzert-Mittwoch oder bleibt das so?

Das kann ich jetzt schwer sagen. Aber wir wollen da dann auch ein bisschen experimentieren. Man muss mal gucken, wie das läuft und ob die Behörden es noch mal genehmigen würden. Wir haben jetzt eine Genehmigung für Mittwoch, da sind wir auch dankbar.

Interview: Thomas Bunjes