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20:01 24.06.2016
Von Martina Sulner
Endlich den anspruchsvollen Wälzer lesen oder doch lieber die kitschige Urlaubsromanze? Die Ferien stehen vor der Tür und damit die schönste Lesezeit des Jahres. Ein Blick auf den Sommerbuchmarkt. Quelle: Fotolia
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Der Lesestoff darf einiges wiegen: "Buch an Bord" heißt eine neue Aktion der Fluggesellschaft Condor und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Wer im Juli und August einen "Buch an Bord"-Sticker, den es gratis in Buchhandlungen gibt, auf seinen Koffer klebt, darf ein Kilogramm mehr Gepäck transportieren als eigentlich erlaubt. Ein Kilo, so viel wiegen zwei bis drei Bücher.

Seit Jahren steigen in den Sommermonaten die Verkaufszahlen für Bücher leicht an. "Bücher gehören für die meisten auf jeden Fall ins Urlaubsgepäck", sagt Börsenvereins-Sprecherin Claudia Paul. Manche greifen, gerade in den Ferien, lieber zum E-Book-Reader. Da wird das Gepäck – "Buch an Bord" hin oder her – nicht so beschwert. Andere, vor allem Kinder und Jugendliche, bevorzugen in den Ferien durchaus das gedruckte Buch. Vielleicht, so mutmaßt die Stiftung Lesen, weil "in der Altersgruppe Bücher gern getauscht werden", so Sprecherin Lisa von Zobeltitz.

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Klar, Kinder finden es klasse, im Urlaub draußen herumzutoben. Doch jungen wie älteren Lesern bieten die Ferien gute Lesebedingungen – nicht nur bei Dauerregen an der Ostsee. "Man ist entspannt", sagt Lisa von Zobeltitz, "hat Muße, sich auf fremde Welten, fantasievolle Abenteuer und interessante Erfahrungen einzulassen."

Leichte Kost oder dicke Wälzer?

Doch welche Bücher packen die Deutschen in den Koffer? Da seien die Lesevorlieben breit gefächert, so Claudia Paul vom Börsenverein. "Einige nutzen die Zeit, um endlich das umfangreiche Sachbuch zu lesen, das schon lange auf dem Nachttisch liegt." Und einige wagen sich vielleicht an veritable Wälzer aus dem Frühjahrsprogramm wie Nis-Momme Stockmanns Buch "Der Fuchs" (Rowohlt Verlag) mit seinen 717 Seiten oder Guntram Vespers mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman "Frohburg" (Schöffling & Co.), der 1008 Seiten lang ist.

Die meisten Urlauber jedoch bevorzugen unterhaltsame Liebes- und Familienromane, Krimis und Reiseerzählungen. Einige Bücher werden passend zur Urlaubszeit auf den Markt gebracht. Sie tragen dann oft Titel wie "Sommer, Sonne und Amore" oder auch "Sommer, Sonne, Liebeschaos". Dazu kommen Anthologien wie "Endlich Ferien!" oder "Endlich Sommer!" mit Erzählungen oder Romanauszügen. Oft sind die für das Sommergeschäft konzipierten Bücher bereits an ihrer Aufmachung zu erkennen: Die Umschläge sind oft in Pastelltönen gehalten, die Schriftarten auf den Covern verspielt und geschwungen.

Die Qual der Wahl

Wer allerdings warum auf welches Buch für den Urlaub anspringt, bleibt eine individuelle Angelegenheit. Der deutsche Buchmarkt mit seinen rund 87 000 Neuerscheinungen – vor einigen Jahren waren es gar noch mehr – bietet jedem Geschmack etwas. "Für die einen soll es der packende Krimi sein, für andere die Biografie, für wieder andere eine Geschichte, die sie ihren eigenen Alltag vergessen lässt", sagt Julia Jerosch vom Diana-Verlag.

Und wer den Alltag hinter sich lassen und das Urlaubsland lesenderweise besser kennenlernen möchte, findet ebenfalls genug Lesestoff: vom Provence-, Bretagne- und Venedig-Krimi über Klassiker, die im Reiseland spielen, bis zu Reiseberichten. Womöglich aber sollte man es nicht damit übertreiben, Reiseziel und Lektüre in Übereinstimmung zu bringen: Peter Høegs Roman "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" unterhält auch im sonnigen Griechenland bestens.

Tipps für die Urlaubslektüre

Von der Last der Träume der Eltern

Was für ein erster Satz! "Lydia ist tot" – so beginnt die Amerikanerin Celeste Ng (gesprochen: Ing) ihren Roman "Was ich euch nicht erzählte". Sie stellt damit an den Anfang, was in der Regel am Ende steht: die schmerzliche Erkenntnis, dass die vermisste Hauptfigur gestorben ist. Schon mit diesem ersten Satz macht Ng deutlich, dass ihr Debüt, ein in 20 Sprachen übersetzter US-Bestseller, viel mehr ist als die Geschichte eines Kriminalfalls. Es ist eine Seelenschau. Der Versuch, zu verstehen, warum ein 16-jähriges Mädchen sich Ende der Siebzigerjahre in einer Kleinstadt in Ohio das Leben nimmt.

Lydia Lee hat stets verzweifelt versucht, die Anpassungsleistungen zu erbringen, an denen ihre Eltern gescheitert sind. Die amerikanische Mutter träumt von einer Karriere als Ärztin und wird Hausfrau. Der chinesische Vater träumt von Anerkennung in der neuen Heimat und bleibt Außenseiter. Sprachmächtig, in melancholischem Ton, erzählt Ng, selbst chinesischstämmig, wie sich Lydias Familie in einem Netz aus unausgesprochenen Wünschen verstrickt, dem am Ende die Tochter zum Opfer fällt.     jr

Celeste Ng: "Was ich euch nicht erzählte". Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Deutscher Taschenbuch-Verlag; 304 Seiten, 19,90 Euro.

Manager im Paradies

Hawaii ist "ein Paradies mit viel Verkehr": Das fällt dem namenlosen Ich-Erzähler sofort auf, und der Mann – ein Autor, der unter einer Schreibblockade leidet – bleibt auf der Insel. Er wird Manager des "Hotels Honolulu". In einem ähneln sich die meisten Gäste und die Herberge: Sie alle haben schon mal bessere Tage erlebt. Doch gerade ihre Unzulänglichkeiten (und von denen gibt es reichlich) machen sie interessant und unverwechselbar.

"Hotel Honolulu" heißt der jetzt auf deutsch erschienene Roman von Paul Theroux. Der bekannte Reiseschriftsteller, der teils auf Hawaii und teils an der amerikanischen Ostküste lebt, erzählt von seltsamen Typen, die sich in den Zimmern einmieten – "Räume der Liebe und des Todes". Tatsächlich wird in diesem Buch viel geliebt, gelebt und auch gemordet. Gemeinsam mit dem Ich-Erzähler wundert sich der Leser manchmal, wer da alles auf Hawaii landet. Je mehr man von diesen Menschen erfährt, desto mehr spürt man: Dieses Hotel ist auch ein Zufluchtsort für Gestrandete aller Art. Und manche von ihnen erholen sich im "Honolulu" wieder.

Paul Theroux: "Hotel Honolulu". Deutsch von Theda Krohm-Linke. Hoffmann und Campe; 526 Seiten, 24 Euro.

Eine kurze Geschichte von allen

Da sind zum Beispiel Lisa und Nick, frisch verheiratet. Der Leser lernt die beiden kennen, als sie zum Notar gehen. Sie wollen ihr Testament machen, besser ist besser. In der Nacht darauf schreibt Nick seiner Frau einen Liebesbrief, den er ihr nie gibt. Jahre später holt er den Brief hervor, erinnert sich an den Notar und an eine große Liebe. Auf wenigen Seiten beschreibt Graham Swift in der Erzählung "Vergiss dies nie" eine Liebesgeschichte: den euphorischen Beginn, das niederschmetternde Ende. Das Dazwischen kann man sich ausmalen.

25 Erzählungen umfasst der Band "England und andere Stories". Der Brite, für "Letzte Runde" 1996 mit dem Booker Preis ausgzeichnet, schreibt über unterschiedliche Männer und Frauen. Jede dieser brillanten Erzählungen funktioniert für sich. Doch dem Leser kommt es vor, als seien die Figuren, die einander weder kennen noch begegnen, auf geheime Weise miteinander verbunden. Etwa der Frisör, der es satt hat, sich das Leid anderer Leute anhören zu müssen. Und die Laborantin, die sich in ihre Kollegin verliebt: "Überhaupt nicht mein Typ. Ach, wie ich sie liebe."

Graham Swift: "England und andere Stories". Aus dem Englischen von Susanne Höbel. dtv; 303 Seiten, 21,90 Euro.

Die Rache eines Kindes

Was macht es mit einem Kind, wenn es entführt, eingesperrt und ständig misshandelt wird? Welche Spuren hinterlässt das in der Seele von Menschen – und kann man dem inneren Grauen je wieder entkommen? Reale Opfer wie Natascha Kampusch versuchen, solche Fragen zu beantworten, versuchen – ihren Tätern zum Trotz – ein neues, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Die englische Krimiautorin Minette Walters hat, nach achtjähriger Schreibpause, mit "Der Keller" ein Buch über so ein Kind geschrieben. Die kleine Muna wird aus einem afrikanischen Waisenhaus entführt und in England von den Songolis als Sklavin gehalten. Als ein Sohn der Familie auf mysteriöse Weise verschwindet, kommt die Polizei ins Haus – und sie darf, damit ihre Entführung nicht entdeckt wird, als vermeintlich geistig behinderte Tochter aus dem Keller hinaus.

Dass Muna hinter dem Verschwinden des Jungen steckt, merkt man schnell. Deutlich wird auch: Die Gedanken des Mädchens sind von nichts als Rache geprägt. Nicht die Frage, wer der Täter ist, sondern die Frage, was ein Opfer zum Täter macht, bestimmt Walters' Buch. Es ist so spannend wie beklemmend.    jr

Minette Walters: "Der Keller". Aus dem Engl. von C. Breuer/N. Möllemann. Goldmann; 222 S., 9,99 Euro.

Liebe rückwärts auf Mallorca

Die Wut ist geblieben: Fast 60 Jahre sind Lulu und Gerald voneinander geschieden, doch als sie sich 2005 per Zufall über den Weg laufen, geraten die beiden schnurstracks in einen Streit und stürzen die Klippen im Osten Mallorcas hinunter. Schon nach sechs Seiten sind die Hauptfiguren aus Peter Nichols' Roman "Die Sommer mit Lulu" tot. Auf den folgenden 500 Seiten erzählt der britisch-amerikanische Autor die Geschichte der beiden – quasi rückwärts. Nichols springt zurück in die Jahre 1995 und 1983  – bis er im Sommer 1948 ankommt, als die zwei sich Knall auf Fall verlieben und ebenso schnell trennen.

Der Roman ist raffiniert angelegt, und der Leser bleibt neugierig: Nach und nach erfährt man immer mehr von der verwegenen Britin Lulu, die auf Mallorca ein Hotel betreibt, und von ihrem Landsmann Gerald. Außerdem beschreibt der Autor, bislang erfolgreich mit Reisebüchern, wie sich die Insel durch den Massentourismus verändert. Ein wunderbarer Sommerroman: Unterhaltsam, gefühlvoll – und etwas bitter, denn nicht alle Figuren, die eigentlich wie füreinander gemacht sind, kriegen sich.

Peter Nichols: "Die Sommer mit Lulu". Aus dem Engl. von Dorothee Merkel. Klett-Cotta; 507 Seiten, 22,95 Euro.

Abenteuerlicher Törn mit Jack London

Jack London war nicht nur ein berühmter Verfasser von Abenteuergeschichten ("Der Seewolf", "Wolfsblut"), er selbst liebte das Abenteuer: 1907 brach er mit einem nach eigenen Plänen gebauten Segelschiff zu einer Weltumrundung auf, die sich getrost als zweijähriger Katastrophentörn bezeichnen lässt. Der Motor der 13 Meter langen "Snark" erwies sich als pannenanfällig, in Navigation kannte sich niemand so richtig an Bord aus, der Schiffskoch konnte nicht kochen, und schlimme Krankheiten erwischten die Segler auf ihrem Weg über Honolulu nach Australien. Aber kann das einen echten Abenteurer schrecken?

Äußerst selbstironisch schreibt London über seine "Reise mit der Snark". Er erzählt von der Suche nach fliegenden Fischen, den Leprakranken auf Molokai und auch von Kannibalen. Für London gehörte der Trip mit seiner Frau Charmian trotz aller Komplikationen zur schönsten Zeit seines Lebens. Nebenbei übte er sich im Wellenreiten und machte mit seinem Bericht den Surfsport in den USA populär. Kurzum: Für alle, die im Urlaub eine Handbreit Wasser unterm Kiel mögen, ist dies die perfekte Lektüre.    sto

Jack London: "Die Reise mit der Snark". Mare Verlag; 336 Seiten, 28 Euro.

Nächtlicher Gedankenstrom

Eigentlich will Patti Smith nur einen Tisch fotografieren: Jenen Tisch in einem Hotel in Reykjavik nämlich, an der Schachspieler Bobby Fischer 1972 in einem weltberühmten Match gegen Boris Spasski spielte. Aber dann ruft überraschend Fischers Bodyguard an – und der Schachspieler und die Punkrockerin treffen sich um Mitternacht. Und was tun sie? Sie singen sich Songs vor, bis zum Morgengrauen. "Die Wirklichkeit", schreibt Smith über diese surreale Begegnung, "übersteigt bisweilen unsere Träume."

"M Train" hat Patti Smith den zweiten Teil ihrer Memoiren genannt – und wie ein "Mind Train", eine Gedankenreise, wirkt er auch. So melancholisch, träumerisch, tiefgründig, wie bei der Begegnung mit Bobby Fischer geht es oft zu. Smith schreibt über die vielen Cafés, in denen sie Gedichte auf Servietten kritzelt, über ihre Familie, über Schriftsteller, Künstler. So weltentrückt ihre Skizzen wirken, so genau beobachtet sind sie. Man findet großartige Sätze über das Schreiben, über Einsamkeit. Wer Biografisches über die Sängerin Patti Smith erfahren möchte, ist fehl am Platz. Wer sich dem Strom ihrer Gedanken hingeben will, wird reich beschenkt.    jr

Patti Smith: "M Train". Aus dem Engl. von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch; 336 Seiten, 19,99 Euro.

Deutsche Presse-Agentur dpa 22.06.2016
Deutsche Presse-Agentur dpa 22.06.2016
Deutsche Presse-Agentur dpa 22.06.2016