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Medien & TV Dave Kincaid hofft auf die bessere Welt
Nachrichten Medien & TV Dave Kincaid hofft auf die bessere Welt
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16:53 02.07.2017
Die bessere Welt, die der Rock miterschaffen wollte, ist immer noch möglich: Dave Kincaid (2. v. l.) hat mit den Brandos ein Album für seinen kleinen Sohn Jamie und seine Frau Ines aufgenommen. Quelle: H
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Hannover

„Ich kann nicht mehr weiter, Senor Coyote!“ sagt der erschöpfte Mexikaner auf dem quälerischen Marsch.– „Zur Hölle damit, Mann!“, gibt der Schleuser zurück. „Du wolltest über die Grenze – ja oder nein? Wär’s nicht um des Geldes willen, würde ich dich den Bussarden überlassen.“

Von Schleusern und Illegalen

Dave Kincaid schickt zwei Leute durch einen bitteren Song. Einen Mann, der vor Angst und Strapazen fast vergeht, der sein eines Leben schon in der Wüste zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten von Amerika enden sieht. Und den anderen, der sich jeden Tag mit illegalen Einwanderern auf dem Weg in die USA macht. Der mit keinem seiner Schützlinge eine Verbindung hat, für den sie wandelndes Geld sind, der an ihrem Elend verdient. Dave Kincaid singt die Zeilen auf Spanisch (wie gut die Hälfte der Lieder hier). Die Gitarre twangt mit viel Echo.„Senor Coyote“ heißt das zeitkritische Stück, das „Los Brandos“ eröffnet, das erste Studioalbum der Brandos seit elf Jahren, das zweite in beinahe zwei Dekaden. Gut Ding will manchmal unerträglich viel Weile haben.

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Der Geist von Woodstock wird beschworen

In „Woodstock Guitar“ geht Kincaid die Straße des Rock’n’Roll entlang, „die Dylan und Van (Morrison) und The Band“ zuvor beschritten haben. Er findet in einem Instrumentenshop am Weg eine alte „Woodstock Guitar“ und befreit mit ihr die Geister des August 1969, als Rock jung war und eine Generation „ihre Faust gemeinsam in den Himmel reckte“ - für Frieden, gegen Krieg in Vietnam.

Der Gedanke der Jungen von damals, mit der Musik die Welt zu verändern, wird neu herauf beschworen. Kincaid verneigt sich vor den Ikonen, die damals „donnerten und tobten“ und „uns für immer veränderten“. Indes muss er auch feststellen, dass auf der Straße nach Woodstock die Relikte von damals verwittern, die Erinnerungen blasser werden. Ein traurigschöner Song, der mit einer spanischen Akustikgitarre beginnt, dessen leidenschaftliches E-Gitarrensolo hörbar Jimi Hendrix Ehre erweist. Der hatte in den letzten Stunden des Woodstock-Festivals den „Star Spangled Banner“ elektrisch verzerrt – die politischste aller Instrumentalnummern.

Vieles klingt, als sei es in den ersten Trump-Monaten entstanden

Vieles an diesem Album wirkt, als sei es in den Monaten seit der Übernahme des Weißen Hauses durch Donald Trump entstanden und als sei es Material für die laufende Anti-Trump-Rock’n‘Roll-Kampagne „1000 Days, 1000 Songs“. „Wir verneinen das Recht von egal wem, die Welt mit Hass und Angst zu beherrschen“, singt Kincaid in „These Troubled Times“, einem sumpfig stampfenden Rocker, der indes schon 2014 geschrieben wurde. „Kann irgendwer heute noch Johns Worte hören?“ fragt er, und erinnert an den „weisen Mann“ John Lennon, an dessen Songs „Give Peace a Chance“, „Imagine“ und an das Pop-Credo „All You Need is Love“ der Beatles. Der Sänger will das alles nicht verloren geben: Mag sich die Hoffnung, der letzte und einzig gute Insasse von Pandoras böser Büchse, derzeit auch noch so klein machen am Büchsenboden, man glaubt an sie, gilt sie doch als quasi unsterblich.

Eine bessere Welt für die Kinder

Wahrscheinlich sind es private Gründe, die dieses Album so politisch werden ließen. Kincaid, inzwischen 60 Jahre alt, ist heute Vater eines kleinen Sohnes, und ihm würde er gern eine bessere Welt hinterlassen als die jetzige. Davon kündet er im folkigen „What Kind of a World“. Er habe geglaubt, der ganze Irrsinn der Kriegstreiberei sei Vergangenheit und müsse nun feststellen, dass ein einzelnes Menschenleben auf der Welt weniger zähle denn je. Kein Quadratzentimeter mehr auf Gottes Erdboden, der nicht von Blut getränkt sei. Und wieder nimmt er Bezug auf die Musik von Gestern, auf den Text von Joni MitchellsWoodstock“. „Wie kann das sein, wo wir doch Sternenstaub sein sollen. Und wenn wir golden sind, wie können wir das alles hinnehmen?“ Auch hier ist die Hoffnung nicht verloren, verpflichtet Kincaid die Welt zu einem „Triumph des Guten“.

Zweifel bleiben ihm dennoch: „Mögest du eines Tages ein eigenes Kind haben, mögest du mit deiner Familie in Frieden leben und möge der Tag niemals kommen, an dem dir eine Waffe in die Hand gedrückt wird“, wünscht er seinem Sohn. In „Querer a Los Ninos“ (gut die Hälfte der Songs sind in spanischer Sprache) wendet er sich dann zu düster schwingenden Gitarrentönen ganz konkret gegen Kindesmissbrauch in den Familien.

Kincaid klingt immer noch nach Werwolf

Kincaid ist längst allein The Brandos, der Songwriter ist die einzige personelle Konstante der Band. Und seine Stimme ist nach wie vor das Trademark im Brandos-Sound. Er klingt immer noch wie damals, 1993, als das Debüt „Honor among Thieves“ bei der Hannoverschen Plattenfirma SPV erschien, auf dessen Cover Kincaid aussah wie ein Rock’n’Roll-Gent aus dem Süden, als er die dramatische Geschichte seines Ururgroßvaters und die tragische der Bürgerkriegsstadt „Gettysburg“ besang. Bis heute erinnert diese Stimme an John Fogerty und dessen Band Creedence Clearwater Revival, auch Kincaid singt immer noch ganz werwölfisch rau, wie einer, der sich morgens mit Bourbon den Rost aus der Kehle gurgelt. Ganz sanft und romantisch kann er aber auch, wenn er etwa Astor Piazzollas und Jorge Luis Borges‘ Moritat von „Jacinto Chiclana“ erzählt.

Das Comeback dieser Band, die in Amerika nur kurze Zeit groß war, sich aber in Europa, speziell in Deutschland und den Niederlanden eine stattliche Fanbasis behalten hat, ist jetzt geglückt. Nur hätten wir ab jetzt bitte mehr Brandos-Musik in deutlich kürzeren Abständen! Das haben wir jedenfalls der kleinen, zusammengekauerten Hoffnung ganz unten in Pandoras Büchse geflüstert.

Von Matthias Halbig / RND

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