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20:00 13.05.2016
Auf den Spuren der Pop-Art mit Millionen kleiner Klötzchen: Der Künstler Nathan Sawaya mit seiner Skultur "Yellow", die auch schon ein Madonna-Album zierte. Quelle: Daniel Reinhardt / dpa
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Ein sechs Meter langes Tyrannosaurus-Rex-Gerippe besteht aus 80 020 gelbbraunen Lego-Steinen. Aus 10 980 blauen Klötzchen ist eine Schwimmerin gebaut. Ein luftig im Wind wehendes Damenkleid besteht aus 62 750 roten Bausteinen. Der 42-jährige US-Amerikaner Nathan Sawaya hat schon mehrere Millionen Lego-Steine verbaut. Ausstellungen seiner Reproduktionen allseits bekannter Kunstwerke, maßstabsgerechte Batmobile oder Nachbauten des Planetensystems touren seit 2011 um den Globus.

Erstmals kommt der Lego-Botschafter jetzt nach Deutschland. Sein Riesenspielzeug ist ab sofort bis zum 19. Juni in der Kulturcompagnie in Hamburg zu sehen. Besucher erwarten rund 100 Objekte aus mehr als einer Million Lego-Teilen. Der Titel der Ausstellung lautet "The Art of the Brick".

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"Bricks" sagen Lego-Liebhaber zu Bauklötzchen des dänischen Spielzeugherstellers. Zu den Höhepunkten gehören Lego-Kopien von Leonardo da Vincis "Mona Lisa" oder Jan Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring". Parallel laufen Ausstellungen in Barcelona und Seattle. In Rom und Sydney gingen Schauen kürzlich zu Ende.

Vom Anwalt zum Vollzeit-Bastler

Der passionierte Bastler gab 2004 eine gut bezahlte Anstellung als Wirtschaftsanwalt in einer Kanzlei in Hollywood auf, "um nur noch zu spielen und Spaß zu haben", wie er sagt.
Der smarte Amerikaner ist nicht der einzige Vollzeit-Lego-Bauer, aber besonders geschickt darin, mit dem populären Spielmaterial dicht an der Grenze zu Design und Kunst zu operieren.

Er selbst sieht sich in der Tradition der Pop Art. Den Geschäftssinn von Pop-Art-Künstlern besitzt er auf jeden Fall. Auch die Ironie. Für ein Foto legte sich der Jeff Koons der Lego-Kiste mit einem Schwall blauer Steinchen in die Badewanne. Auch ein gelbes Quietscheentchen, die Shampooflasche und das Buch, das er liest, sind aus Lego.

Für Aufnahmen des amerikanischen Fotokünstlers Dean West, Landschaften in den Farben ausgebleichter Polaroids, steuerte Sawaya Details bei, etwa einen Baum, der erst auf den zweiten Blick als Lego-Werk erkennbar ist.

Nathan Sawaya schuf – neben Kopien berühmter Gemälde und riesigen Dinosaurier-Skeletten – auch eine Schwimmerin aus blauen Legosteinen. Quelle: MissGien / CC BY 2.0

Bisheriger Karrierehöhepunkt war eine Kooperation mit Madonna. Die Popdiva gab für das Video zu ihrem Album "Artpop" bei Sawaya eine kopflose Version seiner "Yellow"-Figur in Auftrag. "Yellow" ist ein männlicher Torso aus gelben Lego-Teilen, der sich die Brust aufreißt, aus der Lego-Steine kullern. Ein Sinnbild des aus sich selbst schöpfenden Künstlers, aber auch des Selfmademans.

Art und Umfang der Kooperation mit der Lego-Group belässt Sawaya im Nebulösen. Er deutet bloß an, dass er bei dem Konzern eine Ausbildung zum "Lego-Meisterbauer" absolvierte und als Meisterstück in 45 Minuten eine Sphäre baute, also das Quadratische rund machte. Anschließend hätten die Prüfer getestet, ob die Kugel rolle. Als "Lego Certified Professional" besitzt Sawaya unter anderem das Privileg, auch mal auf einen Schlag eine Million Lego-Steine per E-Mail direkt beim Hersteller beziehen zu können.

Sein Bedarf an roten, blauen, gelben und grünen Steinen ist maßlos. Mehrere Millionen "Bricks" lagern in seinen beiden Studios in New York und Los Angeles in langen Regalreihen. Sawaya bestellt in der Regel die klassisch-schlichten Rechteckbausteine in fabriküblichen Farben, zumindest in dieser Hinsicht ist er Minimalist. Seine wie gepixelt erscheinenden Oversize-Bauten erinnern an frühe Computerästhetik. Grundlage seiner Skulpturen seien Handzeichnungen, sagt der Künstler, gelegentlich verwende er allerdings auch Designsoftware.

Fest verklebte Fantasien

Außer an seinen Werken bastelt Sawaya am Künstlermythos. Er verkauft sich als eine Art Leonardo da Vinci, der immer mit einem Zeichenblock durch die Welt läuft. Seine Lego-Karriere nimmt zunehmend Züge eines Hollywood-Drehbuchs an: Er macht nicht bloß Ausstellungen, Bücher, Gimmicks und bespielt soziale Medien, sondern hat auch eine Charity-Organisation ins Leben gerufen, die "Art Revolution Foundation".

Es geht um nichts Geringeres, als Kindern in Amerika und weltweit mit musischer Inspiration dabei zu helfen, "smarter, gesünder und letztendlich glücklicher" zu werden. Der Lego-Botschafter verheißt das grenzenlose Lego-Glück, und doch setzt er der Fantasie auch Grenzen. Seinem Riesen-Dino könnte eine Pinocchio-Nase stehen, die "Mona Lisa" zum Space Shuttle umgebaut werden.

Das ist aber nicht nur wegen Aufpassern in den Ausstellungsräumen unmöglich, sondern auch, weil sämtliche Bausteine mit Superkleber verklebt sind. Sawayas Schöpfungen sind festgefrorene Fantasien. Wenn er sich verbaut, muss er Hammer und Meißel anlegen. Und so produziert der Legomane nicht nur Kunst, sondern gewissermaßen auch einen Haufen Plastikmüll.

"The Art of the Brick". Bis 19. Juli in der Kulturcompagnie Hamburg, Shanghaiallee 7, Hafencity.

Von Johanna Di Blasi

Der Siegeszug des Noppenklötzchens

1932 gründete der dänische Tischlermeister Ole Kirk Christiansen jenes Unternehmen, das durch seine kunterbunten Plastikbausteine später zum Weltkonzern avancieren sollte. Den Namen Lego leitete Christiansen von dänisch "leg godt" (zu Deutsch "spiel gut") ab. Zunächst produzierte die Firma Holzspielzeug, die folgenreiche Erfindung der genoppten Kunststoffquader zum Zusammenstecken machte der Unternehmer 1949.

Die Ur-Lego-Steine sahen ihren heutigen Pendants bereits sehr ähnlich, ihre heutige Gestalt bekamen sie 1958. "Keimzelle" aller später entwickelten Lego-Elemente ist ein 7,8 x 7,8 x 9,6 Millimeter messender Basisstein mit einer Noppe. Das Lego-System ist derart beschaffen, dass alle Bauteile – inzwischen gibt es rund 2500 – mit diesem Grundstein kompatibel sind. 

Seit 1954 produzierte Lego weltweit mehr als 500 Milliarden Steine – würde man sie fair auf die Weltbevölkerung verteilen, bekäme jeder Mensch immerhin annähernd 70 Steine. Mit einem Umsatz von 3,8 Milliarden Euro (2014) ist Lego nach Mattel und Hasbro der drittgrößte Spielwarenhersteller der Welt.

Um die Jahrtausendwende, als der Absatz von Videospielen und Heimcomputern signifikante Ausmaße erreicht hatte, war dem dänischen Spielzeugriesen indes kein allzu großer Erfolg beschieden, das Unternehmen schlitterte im Jahr 2004 sogar haarscharf an der Pleite vorbei. Die bunten Bausteine wirkten in den virtuellen Welten des heraufdämmernden Digitalzeitalters doch ein wenig glanzlos.

Längst haben sich die Zeiten gewandelt. Lego folgt nicht nur – etwa mit seiner "Lego Technic"-Baureihe oder den "Mindstorm"-Robotern – aktuellen Trends, sondern hat seine Einflusssphäre längst über die Kinderzimmer hinaus in die Erwachsenenwelt erweitert, etwa mit Männerspielzeug wie einem Bausatz für eine fahrtüchtige Miniaturausgabe des Porsche 911.

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