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Kultur Gedichte als "Überlebensmittel“
Nachrichten Kultur Gedichte als "Überlebensmittel“
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20:23 23.09.2019
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Skeptiker mit Augenzwinkern: Günter Kunert im März beim Fototermin zu seinem 90. Geburtstag im ehemaligen Schulhaus in Kaisborstel. Quelle: Georg Wendt
Kiel/Kaisborstel

Außerdem habe der am Sonnabend in Kaisborstel verstorbene Günter Kunert "die wichtigen Autoren in Ost und West persönlich gekannt, und durch ihn kam Leben in die schleswig-holsteinische Literaturbude: Walter Jens, Peter Härtling, Adolf Ender, Ralph Giordano …“ Kunert war außerdem der erste Präsident der 1986 in Salzau gegründeten Literaturgesellschaft SH „und als solcher in der Wendezeit ein großer Beförderer der hiesigen Szene“. Die Veranstaltungsreihe „Dichter predigen“ in der Lübecker St. Petri Kirche, erinnert sich Missfeldt, hat er ebenso erfunden wie deren Namen.

Mischung aus Skepsis und Zugewandtheit

Literaturhausleiter Wolfgang Sandfuchs hat Kunert erst später kennengelernt – und sich sofort einnehmen lassen, von der „unglaublichen Mischung aus Skepsis, Vorbehalten und menschlicher Zugewandtheit“: „Das habe ich sehr gemocht.“ Ebenso wie das Gebrochene in seiner Kunst. Dazu passt, was der Lyriker und Journalist Michael Augustin auf Anfrage aus Athen schreibt: „Günter war ein Mensch, bei dem auf schier unfassbare Weise Melancholie und Humor zusammentrafen und auf das Schönste und Produktivste harmonierten.“ Augustin beschreibt den Freund, den er regelmäßig besuchte, als den „wohl freiesten, wahrhaftigsten und unabhängigsten Menschen“, den er je kennengelernt habe: „Gedichte waren für ihn bis ganz zuletzt Überlebensmittel.“

Poetisch-philosophische Degenstiche

Fehlen, sagt Augustin, werde ihm der große Geschichtenerzähler Kunert mit seinen Anekdoten und Kommentaren zum Weltgeschehen: „Seine phantastische Fähigkeit, die Mächtigen dieser Erde mit seinen poetisch-philosophischen Degenstichen von den Sockeln zu jagen.“ Haltbarkeit attestiert er vor allem den Gedichten: „Sie werden bleiben wie seine schrägen Zeichnungen und Collagen.“ Das wichtigste Buch aber ist für den 66-Jährigen die Autobiografie "Erwachsenenspiele": „Das Buch sollte auf dem Lehrplan aller Schulen stehen.“ Und dann sind da noch die Lesungen im Literaturhaus: „Das waren kleine, kurze, großartige Abende“, erinnert sich Wolfgang Sandfuchs. „Lesung, keine Fragen – aber signiert hat er bis zum Schluss“.

Über 70 produktive Jahre

Die schleswig-holsteinische Kulturministerin Karin Prien würdigte Kunert als einen der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache: „Das Leben und Werk von Günter Kunert spiegelt die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert eindrucksvoll wieder. Über 70 Jahre war Kunert außerordentlich produktiv und hat die Entwicklung dieses Landes mit seinem Schaffen begleitet. Es war uns eine große Ehre, dass er sich nach seiner Übersiedlung aus der DDR in Schleswig-Holstein niedergelassen und hier eine neue Heimat gefunden hat“, sagte Karin Prien.

Letzte Lyrik und

ein Erzählungsband

Posthum erscheinen von Günter Kunert seine letzten neuen Gedichte und ein Erzählband: Das Lyrikbuch "Zu Gast im Labyrinth" kam zwei Tage nach Kunerts Tod in den Buchhandel. Der Band, schon länger auf den 23. September terminiert, versammelt neue Gedichte, so eine Sprecherin des Carl Hanser Verlags. Seit 1963 gehörte der Schriftsteller zu den festen Größen im Programm des Münchner Hanser Verlags. Seit 2001 veröffentliche er außerdem im Wallstein Verlag in Göttingen. Dort sollen im kommenden Frühjahr auch noch unveröffentlichte Erzählungen erscheinen, die teils noch in der DDR entstanden.

Beobachtungen mit illusionslosem Scharfsinn

In den nun vorliegenden letzten Gedichten blickt Kunert zurück bis in die Kindheit und auf ein bewegtes Leben in einer bewegten Zeit. Gleichzeitig, so der Hanser Verlag, beobachte er seine Gegenwart mit gewohnt illusionslosem Scharfsinn. „Mal in unverhohlen-bitterem Ton, mal in melancholischen Stimmungsbildern zieht Günter Kunert als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur seine Spuren unnachahmlich weiter.“

20 Erzählungen aus langen Zeiträumen

Der vorläufige Arbeitstitel für den Erzählband lautet "Vom Friedhof nichts Neues"; die Fahnen für das Buch hat Kunert nach Angaben einer Verlagssprecherin noch selbst durchsehen können. Es handelt sich um etwa 20 Erzählungen. Sie stammen aus einem langen Zeitraum, die ältesten entstanden noch zu DDR-Zeiten. Kunert habe diese Erzählungen im Archiv zuhause in Kaisborstel (Schleswig-Holstein) gefunden – als er damals zufällig das vergessene, 45 Jahre alte Manuskript des erst 2019 erschienenen DDR-Romans "Die zweite Frau" wiederfand. Kunert hatte den Roman in der DDR nicht veröffentlicht aus Sorge, ins Gefängnis zu kommen.

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