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19:59 10.06.2016
Willkommen in der Post-Gegenwart: Die 9. Berlin Biennale wurde von einem New Yorker Digital-Kollektiv kuratiert, hat aber trotzdem sehr greifbare Kunsterlebnisse zu bieten. Quelle: dpa
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Willkommen in der Post-Gegenwart. In ihr fühlt sich die Zukunft wie die Vergangenheit an, und die Gegenwart steht mit ihren Unwägbarkeiten alleine da. Science-Fiction und Fortschrittsglaube sind von gestern. Stattdessen gucken die Menschen Reality-TV und Fantasy. Genres, die sich immer mehr annähern, denn das Virtuelle wird immer mehr zum Realen. Von einer solchen leicht depressiven Gegenwartsdiagnose startet die neunte Ausgabe der Berlin Biennale und fragt: Wird Donald Trump Präsident? Ist Weizen giftig? Sind wir im Krieg?

Als Kuratoren wurde ein Hipster-Quartett aus New York namens DIS bestellt, bestehend aus Lauren Boyle (31), Solomon Chase (31), Marco Roso (42) und David Toro (34). Der Name ist abgeleitet von "disillusion" (Desillusion) und "discontent" (Unzufriedenheit). Das Kollektiv bezeichnet sich als "Produkt des Börsencrashs" – alle vier verloren im Zuge der Finanzkrise ihre Arbeitsplätze. Ihr Programm charakterisiert die Gruppe mit "Programmlosigkeit", als Theoretiker sieht sich die Gruppe als "post-contemporary", als Netzwerker als "hypergegenwartsbezogen".

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Der Flow des Kapitals

Die Bekanntgabe der Digital Natives aus New York als Macher der Berlin Biennale hatte zu Verwirrung geführt. Bislang war das DIS-Kollektiv vor allem online in Erscheinung getreten – mit ihrem auf Kunst, Mode, Design und Politik spezialisierten digitalen "DIS Magazine". Einige dachten schon, die Biennale finde 2016 womöglich rein virtuell statt, was indes nicht der Fall ist. Vielmehr wird man Zeuge interessanter Gehversuche der heute allerorts gehypten Digital Natives, die außerhalb der gewohnten Sphäre des Netzes allerdings manchmal etwas tapsig wirken.

DIS hat die Schauplätze Biennale in eine Art begehbares Internet verwandelt. Dazu zählen die Kunst-Werke in der Auguststraße, sowie eine kürzlich eröffnete Privatsammlung, ein zum Kino umfunktioniertes Fahrgastschiff, eine Managerschmiede im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude und die Akademie der Künste am Pariser Platz. DIS ließ sich bei seiner als "The Present in Drag" ("Die verkleidete Gegenwart") betitelten Biennale von den vielen, teils widersprüchlichen Gesichtern der Hauptstadt inspirieren.

Das anarchische Berlin der Neunzigerjahre existiere zwar nicht mehr, stellte DIS-Mitglied Marco Roso, fest, der "Flow des Tourismus und des Kapitals" am Pariser Platz mit seiner Konzentration von Botschaften, Banken, Lobbyrepräsentanzen und Selfies schießenden Touristen mit Handystangen aber sei kaum weniger interessant.

Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei

Namhafte Biennale-Teilnehmer sind die großartige Filmkünstlerin Hito Steyerl, die Deutschland auf der vergangenen Venedig-Biennale vertreten hat, der türkische Politkünstler und documenta12-Teilnehmer Halil Altindere und die spannenden Duos Korpys/Löffler sowie Paglen/Appelbaum. Beide Zweiergespanne interessieren sich für Geheimoperationen und Überwachungsstrukturen der Post-Snowden-Ära.

Unter den von DIS eingeladenen Künstlern ist auch eine Vielzahl von Künstlerkollektiven, die wiederum im Huckepackverfahren andere Kreative und Kollektive dazugeholt haben. Die Zeit der Einzelkämpfer und singulären Kunstheroen à la Jeff Koons, Damien Hirst oder Gerhard Richter scheint vorerst vorbei zu sein. Eine jüngere Generation von Kreativen setzt demonstrativ auf das gegenteilige Konzept: Vernetzung, Kooperation und das Aufgehen im Gruppenlabel. Der Trend geht zum DIWO – Do it with others!

Bis 18. September, viele Orte in Berlin. Mittwochs bis montags 10 bis 19 Uhr, donnerstags 11 bis 21 Uhr.
Eintritt: 16 Euro, ermäßigt 10 Euro. Katalog 16 Euro.
bb9.berlinbiennale.de/de/

Von Johanna Di Blasi

Highlights der 9. Berlin Biennale

Die Makel der Mode

Wir leben in einem Zeitalter der personalisierten Sneakers, des algorithmisch ermittelten Geschmacks und der individuell zugeschnittenen Diätpläne. Welche Rolle spielen Designer und Künstler in der schönen neuen Welt von Big Data? Mit seiner Installation auf der 9. Berlin Biennale versucht das 2013 in Melbourne gegründete australische Kollektiv Centre for Style in Kollaboration mit weiteren Gruppen und Individuen ein umfassendes, ehrliches Bild des gegenwärtigen Modebetriebs zu geben.

Auf einem lang gezogenen Steg in der postmodern gestalteten Akademie der Künste am Pariser Platz lässt das Kollektiv in einer Mischung aus Zufall und Do-it-yourself-Lässigkeit Bilder von Laufstegen entstehen und dem, was dahinter passiert, von glamourösen Produkten und dem Schweiß moderner Nähsklaven, von der Party- und der Katerstimmung hinterher. Das Kollektiv versteht seine Arbeit als exakten Gegenpol zu lukrativen Kooperationen von Künstlern und Luxusmarken.

Eine "kritische Hinterfragung": Das Künstler- und Gärtnerkollektiv atelier le balto hat für die "Intervention Passage" Wildsträucher in einen Hinterhof gepflanzt. Quelle: atelier le balto

Radikales Stadtgrün

Ja der gemeine Knöterich. Wenn man den mal im Garten hat, dann gute Nacht. Das deutsch-französische Extremgärtnerkollektiv atelier le balto hat eine Vorliebe für invasive Arten, für Grünzeug, das sich mit einer gewissen Hartnäckigkeit ausbreitet, ähnlich wie virales Marketing oder multinationale Konzerne. Das Gartenkollektiv hat den Hof der Kunst-Werke in der Auguststraße mit Vogelknöterich, Goldrute, Birken, Himbeersträuchern und anderen Wildgewächsen bepflanzt.

Damit erhält auch die Biennale ihr "Greenwashing" – so heißen PR-Strategien, mit denen sich Firmen und Institutionen ein grünes Image geben. Wer meint, das "Intervention Passage" genannte Pflanzstück sei ein weiteres Beispiel für Urban-Gardening, ist Kunstbanause. Selbstverständlich handelt es sich bei dem Biotop aus umzäunten Grünparzellen um eine "kritische Hinterfragung". Als Besucher wandelt man dank der Intervention von atelier le balto durch einen grünen Schleier zur Kunst.

Kuscheln für die Kunst

In der Kunstwelt, so das Klischee, gehen alle mit allen ins Bett: die großen Geldgeber und kleinen Sternchen, die Künstler, Sammler, Galeristen, Adabeis. M/L Artspace aus New York, gegründet von der Deutschen Lena Henke und der Schwedin Marie Karlberg, hat für die 9. Berlin Biennale ein Bett samt eigener Bettwäschekollektion entworfen. Die Laken sind eine visuelle Dokumentation der bisherigen Arbeit des Artspace. Zudem ist das Bettzeug mit Texten des Kunstkritikers Andrew Russeth beschriftet.

M/L Artspace ist ein nomadischer Ausstellungsraum. Ähnlich wie Pop-up-Stores schießen die Kunstausstellungen aus dem Boden, die die beiden gemeinsam mit Freunden organisieren: mal in einem Nagelstudio, mal in einer Autounterführung des Brooklyn Queens Expressway, mal in Offspaces und nun eben auf der Berlin Biennale. In der Akademie der Künste lädt M/L Artspace im geräumigen Bett zum Kuscheln ein. Ein Angebot, das eifrig angenommen wird.

Beeindruckendes Multimediawerk: "What the Heart Wants" von Cécile B. Evans im Hauptraum der 9. Berlin Biennale. Quelle: bb9

Im Sog des Virtuellen

In einer Ausgabe seines "Neo Magazin Royale" verlor sich der Satiriker Jan Böhmermann kürzlich in einer "Einspielerschleife". In etwa so kommen sich die Besucher der 9. Berlin Biennale bisweilen auch vor. Virtuelle und analoge Ästhetiken aus Kunst, Werbung und PR überlagern sich in vielen Räumen bis zur Ununterscheidbarkeit. Eine Art Endlosschleife entsteht, die den Betrachter einlullt, ihn gefangen nimmt und ihm früher oder später den Boden unter den Füßen entzieht.

In ihrem beeindruckenden Multimediawerk "What the Heart Wants" im Hauptraum der 9. Berlin Biennale treibt die junge amerikanische Künstlerin Cécile B. Evans die moderne Bodenlosigkeit auf die Spitze. Der Raum ist teilweise geflutet. In der Dunkelheit flimmern Bilder von Trupps aus kopflosen Ohren und körperlosen Händen. Sind das die neuen Arbeitskollektive? Eine weibliche Stimme sagt: "Das ist unmöglich. Das ist real". Das klingt wie das geheime Motto der 9. Berlin Biennale.

Von Johanna Di Blasi

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