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Medien & TV Der Zauber des Radios: Meine Nacht mit Peter Urban
Nachrichten Medien & TV Der Zauber des Radios: Meine Nacht mit Peter Urban
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12:46 02.10.2019
hands on wheel and city nightlife Quelle: peshkova - stock.adobe.com

Das Radio, so heißt es oft, sei ein Medium von gestern. Vom Zeitgeist überholt, altmodisch, linear. Ein im Dickicht des wild wuchernden Mediendschungels verborgenes Reservat für die letzten versprengten Jazzfreunde, für ein paar Nachrichtenjunkies, Kulturmenschen und Ewiggestrige, die es entweder nicht schaffen, ein Spotify-Konto anzulegen, oder keinen eigenen Geschmack haben („Ich höre irgendwie alles, die Charts und so“). Klassisches Popradio? Braucht keiner, nervt, ist vorbei, läuft höchstens beim Frisör, ist so gut wie tot, danke, auf Wiedersehen.

Und dann sitzt man im Auto und fährt durch die Nacht, und Peter Urban spricht zu uns. Allein auf der Autobahn von Hamburg nach Hannover, es ist Dienstag, es nieselt seit Stunden, der Scheibenwischer quietscht leise, es läuft NDR 2. Und plötzlich weiß man wieder ganz genau, warum es das älteste aller elektronischen Medien immer geben muss. Auch jenseits der boomenden Internetradioszene, auch jenseits von Special-Interest-Podcasts.

Unsere Lonely Sunday Radioshow hatte nur einen Zuhörer

Früher wollten wir alle zum Radio. Und wir wussten als Kinder auch, wie Radio geht: Man kauft sich eine BASF-60er-Compact-Kassette („Chrome Maxima Zwo – verdammt nah an der CD!“), nimmt Lieblingslieder auf und sagt dazwischen: „Das waren die Pet Shop Boys mit ,It`s a sin', und jetzt kommt nur für euch da draußen Stephanie von Monaco mit ,Irresistible'." Unsere Lonely Sunday Radioshow hatte nur einen Zuhörer. Aber der fand's klasse (und sorgte für eine Wahnsinnsquote von 100 Prozent in der Zielgruppe).

Peter Urbans Stimme klingt, wie Kakao schmeckt

Wenn man während der Aufnahme von Normal- auf Doppelgeschwindigkeit schaltete, verlor der Ton kurz die Fassung, jaulte schmerzhaft auf, und der Rest des Liedes lief einen Halbton tiefer. Das klang zwar cool nach Spionagesatellit, störte aber vor allem auf Partys eklatant. „I got my first real sixstring ...–“ JAUL! – (und dann tiefer:) „... bought it at the five and dime ...“

Peter Urbans Stimme ist warm und voll. Sie klingt so wie eine Tasse Kakao schmeckt: sämig und reich. Es geht Peter Urban nicht um Peter Urban und auch nicht um die nächste Mediaanalyse und das ganze blöde Geschrei. Es geht ihm nicht um bunte Großplakate auf Regionalverkehrsbussen mit seinem Gesicht drauf, und er ist auch nicht so der Karrieremensch, der unbedingt irgendwann mal irgendwas mit Fernsehen machen will. Da sei er „nicht der Typ für“, sagt er.

„Die Poesie des Rock“

Er hat ein paar Lieder mitgebracht, und um die geht es. Er stellt ein paar Leute vor. Das alles hat einen melancholischen, herbstlichen Grundton, und wenn man so durch die Nacht fährt mit Peter Urban und seinen Songs, dann ist der Brexit für ein paar Stunden auch egal.

Abschiedsfest beim NDR in Hamburg am 26.06.2013: Kultmoderator Peter Urban geht in den Ruhestand. Quelle: picture alliance / rtn - radio t

Und Urban, der seine Doktorarbeit über „Die Poesie des Rock“ geschrieben hat, ist mehr als seine Stimme: Er ist einer der letzten echten Musikexperten im Radio und ARD-Kommentator des Eurovision Song Contest seit 1997. Seine strengen Urteile über den europäischen Popzirkus sind milder geworden mit den Jahren. Zum Lästern muss er sich ein bisschen zwingen. Peter Urban gilt als Lästermaul, dabei ist er viel netter als zum Beispiel sein britischer Kollege Graham Norton oder dessen Amtsvorgänger Terence „Terry“ Wogan, der immer ein bis zwei Fläschchen Bailey's trank und dann mit seinem rumpeligen Altmännerhumor über russische Frauen herzog, die „in meiner Jugend Schnurrbärte getragen haben“.

Mit 31 Jahren ist der Musikgeschmack zementiert

Neulich las ich, dass Menschen im Schnitt mit 31 Jahren ihren Musikgeschmack zementieren. Was sie bis dahin nicht mögen, hat keine Chance. Rein rechnerisch heißt das: Wer heute 125 Jahre alt ist, mag nichts, was frischer ist als die Comedian Harmonists und Lizzi Waldmüller.

Das ist natürlich wieder so ein Unfug frei drehender Statistiker. Mein Geschmack zum Beispiel basiert auf Musik, die zum Zeitpunkt meiner Geburt schon Jahrzehnte alt war. Der erste Song, den ich aus dem Radio aufnahm, war „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ von 1948 („Wir mögen Mägdelein mit feurig wilden Wesien ...“). Während andere in meinem Alter „astrein“ und „endgeil“ sagten, sagte ich „Hei-di-tschimmela-bumm“. Es dauerte eine Weile, bis sich Mägdelein mit feurig wildem Wesien für mich interessierten.

Was mehr als 400 Klicks bei Youtube hat, gilt als Mainstream

Ich bin mit der Plattensammlung meiner Eltern aufgewachsen. Bis zum Abitur habe ich die Beatles gehört. Ich dachte, die Superstars der Achtziger wären Simon & Garfunkel und Donovan. Madonna? War für mich von Raffael. Musikalisch gehe ich nach. Ich bin vor 20 Jahren bei Element of Crime angekommen. 31 Jahre alt war ich im Jahr 2004. Wenn das das Ende meiner musikalischen Prägung gewesen sein soll, dann gute Nacht. Der Hit des Jahres war das sackdoofe „Lebt denn der alte Holzmichl noch ...?“. Ich hoffe, inzwischen ist er tot. Wenn ich mit dem „Holzmichl“ die Sackgasse meiner musikalischen Geschmacksbildung erreicht hätte, wäre ich längst an Verblödung gestorben.

In der Klassik ist „alte Musik“ von vor 1750. Im Pop ist alte Musik alles, was letzte Woche schon im Radio lief. Musiker feiern inzwischen nach zwei Monaten ohne neues Album ein „Comeback“. Und was mehr als 400 Klicks bei Youtube hat, gilt als öder Mainstream. Geheimtipp gesucht? So was richtig Exklusives? Lizzi Waldmüllers Song „Sag’ mir mal Schnucki auf Spanisch“ hat bei Youtube 353 Klicks. Ist nicht gerade R ’n’ B, könnte aber der Sommerhit des Jahres 2020 werden.

Mit Liebe und Expertise im Ozean des Pop nach Perlen tauchen: Das Radio hat auch neben Streaming und Youtube eine Zukunft – wenn es seine Stärken ausspielt. Quelle: BrAt82 - stock.adobe.com

Peter Urban sei „ein Urgestein des NDR“, schreibt der NDR. Man sagt das so, aber das ist natürlich Quatsch. Urban ist kein Gestein. Gestein liegt herum und bewegt sich nicht. Versuchen Sie mal, Gestein für etwas Neues zu begeistern – das ist, als wolle man einen Ozean mit einem Löffel leeren. Nein, nein, Urban ist kein Gestein und auch kein Dinosaurier. Der Mann ist näher am musikalischen Zeitgeist als mancher 24-jährige Plattenfirmenfuzzi mit Hipsterbrille und grüner Jeans.

Urban ist jetzt 71 Jahre alt. Er hört nicht auf, Musik zu entdecken. Er wird es niemals tun, so lange er lebt. Wir brauchen mehr Peter Urbans im deutschen Radio. Menschen, die Freiheit haben, Zeit und Gespür. Es gibt einfach nur noch wenige Radiomenschen, die man nachts auf der Autobahn zwischen Borsten-Hohenraden und Halstenbeck-Krupunder als virtuellen Beifahrer aushält. Die nicht mit verblödeter Zwangsfröhlichkeit herum enthusiasmieren, sondern mit Liebe und Expertise im Ozean des Pop nach Perlen tauchen. Ein bisschen mehr Urbanisierung täte dem Formatradio gut.

Man merkt das immer, wenn einer liebt, was er tut. Es wäre eine Freude, wenn das Radio sich seiner Stärke wieder mehr besinnen würde: Musikalische Entdeckerreisen, vertraute Stimmen, Liveberichte. „So lange ich geistig und körperlich fit bin, keine Songs, Sänger oder Startnummern verwechsele und die richtigen Regler hochziehe, denke ich wirklich noch nicht an Abschied“, sagt er. Gut so. Allein auf der Autobahn mit Peter Urban – dafür wurde das Radio erfunden.

Von Imre Grimm/RND

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