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Medien & TV Darth Vaders Haus aus Lego
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20:00 02.09.2016
Spektakuläre Architektur: Das ehemalige "Switch House" vergrößert die Tate Modern in London – und hat sich zu einem Besuchermagneten entwickelt. Quelle: Steve Keiretsu / CC BY-NC 2.0
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Plötzlich fühlt man sich ganz klein. Der Einzelne scheint nicht mehr zu zählen, wird fortgetrieben von dem übermenschlichen Ausmaß dieses groben Betonbaus. Die Londoner Tate Gallery of Modern Art erinnert fast an eine Festung, aber zu viele Türen laden ins Innere, als dass sie wirklich als Bollwerk auftreten könnte. "Wo ist die Schlange?", fragt die spanische Touristin Marisa eine Sicherheitskraft. Diese schüttelt nur den Kopf und zeigt in alle Richtungen. Menschen, die hier zu Miniaturfiguren schrumpfen, wuseln durch die Gegend, werden von jeder Seite geschluckt und nach einer Weile kunstbetankt wieder ausgespuckt.

Der Eintritt in die Tate Modern, das meistbesuchte Museum für moderne Kunst, ist kostenlos und fördert ein fließendes Kommen und Gehen. An diesem Nachmittag sitzt eine Kunststudentin auf dem Boden und versucht, allein mit einem Bleistift das riesige Gebäude einzufangen. Im Café treffen sich drei Freundinnen zum Tratsch. In der Eingangshalle steht eine Familie vor der neuen Baumskulptur von Ai Weiwei und freut sich, einem Werk des chinesischen Konzeptkünstlers so nahezukommen. Ein Paar knutscht versunken in einer der Nischen.

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Eine Schulklasse trottet, angeführt von ihrem Lehrer, vorbei in Richtung eines Ausstellungsraums, in dem verschiedene Künstler das Thema "Lebendige Städte" mit Fotos, einem Modell aus Couscous oder einer interaktiven Karte aufbereitet haben. Die Teenager befinden sich im sogenannten Switch House, dem spektakulären Anbau, der vor wenigen Wochen eröffnet hat und sich ganz natürlich an die alte Tate anschmiegt.

Luftiger Industriecharme: Der Baum im Foyer des "Switch House" stammt vom chinesischen Starkünstler Ai Weiwei. Quelle: David Holt / CC BY 2.0

Er wurde mit ockerfarbenen Ziegelsteinen ummauert, die versetzt gestapelt sind und durch schmale Fensterschlitze genau an jenen Stellen Licht ins Innere lassen, wo es gewünscht ist. "So stelle ich mir Darth Vaders Haus vor – gebaut aus Legosteinen", sagt der 15-jährige Besucher David.

Innerhalb eines Monats hat die Erweiterung eine Million Besucher angelockt, im Durchschnitt waren es jeden Sonnabend, dem stärksten Tag der Woche, 39 000 Menschen. Das hat die Erwartungen bereits deutlich übertroffen. Über das vergangene Jahr verteilt kamen insgesamt fast fünf Millionen Gäste. Die Öffentlichkeit feiert die Galerie, die von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron entworfen wurde und durch die sich die Ausstellungsfläche um 60 Prozent vergrößert hat.

Doch die Kritiken zeigten sich ob des zehnstöckigen Gebäudes gespalten. Während es im "Guardian" hieß, dass der Anbau die Tate Modern zu "einem der weltweit großartigsten Kunstmuseen" gemacht habe, verglich ihn ein Journalist in der "Sunday Times" mit einer "gigantischen Firmenzentrale für den riesigen, multinationalen Konzern, der sich zeitgenössische Kunst nennt". Doch es war Absicht, keinem Entwurf aus Glas und Stahl zu folgen – man dachte offenbar, dass bereits zu viele dieser Hochhäuser auf der anderen Seite der Themse im Londoner Finanzdistrikt stehen.

Ein Museum als "sozialer Kondensator"

Von dort strömen täglich tausende Besucher über die Millennium Bridge auf die Tate Modern zu, die sich quer zum Fluss hin erstreckt. Das umgebaute Stromkraftwerk, entworfen von Giles Gilbert Scott in den Vierzigerjahren, sticht sofort ins Auge wegen des fast brutalen, schmucklosen Baus, in dem ursprünglich die Generatoren und die Turbinenhalle untergebracht waren. Die Erweiterung befindet sich auf der Rückseite und wurde auf dem alten Umspannwerk errichtet, wo damals der Strom produziert wurde.

Durch das neue Gebäude ziehen sich horizontale und vertikale Fensterbänder, insbesondere im Inneren dienen alle Details als Einladung an die Besucher, mit zeitgenössischer Kunst in Kontakt zu treten. Es ist das Konzept, mit dem die Tate Modern seit ihrer Eröffnung vor 16 Jahren enormen Erfolg hat. Ein Kunstmuseum als "sozialer Kondensator", hieß es jetzt in einer Pressekritik.

Die vielen Schlupfwinkel und Nischen machten es zu einem "Paradies, um Menschen zu beobachten". Und nicht nur das: Die Tate hat dazu beigetragen, dass die vergessene und schmuddelige Bankside im Bezirk Southwark aufgewertet wurde und heute zum Standardprogramm der Touristen gehört.

Außen schmucklos, innen einladend: Der neue Anbau schmiegt sich an das bekannte Gebäude der Tate Modern am Ufer der Themse an. Quelle: Gary J. Wood / CC BY-SA 2.0

Beide Gebäudeteile sind auf zwei Ebenen mittels Brücken durch die Turbinenhalle verbunden, in der schwere Metallkonstruktionen eine industrielle Atmosphäre schaffen. "Es sieht ein bisschen aus wie ein Design-Gefängnis", sagt eine Frau, während sie in das neue Gebäude schlendert, bei dem sich selbst die Direktorin der Tate Modern, Frances Morris, nicht auf eine Beschreibung festlegen konnte: "Es ist eine zerdrückte Pyramide oder ein wackliges Rechteck." Sie schätzt vor allem den Umstand, dass die zwei Teile miteinander vereint seien. "Die Ziegelsteinhülle sorgt dafür, dass das neue Gebäude aus der alten Tate Modern wundervoll herauswächst."

Das passiert nicht nur außen, sondern auch im Inneren: Die 260 Millionen Pfund teure Erweiterung, umgerechnet knapp 310 Millionen Euro, präsentiert sich auf schlichte Weise, kommt zurückhaltend und gleichzeitig kraftvoll daher wie bereits das ikonenhafte Haupthaus. Das liegt auch an den Wänden aus grobem Sichtbeton, den hellen Böden aus unversiegeltem Eichenholz und den großen Räumen, wo die Decken aus Milchglas ein gedämpftes Licht auf die Kunst werfen.

Atemberaubender Panoramablick

Installationen, Multimedia, Performance-Aktionen, mehr Filme, interaktive Kunst, Skulpturen und einen stärkeren Fokus auf Werke von Künstlerinnen – das sind die Anliegen der neuen Direktorin Morris, die Anfang April übernahm. Zudem wolle man noch internationaler werden, was in diesen Tagen fast rebellisch anmutet, nachdem die Mehrheit der Briten für einen Ausstieg aus der EU gestimmt hat. Das Referendum fand ausgerechnet in der Eröffnungswoche des Anbaus statt.

Während sich die moderne Kunst auf vier Stockwerken verteilt, sind im Rest Büros, private und kommerzielle Räume, ein Restaurant und eine Bar untergebracht. Einen Höhepunkt gibt es buchstäblich in der Höhe. Auf dem zehnten Level bietet sich ein atemberaubender Panoramablick über London – auf die Themse, die berühmte Kathedrale St. Paul's, die City und die im Horizont verschwindende Metropole. Und plötzlich, weit über der Stadt, ist es wieder da – das Gefühl, ganz klein zu sein.

Von Katrin Pribyl

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