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Kultur Gegen die Lüge erzählen
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07:03 21.02.2019
Von Ruth Bender
Feridun Zaimoglu ist mit dem Roman "Die Geschichte der Frau" für den Leipziger Buchpreis nominiert. Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Sie nennen Ihr Buch „Die Geschichte der Frauen“ – das klingt ultimativ. Ist es auch so gemeint?

Das ist ein unverfrorenes Unterfangen. Ein Selbstermächtigung. Da kommt ein Mann daher und behauptet, mit zehn Frauen d i e Geschichte der Frau zu erzählen. „Es spricht die Frau“ stelle ich dem Buch voran. Ich will damit aber gar nicht provozieren. Ich glaube einfach, dass man über das Konkrete, über Fallbeispiele das Allgemeine ausweisen kann. Das wird immer unvollständig bleiben; aber es geht mir darum, in diesen zehn Frauen – ich bewege mich an der Zeitleiste von 1490 v.Chr. bis 1968 – nicht etwa über sie zu reden, sondern sie mir anzuverwandeln und die andere Geschichte zu erzählen.

Welche Geschichte ist das?

Die der Lügen, die der Männer, der vom Mann erfundenen Frau.

Ist Ihr Buch nicht auch eine männliche Erfindung der Frau?

Ich bin ja nie der Mann, wenn ich schreibe. Ich löse mich immer in der Geschichte auf. Und da gibt es eine weibliche und eine männliche Wahrnehmung. Ich habe schon früher in zwei Büchern, „Leyla“ und „Isabell“ versucht, aus der Ich-Perspektive einer Frau zu erzählen. Aber das Paradox lässt sich trotzdem nicht auflösen.

Von Zipporah bis Valerie Solanas und von Antigone bis zu einer Magd namens Lore Lay reicht die Spanne. Was ist diesen Frauen gemeinsam?

Ihnen ist gemeinsam, dass sie unsichtbar waren. Und hier werden sie sichtbar. Sie sind keine Bilder, keine Assistenzfiguren oder Stichwortgeber für die Männer. Sie führen selbst durch ihre Geschichte. In Sagen und Mythen sind die Frauen ja oft nur Ideenbehälter. Sie sind dafür da, dass der Mann sie benutzt. Das ist hier nicht der Fall, sie sprechen selbst.

Warum war es Ihnen wichtig, diese Geschichte zu erzählen?

Ich bin in die Mythen hineingegangen, in die Nibelungensage, in die Bibel, die antike Mythologie. Ich folge den Spuren. Und ich habe gefunden, dass Brunhild eine Kriegerkönigin ist, die verschleppt und von Siegfried und Gunter vergewaltigt wurde. Oder der Apostel Paulus: In seinen Geschichten kommt Maria nicht vor, sind Frauen entweder Huren oder zur Sprachlosigkeit verdammt. So ist es auch mit Antigone oder Frauen in meiner Herkunftskultur. Egal, ob Wirklichkeit oder Legende – die Frauen werden verzeichnet, getilgt. Auch eine Form der Gewaltanwendung. Mit den Mitteln der Literatur erschien es mir möglich, das anders zu erzählen.

Sie sagen, Sie verwandeln sich die Figuren Ihrer Bücher an. Wie geht das?

Ich habe mich wieder kaputtgemacht. Da gärt es im Kopf und keimt, und ich muss jeden Tag Gewaltmärsche machen, um dagegen zu halten. Das Schreiben ist für mich sehr körperlich.

In die Reihe der Figuren würden auch Jeanne d’Arc, Elisabeth I. oder Marlene Dietrich passen. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Auswahl getroffen?

Mir ging es um Frauen, die sich die Freiheit genommen haben, ihr Leben selbst zu bestimmen. Mir ging es aber nicht um Prominenz, sondern um die repräsentative Figur. Eine Bielstein, die revolutionäre Fabrikantentochter, oder eine Hiltrun Tillmanns, Trümmerfrau in Kiel – die hat es so nicht gegeben. Aber es hat sie doch gegeben durch all die Zeugnisse von anonymen Frauen dieser Zeit, die ich in sie hineingegossen habe.

An den Porträts spiegeln Sie auch immer die Zeitgeschichte. Die Frau des Moses wird da etwa zum Sinnbild für eine ewige Migration.

Diese Vorzeit war mir wichtig. Das Früher ist nicht soviel anders als das Heute. Auch da bin ich den Spuren gefolgt. Und Zipporah, die Schwarzhäutige – die hat es ja gegeben.

Sind Frauen das bessere Geschlecht?

Ich habe versucht, sie aus Fleisch und Blut darzustellen. Und wenn einer da herausliest, dass Frauen das bessere Geschlecht sind – dann, ja, das sind sie.

Sie pendeln dabei zwischen Realität, Mythologie und freier Erfindung …

Die Mythologie war wichtig, weil sie für die männliche Lüge stehen. Gleichzeitig wollte ich bei der Wirklichkeit bleiben. So habe ich das Kriegsende in Kiel zum Beispiel ordentlich recherchiert. Und ich wollte das Buch unbedingt mit Solanas abschließen. Für mich ist sie wegweisend.

Eine Radikalfeministin, die beinahe Andy Warhol umgebracht hätte …

Die Welt da draußen ist männergemacht. Die Welt der Zaren, Schlachten und Triumphe. Und da frage ich mich, woher kommt das Unrecht? Wer hat die Sklaverei erfunden? Wer hat den Faschismus erfunden und gelebt? Natürlich gibt es auch Judasfrauen. Aber man soll mir nicht damit kommen, dass ich jetzt für die Frauen Partei ergreife. Na und, die männliche Lesart und Diktatur, die gibt es ja schon. Die fordert die Sittsamkeit der Frau, will sie in ein Gehege einsperren, in dem sich die Frau je nach Zeit und Kultur zu verhalten hat. Man vergisst dagegen oft, dass es eine Tradition der kämpfenden Frauen gibt. Auch hier wird Blut vergossen für den Stolz und die Würde der Frauen. Das sind Geschichten von Unerbittlichkeit und von Kompromisslosigkeit.

Die Frauen im Buch sind in der Tat oft militant, gewalttätig – übernehmen sie damit nicht einfach die Mittel der Männer?

Bei einem Vergewaltiger kann man keine Nachsicht üben. Oder wenn einer Frauen Säure ins Gesicht gießt. Ich vergieße keine Träne, wenn sich Frauen an so einem Mann rächen. Deswegen ist auch Valerie Solanas eine meiner Lieblingsfiguren.

Die Figuren entstehen bei Ihnen direkt aus der Sprache. Hier musste wohl erstmal jede ihre eigene Stimme entwickeln?

Ich verfahre dabei, wie bei den anderen Büchern auch: Ich stimme mich auf den Ton ein. Das dauert Wochen. Und je näher das Buch an die Gegenwart rückt, desto stärker werden die Kräfte der Selbstermächtigung. Das drückt sich auch in der Sprache aus.

Ihre Lore Lay, die sich gegen die Vereinnahmung durch den Dichter verwahrt, ist ja fast schon parodistisch.

Wie oft habe ich Geschichten gelesen von der Frau, die überwältigt ist. Er mag noch so alt sein, noch so runzlig – sie kann einfach nicht anders. Mir war das ein Vergnügen, die Männerfantasie mit Lore mal auf den Kopf zu stellen.

Der Roman ist jetzt für den Leipziger Buchpreis nominiert …

(lacht) Ja, zum siebten Mal. Bisher haben sie mich immer wieder nach Hause geschickt ...

Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 24 Euro

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