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Kultur Sturm der Gefühle im Nord-Idyll
Nachrichten Kultur Sturm der Gefühle im Nord-Idyll
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10:00 08.02.2015
Von Anne Holbach
Trauer an der Seebrücke mit (von links) Johannes Christensen (Rainer Bock), Martin Christensen (Chris Veres), Hella Christensen (Barbara Auer), Silke Broder (Anja Kling), Hauke Broder (Jörg Schüttauf), Torben Broder (Hinnerk Schönemann), Charlotte Broder (Lilly Barshy), Lars von Ahnefeld (Johann von Bülow), Hermann Broder (Peter Striebeck), Quelle: ZDF
Hohwacht/Lütjenburg

„In Kiel wird’s nicht so gemütlich wie hier, da soll ein rauer Ton herrschen“, gibt eine Kollegin Kommissarin Christensen (Barbara Auer) morgens noch mit auf den Weg. Deren Polizeidienststelle auf dem Land wurde aufgelöst, sie soll an diesem Tag in der Landeshauptstadt den Dienst antreten. Doch so weit kommt die Polizistin nicht: An einer Seebrücke in Nordholm wird die Leiche einer 14-Jährigen gefunden. Es ist die Tochter ihrer Nachbarn.

Die Kommissarin muss trotz ihrer Trauer gegen Freunde und Nachbarn ermitteln. Plötzlich scheint jeder in der Kleinstadt verdächtig: der Vater des toten Mädchens (Jörg Schüttauf), dessen Alibi nicht wasserdicht ist; der verschrobene Hotelier Hahn (Gustav Peter Wöhler), der seine jungen Mitarbeiterinnen fotografiert; der seltsame Landadelige von Ahnefeld (Johann von Bülow), sogar der Sohn der Ermittlerin. In einem Ort, in dem jeder jeden kennt, wird der Ton immer rauer. Aus Vertrauen wird Misstrauen.

Dazu kommt mit Simon Kessler (Heino Ferch) ein bärbeißiger Kommissar aus der Stadt, der ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten im Ort allen vor den Kopf stößt. „Ich brauche Mitarbeiter, die die Menschen hier kennen, aber nicht bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbrechen“, lässt er seine neue Kollegin Christensen wissen, die durch die Nähe zum Opfer und zu den möglichen Tätern ständig an ihre emotionalen Grenzen kommt. Diese Gegensätzlichkeit trägt nicht dazu bei, den Mörder schnell zu finden, sorgt aber für zusätzliche Spannung.

Für die Ostseegemeinde „Nordholm“ hat sich Regisseur Thomas Berger als Drehorte die Hohwachter Bucht, Lütjenburg, Kirchnüchel und Kellenhusen ausgesucht. Aufmerksame Zuschauer können die Lütjenburger St. Michaelis Kirche, den Giekauer Friedhof oder die Apotheke am Markt wiedererkennen. Glück im Unglück hatte das Filmteam, weil ein Sturm die Dreharbeiten im Mai 2014 durchkreuzte, der für Schauspieler und Kameraleute den Dreh zwar erschwerte, aber auch für eine zur Geschichte passende, leicht düstere Stimmung sorgt. Die Aufnahmen der aufbrausenden See unterstützen das Gefühl, dass sich in der friedlichen Küstenkleinstadt etwas zusammenbraut.

Eindringlich gelingt es Jörg Schüttauf und Anja Kling, die die Eltern des toten Mädchens spielen, all die Trauer, Wut und Verzweiflung über den Verlust ihrer Tochter herüberzubringen. Trotz hochkarätiger Besetzung ist der Krimi aber an mancher Stelle überladen mit Gefühlen. Zahlreiche Nebenstränge und komplexe Beziehungsgeflechte verlangen dem Publikum zwar hohe Konzentration ab, führen es aber zugleich beim Erraten des Täters geschickt in die Irre.

Das Drehbuch von Stefan Holtz und Florian Iwersen gleicht vom Handlungsverlauf der britischen Mini-Serie „Broadchurch“, deren Ausstrahlungsrechte sich die Pro7-Sat1-Gruppe gesichert hat. Auch hier bringt der Mord an einem Kind eine intakte Dorfgemeinschaft beinahe zum Zerbrechen. Auch hier ermittelt ein ungleiches Duo. Diese Ähnlichkeit könnte für den ZDF-Zweiteiler verheißungsvoll sein: Immerhin war „Broadchurch“ mit mehr als zehn Millionen Zuschauern in England ein riesiger Erfolg.