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20:01 11.11.2016
Schreibt mit beinahe unerträglicher Leichtigkeit über die traurigsten Dinge: Jonathan Safran Foers neuer Roman "Hier bin ich" lässt die Leser am langsamen Ende einer Ehe teilhaben. Quelle: Emilio Naranjo / dpa
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Abraham sagt diese drei Wort zu Gott, als der ihn ruft: "Hier bin ich." Er sagt sie auch zu seinem Sohn Isaak, als er ihn zur Schlachtbank führt und ihn beruhigen will. Und noch ein drittes Mal, als ein Engel erscheint und ihm das Opfer erlässt. "Hier bin ich" lautet auch der Titel von Jonathan Safran Foers drittem Roman. Darin sehnt sich der Teenager danach, dass seine Eltern für ihn so bedingungslos da sind, wie es die Worte "Hier bin ich" ausdrücken.

Doch sie stehen nicht hinter ihm, als Sam in der Schule bezichtigt wird, einen Zettel mit versauten Wörtern geschrieben zu haben, weshalb der Rabbi jetzt damit droht, seine Bar Mizwa zu streichen. Und Sams Eltern stehen auch nicht hinter seinem Großvater, der nicht ins jüdische Seniorenheim ziehen will.

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Für wen man da ist – "diese Frage prägt unsere Identität am stärksten", schreibt Sam in einem Chat im virtuellen Rollenspiel "Other Life", in dem er sich besser mitteilen kann als im realen Leben. Denn Identität bestehe aus einer Vielzahl von teils widerstreitenden Loyalitäten: Abraham wollte für Gott und zugleich seinen Sohn da sein, und Sam wiederum beobachtet, wie seine Eltern mit ihren widersprüchlichen Rollen als Ehepartner und Vater beziehungsweise Mutter zu kämpfen haben.

Leichtigkeit und die traurigsten Dinge

Wie Sam hier Abraham, den Vater der Juden, in Beziehung setzt zu seiner eigenen Rolle im Leben und zu seiner Familie, ist typisch für Foer, der in diesem Roman das vielschichtige Gewebe von Rollen und Identitäten zu einem großen amerikanischen Epos flicht.

Dennoch erreicht Foer diesmal nicht diese schier unerträgliche Leichtigkeit des Stils, in dem er zuvor über die traurigsten Dinge schrieb. Als 25-Jähriger debütierte der in Washington lebende Foer mit "Alles ist erleuchtet", einem herzzerreißenden Roadmovie über ein fiktionalisiertes Alter Ego des Autors. Der junge Mann fährt in die Ukraine, um die Frau zu finden, die seinem Großvater das Leben rettete, als die Nazis 1941 die Bewohner dessen Heimatorts ermordeten.

Foer, dessen jüdische Familie den Holocaust überlebte, schrieb einen Roman, der zugleich zu Tränen rührte und zu Lachtränen animierte. Dafür sorgte vor allem der ukrainische Reisegefährte Alexander Perchov, dessen holpriges Englisch und merkwürdige Vorstellungen von amerikanischer Popkultur willkommene Brüche darstellten. Das internationale Feuilleton feierte Foer als neuen J. D. Salinger, auch wegen der ungewöhnlichen Erzählkonstruktion. Neben der Reise bilden ein späterer Briefwechsel mit Alexander und historische Rückblicke weitere Ebenen. Mit Elijah Wood in der Hauptrolle wurde "Alles ist erleuchtert" auch in Hollywood ein Erfolg.

Elijah Wood wandelt in der Verfilmung des Romans "Alles ist erleuchtet" auf den Spuren seiner Ahnen. Quelle: Verleih

Drei Jahre später legte Foer mit "Extrem laut und unglaublich nah" DEN Roman zum 11. September vor. Ein Vater (in der Verfilmung gespielt von Tom Hanks) bringt seinem Sohn bei, die Welt als Rätselparcours voller geheimer Hinweise zu begreifen. Als der Vater im World Trade Center stirbt, findet der Sohn einen Schlüssel und versucht bei seinen Wanderungen durch New York das Schloss dafür und damit auch das Erbe seines Vaters zu finden. Wieder durchzieht diesen wahnsinnig traurigen und melancholischen Film ein Gefühl von Aufbruch und Innigkeit, das den Schrecken erträglich macht.

Bei Foers neuem Werk ist das etwas anders. Hier schaut der Leser ohne Trost einer Ehe beim langsamen Sterben zu. Sams Eltern Julia und Jacob Bloch, eine in Washington lebende jüdische Familie, haben sich in 16 Jahren Ehe entfremdet. Für den Leser ist es deprimierend mitzuerleben, wie sie über mehrere Hundert Seiten an dem Trugbild ihrer Partnerschaft festhalten.

Wie sie zum Beispiel nach Jahren wieder in die Ferienwohnung auf dem Dorf fahren, in der sie als Frischverliebte so innige Stunden miteinander verbrachten und nun voreinander zu rechtfertigen versuchen, dass sie diesmal keinen Sex haben. Wie sie sich hinter den immer wieder erwähnten Badtischdevotionalien von Antifaltencreme bis Zahnseide verstecken und ihre drei Kinder länger aufbleiben lassen, damit die Zeit zu zweit kürzer wird. "Die Illusion einer liebenden Beziehung machte das Fehlen einer liebenden Beziehung erträglicher", heißt es im Roman.

Liebe als Religion für zwei

Die fadenscheinig gewordene Schutzhülle ihrer Liebe reißt, als Julia SMS mit Sexfantasien liest, die ihr Mann mit einer Kollegin austauschte. Diese obszönen Nachrichten streute der Autor schon zu einem früheren Zeitpunkt ohne Erklärung in den Text ein, während Julia, die Architektin, gerade eins ihrer Single-Häuser entwirft. Eine perfide Konstruktion, die viel aussagt über den Status dieser Beziehung. Begonnen hatte sie als "Religion für zwei", mit Sabbatfeiern aus einander vorgelesenen Liebesbriefen und Sex, während das Wasser für die Wanne zu zweit einlief. Liebe und Glaube speisen sich gleichermaßen aus Ritualen.

Später heißt es: "Sie strich ihm über die Haare. Sie  verzieh ihm nichts. Gar nichts. Weder die SMS noch die Jahre. Aber sie konnte nicht nicht auf sein Bedürfnis reagieren. Es war eine Art Liebe. Aber Doppelverneinungen haben noch keine Religion am Leben erhalten."

Von der Ehe- zur Nahostkrise

Von dem Kammerspiel der Ehekrise zieht Foer dann plötzlich den Fokus auf zur Weltlage: Ein Erdbeben zerstört große Teile von Israel. Die arabische Welt nutzt diesen Moment der Schwäche aus, was einen internationalen Konflikt zur Folge hat. Jacobs israelischer Cousin Tamir fordert ihn auf, für Israel in den Krieg zu ziehen. Wieder geht es um die Frage, für was oder wen man bedingungslos da ist.

Tamir sagt zu Jacob: "Wenn du in der Lage wärst, aufzustehen und zu sagen: 'Dies ist, was ich bin', dann würdest du wenigstens dein eigenes Leben leben." So zerfällt Israel zeitgleich mit der Beziehung von Jacob und Julia. Foer blickt hier wie schon in seinen Vorgängerromanen tief hinein in die jüdische Seele und spürt in den Fußstapfen von Philip Roth dem Verhältnis der amerikanischen Juden zu Israel nach.

DER Roman zum 11. September: Tom Hanks lehrt seinen Sohn in der Verfilmung von "Extrem laut und unglaublich nah" einen besonderen Blick auf die Welt. Quelle: Verleih

So verschroben wie seine Figuren muss Foer auch als Mensch sein. So sammelt er die jeweils nächste, noch unbeschriebene Seite eines in Arbeit befindlichen Buches seiner Schriftstellerkollegen. Per Brief pflegt er sie um den leeren Bogen Papier zu bitten. In Deutschland wurde der überzeugte Veganer vor allem durch sein Sachbuch "Tiere Essen" (2009) bekannt, das sich mit der industrialisierten Tierhaltung auseinandersetzt. Mit seiner Kollegin Karen Duve ("Anständig essen") ging er auf gemeinsame Lesereise.

Foers Werk "Tree of Codes" (2010) hat eine sehr eigentümliche Form und ist ein Kunstwerk für sich: Es basiert auf dem Titel "Die Straßen der Krokodile" des von den Nationalsozialisten ermordeten polnischen Schriftstellers Bruno Schulz. Indem Foer einzelne Wörter und Buchstaben mit einer Schere aus dem Text schnitt, legte er eine neue Sinnschicht frei. Ein sehr plastisches Spiel mit Bedeutungsebenen, das Foer auf metaphorische Weise auch in seinen Romanen beherrscht.

Diese Kreativität blitzt auch in "Hier bin ich" bisweilen auf. Zum Beispiel in der Figur von Argus, dem inkontinenten Hund der Familie, den Jacob seinen Kindern kaufte, "weil sie irgendwie traurig waren". Wie der gleichnamige Riese aus der griechische Mythologie sieht er vielleicht das unausweichliche Ende früher als das Paar selbst. Mit Argus endet auch die Geschichte, und das ist wieder ganz Foer.

Jonathan Safran Foer: "Hier bin ich". Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens, Kiwi; 688 Seiten, 26 Euro.

Von Nina May

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