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19:59 12.08.2016
Freund oder Feind? Kino-Aliens spiegeln immer die Zeit, in der sie die Erde besuchen – und sind mal heimtückische Invasoren, mal wohlmeinende Mahner der Menschheit. Ein Spaziergang durch den Science-Fiction-Kosmos. Quelle: Getty
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Jeder ist anders, besonders anders aber ist der Außerirdische. Er sieht oft ziemlich fremd aus, wie gerade wieder diverse Vertreter dieser Spezies im neuen Star-Trek-Film "Beyond" beweisen. Gestik und Mimik sind schwer deutbar, zudem spricht er oft Planetenkauderwelsch. Was etwa jüngst in Roland Emmerichs "Independence Day 2: Wiederkehr" nach Hilfeschreien klang, war in Wahrheit Ausdruck fremdweltigen Siegestaumels. Mit Recht: Das Mutterschiff der Weltraumkrieger war diesmal noch viel übermächtiger als vor 20 Jahren.

Damals, 1996, brachten tapfere Erdpiloten den Angreifern im letzten Moment ein zerstörerisches Virus im Bordcomputer unter. Und Will Smith boxte ein Alien mit bloßer Faust ins Koma. Warum Emmerichs Außerirdische noch mal wiederkommen? Weil wir Filmfans Aliens so gern und kassenträchtig beim Weltenruinieren zusehen. Das war zu allen Kinozeiten so. Science-Fiction ist zwar ein ursprünglich literarisches Genre, das im technikbejubelnden 19. Jahrhundert groß wurde, aber sobald die Bilder laufen lernten, sprang es behände auf die Leinwand.

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Das Zeug zum Blockbuster

1902 bereits entsetzte Georges Méliès das Publikum in der Pariser Olympia-Musikhalle mit den Vogel-Hummer-Wesen seiner "Reise zum Mond". Die beunruhigenden Seleniten verpufften beruhigenderweise durch einen simplen Schlag der Astronauten mit dem Schirm. Wichtigste Lehre also schon zu Beginn des Scifi-Genres: Aliens haben eine Achillesferse. Der Film war denn auch der erfolgreichste von Méliès' insgesamt rund 500 Streifen.

Aliens (das englische Wort für "Fremde") hatten von Anfang an das Zeug zum Blockbuster. Die ersten Vorstellungen von Leben im All kamen freilich schon früher auf – sobald das alte, sphärisch-geozentrische Weltbild ins Wanken geriet. Als die Sonne in den Mittelpunkt rückte, kamen auch die Außerirdischen aus ihren Wurmlöchern.

Zwischen Hummer und Vogelwesen: Die Seleniten rüttelten in "Die Reise zum Mond" schon im Jahr 1902 an Georges Méliès' Rakete. Quelle: Archiv

Für den Priester und Astronomen Giordano Bruno gab es jetzt keinen Himmel und kein Paradies mehr – statt eines Gotteshorts nur das prinzipiell unendliche Universum, das er als mögliche Heimstatt vieler Lebewesen ansah. Wegen dieser Ansichten wurde er 1600 als Ketzer verbrannt. Der schlesische Mathematiker Christian Wolff glaubte im 18. Jahrhundert bereits zu wissen, dass die Jupiterbewohner vier Meter mäßen. Und der Cambridge-Philosoph William Whewell richtete als Erster den Fokus auf den Mars. Die Kanäle dort (eine optische Täuschung) musste ja jemand angelegt haben.

Kurze Zeit später, 1898, schickte der Schriftsteller H. G. Wells die erste Armada Außerirdischer vom Roten Planeten los. Der Grund: Schierer Selbsterhaltungstrieb – die sterbende eigene Welt sollte gegen die ökologisch damals noch tadellose Erde getauscht werden. Deren viktorianisch geprägte Ureinwohner galten den Angreifern als niedere Lebensform. Überrumpelt wurden die Marsianer erst durch unverträgliche Mikroorganismen. Ein Wunder – wie das Verpflanzen eines irdischen Computervirus in einen außerirdischen Computer bei Emmerich.

Wells' Buch war ein Bestseller, das CBS-Hörspiel von Orson Welles löste in der Vorkriegsstimmung der Halloween-Nacht 1938 panische Reaktionen an der US-Ostküste aus. Nach dem Krieg, als die Sowjetunion vom Alliierten zum Gegner wurde, wurden allerorten in Amerika Flugkörper gesichtet, die "flogen wie eine Untertasse, die man übers Wasser hüpfen lässt" (der Hobbypilot Kenneth Arnold im Juni 1947). Hollywood machte aus Arnolds fliegenden Untertassen Invasionsfilme zuhauf.

Von Kommunisten und Ufo-Hippies

Das Alien des Fünfzigerjahrefilms wurde dabei politisch missbraucht. Es stand für die Kommunisten, die Amerika erobern oder unterwandern wollten. Die Außerirdischen wurden zwar meist von Patrioten besiegt, aber im besten dieser Filme, Don Siegels "Die Dämonischen" (1956), ist der kalifornische Held am Ende allein unter den emotionslosen Aliens, die aus riesigen Schoten geboren werden und aussehen wie die Stadtbewohner. "Beobachtet den Himmel", warnt der Reporter Ned am Ende von Howard Hawks' "Das Ding aus einer anderen Welt" (1951) seine Zeitgenossen.

Andere Filmemacher sahen den Extraterrestrier friedfertiger als die eigene Spezies. Der Propagandafilm "Die Entdeckung Deutschlands" (1916) ließ drei Schiedsrichter vom Mars mitten im Ersten Weltkrieg Deutschland von der Kriegsschuld freisprechen. Der hagere Raumfahrer Klaatu mahnte die Menschheit in Robert Wise' "Der Tag, an dem die Erde stillstand" (1951) zu friedfertiger Lebensweise. Und Steven Spielberg redete 1977 all den frohlockend ins All blickenden Ufo-Hippies das Wort, als seine "Unheimliche Begegnung der dritten Art" eigentlich eine faszinierende war.

Spielbergs Aliens machten mit ihrem Schiff Musik, lächelten in die Kameras und verschwanden wieder. Dahinter steckt die Hoffnung, dass Wesen, die zu interstellaren Reisen fähig sind, alles Martialische hinter sich gelassen haben. Ähnlich lieb war fünf Jahre später Spielbergs gestrandeter galaktischer Pflanzenkundler "E. T.". Die Zukunft gehört auch der Integration: An Bord der Enterprise ist der Vulkanier Spock Erster Offizier, und sogar die raubeinigen Klingonen (noch mal Sowjet-Stellvertreter) machen dank eines Klingonen-Gorbatschows ihren Frieden mit Captain Kirks und Spocks Föderation.

Friede, Freude, Föderation: In der optimistischen Zukunftsvision der "Star Trek"-Macher arbeiteten Vulkanier, Russen und Amerikaner einträchtig nebeneinander – und das schon 1966. Quelle: dpa / Paramount

Was uns im Kinosessel freilich mehr interessiert als ihre Geisteshaltung, ist das Aussehen der Aliens. Sind sie wieder mal die öden Standard-Graulinge mit großen schwarzen Augen, haben sie Osramhäupter wie in Tim Burtons "Mars Attacks", oder sind es schwarze Bananenköpfe mit Exoskelett wie die Wesen in Ridley Scotts "Alien"?

Überzeugt uns die Arbeit der Abteilungen Trick und Maske, ist alles gut. Sehen die Aliens nach Onkel Kurt im Gummianzug aus (wie so einige im neuen "Star Trek"-Film), dann könnte das Drehbuch von Literaturnobelpreisträgern stammen – es hülfe nichts. Das macht es Science-Fiction-Klassikern heute so schwer, Publikum zu finden.

Vereint gegen die Feinde der Erde

Das Alien am Ende von Stanley Kubricks "2001 – Odyssee im Weltraum" (1968) ist tatsächlich Gott, der dummerweise zu abgehoben ist, sich dem Astronauten Bowman verständlich machen zu können. Sphärenwelt und Universum werden unter Kubrick im Kino wieder vereint, was auf zunächst pessimistische Weise auch in Ridley Scotts "Prometheus" (2012) geschieht. Dort sind die vermeintlichen Götter dann nur eine hoch entwickelte Sternenrasse von Gen-Zauberern, die aufbrechen wollen, das missglückte Experiment Menschheit zu beenden.

Auch diese Superwesen können von Menschen gestoppt werden. Was dann wieder den Gottesverdacht nährt: Kriegen die Unterentwickelten die Überentwickelten unter, muss doch irgendeine höhere Macht auf der Menschenseite stehen, sie für etwas nutze halten. Im Sieg über die Aliens zeigt sich die vereinte Menschheit als Gottes liebste Kinder. Wie damals in den guten geozentrischen Zeiten.

Science-Fiction ist oft religiös inspiriert. Und so ist auch in Emmerichs "Independence Day 2" das Alien keine Metapher für die Überfremdungsparanoia unserer Tage. Das Alien ist kein Moslem. Im Gegenteil: Die Menschheit aller Farben und Religionen steht hier unverbrüchlich Seite an Seite. Schwerer Kampf: Die Rechner der Fremdlinge haben inzwischen deutlich bessere Firewalls.

Von Matthias Halbig

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