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Kultur Schönheiten in Schwarzweiß
Nachrichten Kultur Schönheiten in Schwarzweiß
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17:43 30.08.2019
Von Sabine Tholund
Radieren als Kunst des Weglassens: Wolfgang Werkmeister vor dem Blatt „Altes Hecktor“ (2002) Quelle: Björn Schaller
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Schleswig

Weit über 800 Radierungen umfasst das Werk des gebürtigen Berliners, der seit 1964 in Hamburg zuhause ist. Fasziniert von der norddeutschen Küstenlandschaft, hat er den unverwechselbaren Charakter der Gegend an Nord-und Ostsee zum Thema mehrerer Radierzyklen gemacht. Für sein Lebenswerk erhielt der 78-Jährige jetzt im Kreuzstall von Schloss Gottorf den Kunstpreis der Schleswig-Holsteinischen Wirtschaft 2019. Mit Werkmeister zeichnet die Dr. Dietrich Schulz-Kunststiftung einen Mann aus, „der einen großen Teil seines künstlerischen Schaffens der Druckgrafik gewidmet hat, die er meisterlich beherrscht“, so der Vorsitzende des Stiftungsrates, Landtagspräsident a.D. Martin Kayenburg.

"Westküste – Ostküste" lautet der Titel der Einzelausstellung

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Der mit 5000 Euro dotierte Preis ist traditionell verbunden mit einer Einzelausstellung und einem begleitenden Katalog. "Westküste – Ostküste" lautet der Titel der Schau, für die Carsten Fleischhauer, Leiter der graphischen Sammlung auf Schloss Gottorf, in Zusammenarbeit mit dem Künstler 30 Blätter aus den 200 Arbeiten umfassenden Zyklen ausgewählt hat. Die Radierungen, die durch ihren malerischen Duktus genauso bestechen wie durch die perfekte Bildkomposition, sind durchweg in Schwarzweiß gehalten.

"Hier geht es nicht um Emotionen, sondern um Spannung"

Schaut man auf die großen Radierkünstler der Kunstgeschichte, scheint dieser Umstand nicht ungewöhnlich. Um so mehr verblüfft Werkmeisters Einstellung dazu: „Schwarzweiß interessiert mich normalerweise gar nicht“, sagt er und ist noch nachträglich überrascht über die Auszeichnung, denn „Schwarzweiß ist derzeit nicht gerade populär.“ Dass er in seinen Radierungen grundsätzlich auf Farbe verzichtet, hat jedoch einen guten Grund. „Man kann sich in Schwarzweiß keinen Kitschkram vorstellen. Hier geht es nicht um Emotionen, sondern um Spannung. Da ist man auf der sicheren Seite der Ehrlichkeit.“

Über Zufälle von Stuttgart nach Hamburg

Letztere ist dem Künstler wichtig, der früher unter anderem als Illustrator für große deutsche Zeitschriften arbeitete. Eine Kette von Zufällen hatte den Studenten der Freien Grafik und Illustration in Stuttgart damals nach Hamburg geführt, wo er „genau das machen durfte“, was er immer wollte. Nachdem er jedoch eine Porträtzeichnung im Sinne seines Auftraggebers „anpassen“ sollte, folgte er dem Rat seiner Frau, der da lautete „Verkauf deine Seele nicht!“ Er gab den Job als Illustrator auf und wandte sich der (freien) Radierkunst zu. Hartmut Frielinghaus, Drucker des ihm früher befreundeten Kollegen Horst Janssen, brachte ihn in Kontakt mit der Hamburger Griffelkunst, wo man sein Talent entdeckte.

„Irgendwie hat bei mir alles geklappt“

„Man stolpert in eine Stadt und das Stolpern führt nicht zum Hinfallen“, sinniert Werkmeister rückblickend. Die „Kombination aus Optimismus und einer Leidenschaft für das freie Zeichnen und Drucken“ habe ihm damals den Weg geebnet. Mit dem Geld seiner Mutter kaufte er sich die erste Radierpresse, „denn um gute Abzüge zu machen, muss man viel üben.“ Das Üben hat sich gelohnt. „Irgendwie hat bei mir alles geklappt“, sagt er und lächelt verschmitzt. „Wie bei einem Ping-Pong-Spieler, der mit seinem Schläger den Ball am richtigen Punkt trifft.“ Die Presse hat er inzwischen verkauft – die Arbeit daran kostet zu viel Kraft. Als Künstler bleibt Wolfgang Werkmeister dennoch aktiv: Er malt Bilder. Mit Farben. Nicht schwarzweiß.

Schloss Gottorf, Bis 3. November. Di-Fr 10-17 Uhr, Sa+So 10-18 Uhr. Katalog 12, 80 Euro

Vier Fragen an den Künstler

Herr Werkmeister, stimmt es, dass der Zufall Sie von Stuttgart nach Hamburg geführt hat?

Wolfgang Werkmeister: In der Tat. Als Student sah ich einen Film über einen Vogelwart auf Trischen und war begeistert von der Landschaft. Ich habe mich dann sofort auf eine solche Stelle auf Amrum beworben und sie bekommen. Auf der Rückreise, bei der ich übrigens meine Frau kennen gelernt habe, kam ich durch Hamburg und war gleich beeindruckt von dieser Stadt.

Was fasziniert Sie an der Technik des Radierens?

Ich kann mich begeistern an dem, was ich sehe. Doch die überbordenden Seh-Erlebnisse machen mich nervös. Das Radieren ist eine wunderbare Technik, sich zu disziplinieren und Dinge wegzulassen. Und schon diese Vorauswahl hat etwas mit Kreativität zu tun.

Ihre Landschaftsbilder sind fast immer menschenleer. Warum?

Ich habe Lust an der Schönheit der Natur und bin nicht gerne unter vielen Menschen. Schon als Kind war ich gern mit mir allein, habe oft an der Weser geangelt. Mein an sich unruhiger Geist sehnt sich nach Friedlichkeit. Daraus habe ich einen Stil zwischen Chaos und Langweiligkeit entwickelt. In meinem Hamburg-Zyklus tauchen manchmal Menschen auf, doch meist in Rückenansicht – als Staffage für die Bildkomposition.

Begeben Sie sich konkret auf Motivsuche?

Ich halte es da in aller Bescheidenheit mit Picasso, der einmal gesagt hat: „Ich suche meine Motive nicht, ich finde sie.“

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