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Medien & TV Cyndi Lauper im Wilden Westen
Nachrichten Medien & TV Cyndi Lauper im Wilden Westen
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20:09 20.05.2016
Auch Cowgirls wollen Spaß: Cyndi Lauper hat ein Album mit Country-Klassikern aus ihrer Kindheit aufgenommen – und kämpft engagiert gegen Diskriminierung. Quelle: Warner Music
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"Vor der Kaserne, vor dem großen Tor", singt Cyndi Lauper "Lili Marleen" live durchs Telefon. An einem Freitagmorgen macht sich das 101 Jahre alte Soldatenlied von New York auf nach Germany. Ein Schuss Wehmut, ein Hauch Verruchtheit. Im Hintergrund ist Geschirrklappern zu hören, jemand macht den Frühstücksabwasch, ein Hund bellt.

"Man sagt mir ja nach, dass ich alles singen kann", scherzt Lauper. "Und an einem guten Tag mag das stimmen." Trotzdem habe sich die Idee einer Platte mit Kabarettliedern am Ende falsch angefühlt. Der bessere Plan war dann, "Detour" zu machen, "ein Album voller Countrysongs aus der Zeit, als Elvis groß war". Damals war Cynthia Ann Stephanie Lauper ein kleines Mädchen aus Queens.

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"Alle Zeit, die ich fürs Spielen hatte, ging für Musik drauf", erinnert sich die 62-Jährige. "Tante Gracie hatte das Radio immer laufen und ich saß davor und hörte zu." Vor allem den Sängerinnen. "Ich liebte Patsy Cline und Wanda Jackson. Diese Frauen wurden meine Vorbilder, als ich selber mit dem Singen begann. Heute sagt man Country dazu, aber das waren die ersten Rock-'n'-Rollerinnen."

Rock 'n' Roll der Fünfziger

Als Lauper erfährt, dass Jackson, deren rockiges "Funnel of Love" ihr Album eröffnet, früher auch Lieder auf Deutsch gesungen hat, zieht die Begeisterung der Aunt-Gracie-Tage wieder herauf: "Echt? Wow! Sag mir die Songtitel!" Sie notiert sich: "Santo Domingo". "Gleich nach unserem Gespräch höre ich mir das bei iTunes an."

Die Fünfzigerjahre schimmerten von Anfang an durch Cyndi Laupers Werk – klassischer Rock 'n' Roll steckte sowohl in den Songs ihrer Band Blue Angel (1980–1982) als auch im Genom ihres quirliges Überhits "Girls Just Want To Have Fun", mit dem sie 1983 zum Star wurde. Sie hatte ein paar Zeilen des Lieds von Robert Lazard umgeschrieben. So wurde aus Machos Klage über die vermeintliche Oberflächlichkeit der Mädels die fröhlichste Pophymne weiblicher Selbstbestimmung: "Ich will selber in der Sonne gehen", forderte Cyndi Lauper.

Heute, 33 Jahre später, singt sie "I want to be a cowboy's sweetheart" und ihre Duettpartnerin Jewel jodelt kraftvoll dazu. Es ist der älteste Song auf "Detour". 1935, als ihn Patsy Montana sang, war es mit der Emanzipation unter Kuhhütern noch nicht so weit her, der Wunsch, eines Mannes "Schmuckstück" zu sein, war noch gängig.

Hunderte solcher Songs hat sie sich für "Detour" angehört, am Ende blieben zwölf übrig. Seymour Stein hat sie ihr geschickt, ihr ausführender Produzent und der legendäre Gründer von Sire Records. "Dieser Mann hat damals die Ramones unter Vertrag genommen und die Talking Heads", schwärmt Lauper. "Als bei Sony in den späten Achtzigerjahren die Buchhalter das Geschäft übernahmen, ging es bei Sire um die Kunst. Sie gingen andere Wege. Ich wünschte", sagt sie, "ich wäre damals bei Sire gewesen."

Das kommt nicht ohne bitteren Unterton, ihre beiden wohl besten Alben, "A Hat Full of Stars" (1993) und "Sisters of Avalon" (1996) gingen hoffnungslos unter, weil die Plattenfirma sie nicht bewarb. Ein Knick in der Karriere ausgerechnet am kreativen Höhepunkt. "Hat lange gedauert, aber jetzt bin ich ja da", lacht sie dann wieder. Und im Hintergrund kläfft Gordy dazu, ihr kleiner schwarzer Mops. "Er bellt immer Hubschrauber und Flieger an", erklärt Cyndi. "War in einem früheren Leben wohl mal Fluglotse." Sie lacht rau.

Konzert gegen Diskrimierung

Mit ihrem Countryalbum geht sie im Mai auf Tour, auch nach North Carolina, wo es seit Kurzem ein Gesetz gibt, wonach Transgender dazu verpflichtet sind, die öffentlichen Toiletten zu benutzen, die ihrem Geburtsgeschlecht entsprechen.

Von einem Konzertboykott, wie ihn Bruce Springsteen deswegen jüngst für North Carolina verkündete, hält die überzeugte Kämpferin für Gleichberechtigung indes nichts: "Klar, ich wollte auch erstmal nicht nach Florida, als sie den jungen Trayvon Martin erschossen hatten. Aber Harry Belafonte riet mir hinzugehen, darüber zu reden. Sie trainieren dort jetzt schwarze Kinder, wie sie reagieren müssen, wenn sie von der Polizei angehalten werden." So sei sie dann doch aufgetreten.

"Jeder Künstler hält das auf seine Weise, denn es ist eine sehr emotionale Sache, wenn sie irgendwo anfangen, Menschen zu diskriminieren. Aber ich habe für mich beschlossen, immer zu den Leuten zu gehen, sie nicht im Stich zu lassen." So wird sie am 4. Juni auch in Raleigh in North Carolina singen und die Einnahmen ihres Konzerts dem Kampf gegen das Gesetz spenden. "Außerdem habe ich in meinem 'concert rider' verfügt, dass es bei meinen Shows ab sofort eine Transgender-Toilette zu geben hat."

"Donald Trump ist ein Idiot"

Der Süden bewege sich rückwärts, meint Lauper. Vielleicht auch ganz Amerika. Knapp 60 Prozent der Republikaner New Yorks immerhin haben bei den Vorwahlen für Donald Trump gestimmt. "Kaum zu fassen", sagt Lauper, "dass das mal die Partei von Abraham Lincoln war. Das erste, was die an der Regierung tun würden, wäre, Sündenböcke für ihre Finanzprobleme zu finden – und das wären Frauen, Homosexuelle und Migranten. Donald Trump stammt von einem Einwanderer ab, er ist selbst einer. Und er dreht sich um und will eine Mauer bauen? Er ist ein Idiot", schimpft Lauper.

"Leute in der ganzen Welt denken, dass wir hier alle Idioten sind. Ich habe eine Freundin, die neulich in Südafrika war. Die Leute dort fragten sie, ob Donald Trump gerade einen 'Borat'-Film drehen würde. Und das war nicht als Witz gemeint. Kaum zu glauben: Sie waren der festen Überzeugung, Trump könne nur der neue Borat sein." Lauper ist einen Moment still.

Auch Cowgirls wollen Spaß

Man erinnert sich an den halb dokumentarischen Kinohit, in dem der Komödiant Sacha Baron Cohen 2006 als närrisch-rassistischer kasachischer Reporter Borat auf einer Amerikareise ein borniertes und rückständiges Volk traf. "Ich rate allen: Geht wählen", schließt Lauper. "Vor allem den Frauen. Seid vorsichtig mit eurer Stimme!" Fluglotse Gordy bellt. Hubschrauber-Alarm. Die Interviewzeit ist zu Ende.

Man legt das neue Album auf. Und als kurz vor Schluss "Cowboy's Sweetheart" läuft, leistet man Abbitte. Der Song ist doch nicht so weit weg von "Girls Just Want To Have Fun", auf dessen generationenübergreifenden Freiheitsgeist Lauper so stolz ist. Das Mädchen im Song legt sich nicht etwa brav zum Cowboy, es zieht weiter und legt sich in der Prärie zur Herde. Sie hält Wacht, schaut die Sterne an, ruft "Yippie-Yeah!" und ist glücklich für sich. Cowgirls himmeln keinen Cowboy an, sie sind kein Objekt von Spaß. Sie wollen lieber selber welchen.

Von Matthias Halbig

Zur Person: Cyndi Lauper

Kämpferin für Gleichberechtigung: Cyndi Lauper auf der Gay Pride Parade in San Francisco. Quelle: Kanaka Menehune / CC BY-NC 2.0

"Detour": Zwölf Songs voller twangender Gitarren, flotter Fiedeln und Engelschöre enthält das aktuelle Album. Duettpartner sind Willie Nelson, Emmylou Harris, Jewel Kilcher, Vince Gill und Alison Krauss. Die Originale von "The End of the World", "I fall to Pieces"  und "Walking after Midnight" kennt man auch in Deutschland, Guy Mitchells  "Heartaches by the Number" wurde 1960 von Peter Alexander gecovert: "Ich zähle täglich meine Sorgen".

Familie: Cyndi Lauper ist seit 1991 mit dem Schauspieler David Thornton verheiratet, im November 1997 kam Sohn Declyn zur Welt. Geboren wurde Lauper 1953 in New York City, wuchs im Stadtteil Queens auf. Ihr Vater Fred Lauper hat deutsch-schweizerische Wurzeln, ihre Mutter Catarina stammt aus Sizilien (sie ist im Video zu "Girls Just Want To Have Fun" zu sehen). Lauper hat zwei Geschwister, Fred und Ellen.

"LGBT-Bewegung": Cyndi Lauper tritt massiv für die Gleichberechtigung aller Menschen ein. Sie ist seit den Anfängen ihrer Karriere vor allem eine Kämpferin für die LGBT-Rechte (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender). Ihr "True Colours"-Fund unterstützt zahlreiche Projekte. Ihre "True Colours Residence" in New York bietet LGBT-Jugendlichen ein Obdach, Jungen und Mädchen, die wegen ihrer Homosexualität von ihren Familien verstoßen wurden. Ihr Wahlspruch: "Akzeptiert andere, so wie sie sind!" Ihre Schwester Ellen, die sie ihr "Rollenmodell" nennt, ist Lesbierin.

"Kinky Boots": Für 13 Tonys nominiert, gewann Cyndi Laupers Musical über eine spezielle Schuhfabrik für Drag-Queens 2013 sechs der begehrten Preise. Lauper war erste alleinige Gewinnerin des Preises für die beste Originalmusik. Damit hat sie zwei Grammys, einen Emmy und einen Tony und gehört zu der mit 20 Gewinnern überschaubaren Gruppe der "GETs". Um sich zu den "EGOTs" zu gesellen, fehlt ihr noch der Oscar. "Kinky Boots" wurde 2011 in Chicago uraufgeführt, läuft seit 2013 am Broadway, seit 2015 in London.

Konzerte: Im deutschsprachigen Raum tritt Cyndi Lauper 2016 dreimal auf: Am 2. Juli im Kölner E-Werk, am 3. Juli an der Wiener Staatsoper, am 9. Juli beim Potsdamer Stadtwerke-Fest. Insgesamt stehen 49 Konzerte an, passend zur Musik des Albums "Detour" startete Lauper am 9. Mai im Country-Mekka Nashville und endet am 8. Oktober in Las Vegas.

20.05.2016
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