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Kultur Klüngeln bis zum bitteren Ende
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09:27 11.09.2019
Von Sabine Tholund
Desolate Gerichtsbarkeit: Richter Adam (Uwe Kramer, re.) mit Gerichtsrat Walter (René Rollin) und Frau Marthe (Heidi Züger). Quelle: Henrik Matzen
Rendsburg

Inspiriert durch einen Kupferstich mit einer Gerichtsszene, verbindet die Handlung das Motiv der vermeintlich verlorenen Unschuld einer jungen Frau mit dem eines schuldigen Richters. Kleists Dorfrichter Adam gerät nach einem nächtlichen Besuch bei der jungen Eve gewaltig in die Bredouille, als deren Mutter die Scherben eines Kruges ins Gericht trägt – zerbrochen von einem Unhold auf der Flucht aus dem Gemach ihrer Tochter. Gezeichnet von den Schlägen, die Eves Verlobter dem unerkannt entkommenen Flüchtigen versetzen konnte, ist Möchtegern-Casanova Adam zu dem Kunststück gezwungen, einen Prozess gegen sich selbst zu führen, ohne sich dabei zu verraten.

Voll im Komödien-Modus

Wolfram Apprich bedient das Lustspiel-Genre in seiner freundlich aufgenommenen Premiere am Landestheater in Rendsburg, ohne die Missetat zu bagatellisieren. Seine Protagonisten sind voll im Komödien-Modus und präsentieren das analytische Gerichtsdrama als unterhaltsames Spiel ohne Sieger. Auf der Bühne, die Mirjam Benkner mit einem gigantischen Amts-Möbel gefüllt hat, geht es buchstäblich drunter und drüber zwischen dem strengen Gerichtsrat Walter (als sauertöpfischer Paragraphenreiter: René Rollin), den Anklägern und dem zunehmend kopflos agierenden Dorfrichter.

Echtes Mitleid will hier nicht aufkommen

Ausladend gestikulierend irrlichtert ein glänzender Uwe Kramer in seiner ramponierten Robe über die Bühne – ein komisch schräger Kauz, fast schon bemitleidenswert in seiner Sorge um Entdeckung. Doch echtes Mitleid will nicht aufkommen. Geschickt zeigt Apprich die Überzeitlichkeit des Themas, das ganz und gar kein amüsantes Kavaliersdelikt verhandelt, indem er ein sehr heutiges Gerichtspublikum im Hintergrund der Bühne auf einer Glastribüne platziert. Während unten die Figuren in historisch anmutenden Kostümen diskutieren, streiten oder sich um Kopf und Kragen reden, verfolgen diese Zuschauer stumm das Geschehen. Innerlich sichtbar aufgewühlt, treten Einzelne bisweilen ganz nah an die Scheibe heran.

Eine herrlich desolat geführte Befragung

Denn so haarsträubend wie des Richters Missbrauchsversuch ist auch die Art, wie im Zentrum der Macht damit umgegangen wird. Sowohl dem Gerichtsschreiber Licht, der gern selbst Richter wäre, schwant, dass kein anderer als Adam höchstpersönlich der Schuldige ist (in schräger Körperhaltung eingefroren: Felix Ströbel). Derselbe Verdacht stellt sich bei Adams Vorgesetztem im Laufe der herrlich desolat geführten Befragung ein. Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird der Tunichtgut gedeckt, um das hohe Amt nicht zu beschmutzen.

So wird geklüngelt bis zum bitteren Ende und als doch der wahre Schuldige gefunden und Eve als leichte Beute ausgemacht ist, langt auch der miesepetrige Gerichtsrat noch mal kräftig zu und zwingt ihr einen Kuss auf den Mund. Wie eine schlaffe Puppe lässt Eve (nuanciert: Lucie Gieseler) diesen erneuten Übergriff duldungsstarr über sich ergehen – ein Gänsehaut-Moment in einer klugen Inszenierung, die manche im Publikum mit einem Kloß im Hals entließ.

Weitere Vorstellungen: 12. 9. Flensburg, 14.9. Schleswig. www.sh-landestheater.de

Mehr über Kultur aus der Region lesen Sie hier auf www.kn-online.de/kultur

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