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15:56 20.06.2018
Eine Institution: Das Berliner Obdachlosenmagazin „Strassenfeger“ steht vor dem Aus. Quelle: Foto: dpa
Berlin

Regina L. steht am Eingang des Berliner S-Bahnhofs Friedrichstraße und ist sauer. Nicht auf den Anzugträger, der mit Kaffeebecher und Koffer vor ihr steht. Nein, ihr Unmut richtet sich gegen die Herausgeber der Zeitung „Strassenfeger“. Zwei Exemplare der Juni-Ausgabe hält sie in der Hand, ihr Gegenüber tauscht 3 Euro gegen eine davon. Die übrige Zeitung wird wohl die letzte sein, die L. verkaufen wird. Denn der „Strassenfeger“ – seit seiner ersten Ausgabe vor 24 Jahren zur Institution geworden – wird eingestellt.

Der Trägerverein Strassenfeger e.V. beschloss die Einstellung bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung mit 30 Jastimmen und nur 16 Gegenstimmen. In der Pressemitteilung wird dieser Schritt mit der „wirtschaftlichen und personellen Situation“ begründet. Dort heißt es: „Verkäufer können nicht vor Übergriffen geschützt werden, und die Vertriebsstruktur ist desolat. Beschwerden über Verkäufer, die betteln, statt die Zeitung zu vertreiben, häufen sich.“ Nun will sich der Verein auf seinen neuen Leitsatz „Ein Dach über dem Kopf“ konzentrieren: Es sollen eine neue Übernachtungsstelle sowie eine Beratungsstelle für obdachlose Familien entstehen.

Rund 300 Bedürftige arbeiteten für den Strassenfeger

„Das Aus des ,Strassenfegers’ ist Stadtgespräch“, sagt Regina L. in urberlinerischem Dialekt. Vier Jahre lang war sie dem Magazin treu. An der Ausgabestelle bezahlte sie pro Exemplar 60 Cent, für 1,50 Euro verkaufte sie die Zeitungen dann auf der Straße. Täglich habe sie damit 10 bis 15 Euro verdient – so wie rund 300 andere Bedürftige. Zuletzt erschien die Zeitung alle drei Wochen mit einer Auflage von etwa 12 000 Stück. Vor einigen Jahren war die Auflage noch fast doppelt so hoch.

Der sinkende Absatz macht sich auch andernorts bemerkbar. Beispielsweise beim Hamburger Blatt „Hinz&Kuntz“. Dort ist die Auflage innerhalb von zwei Jahren von 70 000 auf 60 000 geschrumpft. Die Ursache sieht Redaktionsleiterin Birgit Müller nicht nur im generell schwindenden Interesse an gedruckten Zeitungen, sondern auch an der immer größer und sichtbarer werdenden Armut auf den Straßen: „Das belastet die Käufer. Der Kauf eines Magazins geschieht nicht mehr mit der gleichen Freude wie noch vor einigen Jahren.“

Das Leipziger Straßenmagazin „Kippe“ konnte gerettet werden

Das Leipziger Straßenmagazin „Kippe“ stand einmal vor einer ganz ähnlichen Situation wie der „Strassenfeger“: 2001 – sechs Jahre nach Gründung – übernahm das Suchtzentrum Leipzig die Trägerschaft vom Verein für Obdachlosenhilfe, nachdem dieser pleitegegangen war. „Das Suchtzentrum wollte uns und die Verkäufer nicht hängen lassen“, sagt Projektleiter Björn Wilde. Zwar ist die Auflage der „Kippe“ mit 8000 Stück noch geringer als die des „Strassenfegers“, den großen Unterschied stelle jedoch die Organisationsstruktur dar: Als gemeinnützige GmbHs sind „Kippe“ und „Hinz&Kuntz“ wirtschaftlich flexibler und stabiler als gemeinnützige Vereine wie der Strassenfeger e.V. „Auf diese Weise kann man viele Probleme abfangen“, sagt Wilde. Die Hamburger Zeitung kommt gar ohne öffentliche Zuschüsse aus, finanziert sich stattdessen zur Hälfte aus Verkauf und Anzeigen, zur anderen Hälfte aus Spenden.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es aber doch für die Verkäufer des „strassenfegers“: Der Verein strebe langfristig einen Weiterbetrieb des Magazins an und sei bereits mit dem Münchener Straßenmagazin „BISS“ im Gespräch, um eine Neuauflage zu planen. Regina L. ist jedoch pessimistisch: „Wer will denn in so ein Projekt Geld reinstecken?“ Sie wechsle deshalb jetzt zur „Motz“, der zweiten Zeitung auf den Straßen Berlins. „Mir bleibt ja nichts anderes übrig.“

Von Christian Neffe/RND

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