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Medien & TV “Das kalte Herz“ und mehr DVD-Tipps
Nachrichten Medien & TV “Das kalte Herz“ und mehr DVD-Tipps
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19:51 14.04.2017
Quelle: dpa
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Hannover


Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind: Ein Zauberer kommt in den Zwanzigerjahren nach New York, um einen Fabelvogel in seine amerikanische Heimat zurückzubringen. Er hat ihn in einem Köfferchen, das von außen unscheinbar wirkt, das aber so geräumig ist, dass ein ganzer Zoo hineinpasst. Leider entwischen ihm einige Tierwesen durch ein defektes Kofferschloss und so muss Newt Scamander erstmal in der Stadt bleiben, wo er mit Hilfe eines rundlichen Mannes, der davon träumt, ein Konditor zu werden (Dan Fogler) antimagischen Umtrieben und dem Lord Voldemort der damaligen Zeit auf die Spur kommt.

J. K. Rowling hat das Drehbuch geschrieben, David Yates, der die zweite Hälfte der acht “Harry Potter“-Filme drehte, hat damit den zweitbesten Film aus Rowlings Zauberwelt vorgelegt (nach Alfonso Cuarons “Harry Potter und der Gefangene von Askaban“). Scamander war im Hogwarts der Harry-Potter-Zeit nur der Autor des Schulbuchs, das seinem ersten eigenen Film den Namen gab. Eddie Redmayne spielt den schüchtern-romantischen Abrakadabristen mit bubenhaften Entwaffnungscharme. Expelliarmus! (Gibt’s auch für Hogwarts-Maniacs mit dem etwas größeren Geldbeutel als limitierte “Niffler“-Box mit einer Figur des maulwurfartigen Niffler, den Münzenklang und Schmuck magisch anziehen).

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Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind Quelle: Warner

Das kalte Herz: Die Musik dräut und hängt wie Wolken über den farbentsaugten Bildern, während das Aborigine-artige Glasmännlein von dem braven, armen Köhler erzählt, von seiner Braut und der aus Gier verratenen Liebe. Das düstere Märchen aus den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts wurde von Regisseur Johannes Naber auf verwunschene, düsterschöne Art erzählt und ist allzeit fesselnd. Den christlichen Gehalt bei Wilhelm Hauff fährt Naber zurück, seine Welt erscheint archaisch, von alten, heidnischen Göttern und Geheimnissen durchwirkt.

So handelt der Film vorrangig vom bis heute anhaltenden Fehlglauben, dass Besitz den Menschen ausmache, dass es ihm sein Reichtum, Talent oder auch Einbildung erlaube, sich über seinen Nächsten zu erheben. All das wird in einem Schwarzwald des Paralleluniversums ausgebreitet, einer magischen Welt, die über die Settings klassischer Märchenfilme hinausweist, vielmehr der bislang gelungenste deutsche Fantasyfilm ist. Mit Frederick Lau, André Hennicke, Henriette Confurius, Lars Rudolph und Milan Peschel als Glasmännlein ist die traurigschöne Lehrstunde in Sachen Menschlichkeit auch noch trefflich besetzt.

Das kalte Herz Quelle: Universum

Thirteen – Miniserie: Eine Haustür geht auf, eine kreidebleiche junge Frau übertritt die Schwelle in den Vorgarten, beginnt dann zu laufen, panisch, findet eine Telefonzelle, meldet sich bei der Polizei als die vor 13 Jahren entführte Ivy Moxam. Die BBC-Serie „Thirteen“ erzählt das Drama eines nahezu unmöglichen Neuanfangs des Opfers in ihrer alten, bereits zerbrochenen Familie. Zwischen Tochter und Familie liegt die Schlucht der Tat, Ivy fühlt sich dort nach all den Jahren wie eine Fremde, und die Eltern setzen bei der 26-Jährigen zunächst wieder an, wo sie aufgehört haben: bei der Erziehung ihres beim Verschwinden 13-jährigen Mädchens.

Hinzu gesellt sich ein leiser, gemeiner Thriller. Der flüchtige Kidnapper will Ivy zurück, greift sich ein anderes Kind, um “tauschen“ zu können. Ivy verwickelt sich zudem in Widersprüche, scheint Dinge ihrer Gefangenschaft vor der Polizei geheimhalten zu wollen und macht sich verdächtig, den Täter zu schützen, möglicherweise am Stockholm-Syndrom zu leiden, der Zuneigung zu ihrem Geiselnehmer. Bald schon scheint sie in den Augen einer karrierebeflissenen Polizistin nur noch das Instrument, die neue Gefangene zu befreien.

Jodie Comer ist überzeugend als zerbrochene junge Frau, lässt die Verwundungen ihres Lebens in ihre sorgenvolle Augen ziehen, in ihre seufzende Stimme. Die spannende, düstere Geschichte entfaltet sich langsam, überaus plausibel, die Charaktere erscheinen aus dem Leben gegriffen, die Protagonistin gibt dem Zuschauer ein Gefühl, was eine solche jahrelange Gefangenschaft anrichtet. Erst in der letzten der fünf Folgen zieht das Tempo dann an. Action zieht herauf, die Tragödie immer fest an ihrer Seite.

Thirteen Quelle: Polyband

Die Geschichte der Kriegsberichterstattung: Es bestand absolut keine Notwendigkeit, während der Regisseur im Morgenmantel über Mord und Totschlag telefoniert, die nackte Frau auf seinem Hotelbett abzubilden, ja ihr geradezu lustvoll mit dem Kameraauge übers Hinterteil zu fahren. Dieser Moment will nur eins sagen: Ich mag schon etwas älter sein, bringe es aber noch, denn – voilá – diese schöne junge Dame war heute nacht meine Gespielin. Solche Selbstversicherung sexueller Ausstrahlung hat in einer Dokumentation über die Kriegsberichterstattung vom belagerten Sarajevo absolut nichts zu suchen.

Ebensowenig erschließen sich die zahlreichen Ausschnitte aus alten Filmen, die manchmal so unvermittelt und unpassend eingeschnitten werden, als wäre man versehentlich auf die Fernbedienung gekommen und hätte den Sender gewechselt. Letztlich bieten zwei Drittel dieses neu aufgelegten Films, dieses Ophuls’schen Spätwerks aus den Neunzigerjahren Erhellendes über die Motivation der Kriegsjournalisten – von idealistischer Berichterstattungspflicht bis zu haarsträubendem Abenteurergeist. Auch die gefährlichen und schwierigen Arbeitsbedingungen werden beleuchtet, dass man verwundet und getötet werden kann. Der Rest ist überflüssig, der Meister von “Liebe mit 20“ war hier von der Meisterschaft ein Stück entfernt.

Die Geschichte der Kriegsberichterstattung Quelle: Absolut Medien

The Monster: Monster gibt es wirklich, das wissen wir, da wir als Kinder eins in unserem Wandschrank leben hatten das sich nächtens räusperte und knurrte und immer wieder die Schranktür wenig aufstupste. Es hat uns am Ende nicht gefressen, vergessen haben wir unsere Furcht vor ihm aber bis heute nicht. Menschen aber gibt es nun, die gibt es nicht. Die leben in Horrorfilmen und begeben sich immer mal wieder blindlings mitten hinein in die Gefahr, die doch nur darauf aus ist, sie zu verschlingen. Sie sind es, die Monsterfilme so unglaubwürdig machen, nicht die Ungeheuer.

Mutter Kathy (Zoe Kazan) und kleine Tochter Lizzy (Ella Ballentine) geraten in Bryan Bertinos “The Monster“ auf einer finsteren Waldstraße in eine schlimme Situation. Sie fahren einen Wolf an, die Mutter ist verletzt, das Auto nicht mehr manövrierbar. Sie können noch Abschleppdienst (und der wiederum den Notarzt) rufen, was ungewöhnlich ist, denn in Monsterlanden funktionieren Mobiltelefone normalerweise nicht. Dann knackt es im Gehölz und auftritt ein schwarzes, ölig-nasses Wesen zwischen Werwolf und Alien – lange nur als urweltliches Krurr-Schnatter-Atemgeräusch, als Schatten, Silhouette, was angesichts der tricktechnischen Unzulänglichkeiten des Dings ein gutes Vorgehen ist. Die Helfer und Retter werden wie immer im Gere seitens der Bestie ausgeschaltet, dann folgt eine Zwei-Frauen-Belagerung à la “Cujo“, nur dass das Ding aus dem Wald viel viel stärker ist als es der tollwütige Bernhardiner war und man schon aus reiner Angst niemals freiwillig aus einer noch so unsicheren Deckung ginge.

Am Ende geht in diesem Schlechtwetterfilm (der Nachthimmel kippt Badewannen aus) der in Verzweiflung ausgerufene Wunsch eines Kindes nach dem Tod der schwachen Mutter auf unverhoffte Weise in Erfüllung. Es musste von kleinauf stark und erwachsen sein, denn der Vater war ein brutaler Schläger und die blutjunge Mutter – hörig, süchtig, willenlos – stellte sich oft gegen das Mädchen. Lizzys Gefecht im Wald ist der Stellvertreterkampf gegen den Vater. Das kleine Rotkäppchen schlägt sich wacker und wird nie wieder im Leben von irgendwem unterdrückt werden. Der Zuschauer ist undankbar, fühlt sich einigermaßen unterhalten von einem besseren B-Movie.

The Monster Quelle: Koch Media

Swiss Army Man: Der Regisseursname The Daniels steht für Daniel Kwan und Daniel Scheinert. Die verpassten dem Dritten im Vornamenbunde, Daniel Radcliffe, die wohl unwahrscheinlichste Rolle seiner Karriere. Der ehemalige edle, nette Harry Potter spielt in der surrealen, schwarzen Komödie “Swiss Army Man“ den toten Lebensretter eines auf einer einsamen Insel Gestrandeten (Paul Dano). Gerade als sich der verzweifelte Robinson am Eingang seiner Höhle erhängen will, wird der Leichnam angeschwemmt, und mit der Hilfe ausgefurzter Gase zieht der seltsame Ertrunkene mit dem Glubschauge den Gestrandeten übers Meer. Mit heruntergezogener Hose, den Lebenden rittlings auf sich, drückt sich “Manny“ durch die Wellen.

Beim Sundance Festival war Radcliffes Flatulenzfrequenz Grund dafür, dass sich die Vorführung nach wenigen Minuten leerte. Wer ging, verpasste indes das abgefahrenste Buddy Movie überhaupt, einen der eigenwilligsten US-Indiefilme überhaupt. Während Hank Manny anfangs als Ressource nutzt, wird er ihm später zum Gesprächspartner, der wenig Erinnerung an sein früheres Dasein zu haben scheint und von Hank einen Kurs in Sachen Zivilisation erhält. Ob diese sehr verwaschene Wiederauferstehung real ist oder nur eine den Überlebensinstinkten geschuldete Einbildung, bleibt offen. Long live Lazarus!

Swiss Army Man Quelle: Koch Media

Holodomor: Die Absicht dieses Films ist schnell klar. Die Russen sind nicht erst seit Putins Krimokkupation die Nemesis der Ukraine – es war schon früher so. Unbestritten ist zwar, dass Stalin die Widerstände der “Kornkammer Europas“ gegen seine Landkollektivierung mit einem Genozid durchsetzte, und die Bauern in der Ukraine durch Erntebeschlagnahme millionenfach in den Hungertod trieb. Aber die Art, wie der deutsche Regisseur ukrainischer Abstammung George Mendeluk die Barbarei der Sowjets in dem kanadischen Film “Holodomor – Bittere Ernte“ abbildet, ist viel zu plakativ, pathetisch, auf schlichte Weise lehrhaft und eindimensional, um vom Zuschauer nicht als filmisches Pamphlet durchschaut zu werden.

Vor den Zwangsmaßnahmen lächeln hier 99 Prozent der Bevölkerung tagein, tagaus glückstrunken, leuchtet die Ukraine in kitschigsten Farben und überholt dabei selbst Tolkiens Auenland als trauteste aller Heimaten. Dann reitet ein Politoffizier der Sowjets in gestapohafter Lederjacke Frauen um, schießt Priestern in den Kopf, schlägt Juris Großvater (Terence Stamp), einen furchtlosen Freiheitskämpfer bewusstlos und erhängt seinen Vater (Barry Pepper) im Wald an einem Baum. Und schon verabschiedet sich die Bibelfilmsonne, hängen die grauen Wolken als Metaphern für unsagbares Leid und tiefe Trauer fast an den Giebeln der nicht mehr ganz so pittoresken Holzhäuser - die hungernde Welt ist jetzt farbentsaugt.

Erzählt wird die Geschichte des Helden und Künstlers Juri (Max Irons), der sich mit abstrakten Bildern gegen den offiziellen Kunstbetrieb stellt, und der seine schwangere Frau (Samantha Barks) tatsächlich daheim im Dorf hungern lässt. Die Personenzeichnung ist dürftig, die Dialoge sind Schema F, eher bemüht als gelungen auch im Schnitt und den Perspektiven. Wut und Verachtung sind schlechte Filmemacher. Eine Tragödie in jeder Hinsicht.

Holodomor Quelle: Edel Germany

Von Matthias Halbig

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