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Kultur „Das große Los gezogen“
Nachrichten Kultur „Das große Los gezogen“
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10:00 07.01.2017
Von Konrad Bockemühl
"Jahrhundertentwurf": Thomas Hengelbrock vor der Elbphilharmonie im Hamburger Hafen, seiner neuen Residenz als NDR-Chefdirigent.  Quelle: dpa
Hamburg/Kiel

Herr Hengelbrock, was sehen Sie, wenn Sie gerade nach der Probe aus dem Fenster im 12. Stock der Elbphilharmonie schauen?

 Ich sehe die fünf Hamburger Hauptkirchen und habe einen herrlichen Blick von meinem Dirigentenzimmer aus über die Stadt.

 

 Man könnte meinen, Sie müssten der glücklichste Mensch, allemal Dirigent, der Welt sein, dass gerade Sie am 11. Januar die Elbphilharmonie am Pult einweihen dürfen ...

 Ich bin sehr glücklich. Man kann sich als Dirigent und Orchesterchef keinen besseren Saal, kein schöneres Haus vorstellen. Und ich bin mit meinen Musikern vollkommen einer Meinung, dass wir das ganz große Los gezogen haben. Da ist es eine Freude und eine Ehre, nach diesem Wunderbau benannt zu sein.

 

 Von den Proben her kennen Sie den Saal besser als jeder andere: Erwartungen erfüllt?

 Alle Erwartungen weit übertroffen!

 

 Also weit mehr als eine attraktive Verpackung mit Wahrzeichen-Potenzial. Was ist für Sie das Außergewöhnliche an der Elbphilharmonie?

 Wie alle anderen Besucher von nah und fern haben auch wir Musiker zunächst nur die sehr attraktive und signifikante Hülle des Gebäudes wahrgenommen. Als wir mit den Proben begannen, entstand sogleich eine große Konzentration auf die Musik. Der Raum hat eine ganz eigene Aura und besondere Wärme, es ist magisch und sehr berührend, hier zu proben.

 Wie würden Sie den Charakter der Akustik beschreiben?

 Die Akustik vereint sehr viele wünschenswerte Parameter. Sie ist transparent, die einzelnen Instrumentenfarben werden sehr klar in ihrer jeweiligen Idiomatik abgebildet. Zugleich hat dieser Saal aber eine große Wärme, das ist nicht selbstverständlich. Es gibt durchaus Säle, die fast ein wenig kühl oder zu transparent, zu kristallin sind; dann ist das emotionale Wahrnehmen von Musik nicht in so reicher Weise möglich. Das ist in diesem Saal das Faszinierende: Durch die Möglichkeit, sehr differenziert zu hören, werden die intellektuellen Ansprüche befriedigt, durch den warmen, menschlichen Klang, der in diesem Raum herrscht, werden Gemüt und Gefühl angesprochen.

 

 Das macht neugierig! Der Preis dafür war freilich hoch. Ob das tatsächlich schnell vergessen sein wird, hängt sicher auch von der Breite des Angebotes für möglichst viele Menschen ab ...

 Wir sind auf Monate überbucht. Für die nächste Saison gibt es so viele Voranfragen, dass wir im Moment vor der Frage stehen, wie wir unser Angebot kurzfristig noch vergrößern können, um möglichst vielen Menschen den Zugang zur Elbphilharmonie zu ermöglichen. Ich glaube, dass das Haus auf dem besten Wege ist, auch langfristig das kulturelle Herzstück im Norden zu werden. Auch wenn es sicherlich für klassische Musik stehen wird, sehen wir die Grenzen mittlerweile ja sehr offen und dehnbar. So spielen wir als klassisches Sinfonieorchester Musik von der Renaissance bis zur Uraufführung zeitgenössischer Komponisten, wir spielen Jazz und machen Musik mit unseren Popsendern wie N-Joy.

 

 Müssen noch Dinge nachgebessert werden?

 Bisher haben wir da nichts entdeckt. Natürlich müssen sich noch viele Abläufe einspielen. Es gibt sehr komplexe Technik und viel Elektronik hier. Aber das ist doch immer so, dass das eine oder andere noch nicht gleich funktioniert und ausprobiert werden muss.

 

 Was war bis dato Ihr persönlicher Favorit unter den weltweiten Konzertsälen?

 Bisher war es das Concertgebouw in Amsterdam. Aber jetzt ist die Elbpilharmonie meine neue Nummer eins. Das ist meine persönliche Meinung – nicht, dass Sie denken, ich wäre qua Amtes dazu verpflichtet. Ich empfinde dieses Bauwerk in einer beglückenden Weise als gelungen. Es ist wirklich ein Jahrhundertentwurf.

 

 Weinberg versus Schuhkarton: Auch Kiel hat einen Konzertsaal, der durch besondere, „intime“ Nähe des Publikums zu den Musikern besticht.

 Ich liebe das Kieler Schloss! Erstmals bin ich dort sicherlich vor 25, vielleicht 30 Jahren aufgetreten. Es ist attraktiver Saal, der sehr gut klingt. Allerdings sollte er deutlich aufgefrischt und saniert werden. Das Kieler Schloss ist ein fabelhafter Konzertsaal, der für eine Stadt wie Kiel genau die richtige Größe hat; und ich finde es wichtig, dass er für das Musikleben erhalten bleibt.

 

 Jetzt steht eine Sanierung für 24 Millionen Euro an – da muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.

 Zunächst mal etwas Grundsätzliches zum Thema öffentliche Förderung: Von unseren Steuergeldern werden nicht nur Straßen gebaut, sondern auch saniert, die Infrastruktur in unserem Land wird für viele Milliarden erneuert und in Gang gehalten, es werden vollkommen zu Recht viele Milliarden in die Bildung und in den Nachwuchs gesteckt. Da muss es selbstverständlich sein, auch für die Kultur ausreichende Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Das sind ebenfalls Infrastrukturmaßnahmen – kein Almosen, das wir erbitten müssen. Wenn wir immer nur nach dem kurzfristigen Kosten-Nutzen-Prinzip gehen, betreiben wir einen Raubbau an unserer gewachsenen europäischen Kultur. Es ist beschämend, dass Kulturschaffende immer wieder als Bittsteller auftreten müssen.

 

 Sie haben oft, zuletzt im Sommer 2016 beim SHMF, im Kieler Schloss dirigiert. Wie ist Ihr Eindruck vom Saal, der Akustik, den Räumen hinter der Bühne?

 Ich habe nur beste Erinnerungen an den Kieler Konzertsaal. Wenn es Leute gibt, die sagen, man hört sich nicht gut auf der Bühne, ist das auf sehr hohem Niveau kritisiert. Ich bin seit 30 Jahren in der ganzen Welt unterwegs, kenne unzählige Säle und muss sagen, dass das Kieler Schloss wirklich ein hervorragender Konzertort ist. Bei Festivalkonzerten bin ich immer wieder von der wahnsinnig netten Betreuung hinter der Bühne bezaubert. Die Damen machen das so gut, dass ich gar nicht darüber nachdenke, ob der Raum mal neu gestrichen werden muss. Auf der anderen Seite gehört natürlich ein Mindeststandard etwa der sanitären Einrichtungen dazu, der sollte geschaffen werden. Ich drücke Ihnen die Daumen für Kiel!

 

 Diese NDR-Konzertsaison machen Sie sich rar in Kiel. Werden Sie als Resident der Elbphilharmonie auch künftig das Kieler Schloss im Blick behalten?

 Ich mache mich derzeit überall rar. Es ist eine immense Aufgabe, den Sprung in die Elbphilharmonie zu schaffen und mit neuen Formaten wie den „Konzerten für Hamburg“ die Akzeptanz für unser neues Haus breit aufzustellen. Natürlich werden wir wieder nach Kiel kommen. Wir sind ein Rundfunk-Sinfonieorchester, das den Auftrag hat, im gesamten Sendegebiet zu spielen und das wird so bleiben.

 

 Interview: Konrad Bockemühl

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