Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Medien & TV Die anonymen Anstifter
Nachrichten Medien & TV Die anonymen Anstifter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 23.10.2015
Foto: Streetart/Symbolbild
Das buntscheckige Antlitz der arabischen Streetart. Quelle: Khaled Elfiqi/epa
Anzeige

Mit einem Tieflader waren sie nach Bethlehem gekommen, um die Betonmauer abzutransportieren, auf der sich der international renommierte Streetart-Künstler Banksy verewigt hatte: ein Graffiti so groß wie ein Scheunentor. Es zeigt einen israelischen Soldaten, der die Papiere eines Esels kontrolliert. Ein bissiger Kommentar zu der israelischen Sicherheitspolitik, der Anfang Oktober bei einer Auktion in Los Angeles für 250 000 Euro unter den Hammer gekommen ist.

Politik und Graffiti – dass diese Kombination für Kunstsammler derzeit so attraktiv ist, gehört vielleicht zu den wenigen noch verbliebenen Errungenschaften des sogenannten Arabischen Frühlings, jener Revolten gegen die autokratischen Herrscher des Nahen Ostens. Als die Aufstände 2011 begannen, konnte sich erstmals in der jüngeren ägyptischen Geschichte eine Kunstform ohne Überwachung und Regulierung entfalten. Der zum Graffiti gewordene Tabubruch verwandelte Straßenzüge innerhalb weniger Wochen zu den Wandzeitungen der Revolutionen.

Eine Arbeit des ägyptischen Künstlers Ammar Abo Bakr. Quelle: Abdo El Amir

Im Westen verfielen Medien, Kunst und Wissenschaft schnell einer Art Street­art-Hype. "Die meisten Journalisten waren bereits kurz nach der Revolution auf der Suche nach dem arabischen Banksy", erinnert sich Don Karl, Berliner Streetart-Künstler und Herausgeber des Bildbandes "Walls of Freedom", an die ägyptische Szene nach 2011. "Dabei verkennen viele bis heute den großen Einfluss der arabischen Künstler auf die internationale Szene. Die arabische Streetart hat auch international politisiert. Ohne den Tahrir-Platz hätte es etwa Occupy nie gegeben."

Die globalisierungskritischen Aktivisten in New York, die Jugendproteste in Griechenland und auch der Gezi-Aufstand liehen sich die Symbole der neuen arabischen Streetart – und Galerien rissen sich um Ausstellungen aus dem Nahen Osten. Auch in Dismaland, Banksys dystopischem Anti-Vergnügungspark, waren bis Ende September sechs arabische Künstler präsent. "Es ist kein Zufall, dass Banksys politischste Arbeiten aus dem Nahen Osten stammen", sagt Don Karl. Nach den Aufständen kam es in jedem Land zu einer ganz eigenen kreativen Explosion. Die saudische Bloggerin und Dokumentarkünstlerin Rana Jarbou hat unzählige Aufnahmen von Beirut über Damaskus bis Sanaa gesammelt. In Syrien hat sie beispielsweise das "Sprayman"-Phänomen entdeckt: In jeder Stadt fanden sich anonyme Graffiti-Künstler, die unter dem gemeinsamen Pseudonym Anti-Regime-Parolen sprühten.

Das Herz der arabischen Streetart-Szene aber schlägt bis heute in Ägypten. Seit dem ersten Tag der ägyptischen Revolution, dem 25. Januar 2011, haben Graffitikünstler die Proteste auf dem Tahrir-Platz geprägt, allen voran ein unter dem Pseudonym Ganzeer tätiger Künstler, einer der einflussreichsten Protagonisten unter den Aktivisten. "Am Anfang fanden die politischen Debatten nur innerhalb der Grenzen des Tahrir-Platzes und auf Facebook und Twitter statt. Es war nötig, Protest und Dialog in andere Teile der Stadt zu tragen und Streetart war dafür der richtige Anstifter", erzählt Ganzeer. "Viele der Bilder, die ich in den ersten Jahren in Kairo produziert habe, waren direkte und dringende Reaktionen auf Geschehnisse."

Künstlerischer Kampfplatz

Vor der Revolution als Designer tätig, hat Ganzeer viele der zentralen Motive des ägyptischen Aufstands entwickelt. Die "Freiheitsmaske" etwa lautet der ironische Titel für das Bild einer Knebel- und Folterhaube, mit dem er den mächtigen Militärrat angriff. Auf Stickern und T-Shirts verbreitete sich das Motiv in Ägypten und darüber hinaus. Eines seiner berühmtesten Graffiti ist "Tank vs. Biker" und zeigt einen Panzer, der einen Radfahrer angreift. Ein anderes, weit verbreitetes Motiv ist ein Zombie-Soldat, der auf Totenschädeln thront.

Ganzeers Märtyrerporträts haben die Mohamed-Mahmoud-Straße nahe des Tahrir-Platzes zu einer Art Gedächtnisspeicher der Revolution gemacht – und zu einem künstlerischen Kampfplatz. Hunderte Sprayer haben die Wände dort seitdem bemalt, mit jeder neuen politischen Verwerfung sind die Graffiti übermalt worden: von den Vertretern des alten Regimes, den Anhängern der Muslimbrüder und schließlich von jenen der Militärregierung unter Präsident Abdel Fatah al-Sisi.

Für seinen preisgekrönten Dokumentarfilm "Art War" hat der Filmemacher Marco Wilms über zweieinhalb Jahre hinweg die Mohamed-Mahmoud-Straße immer wieder besucht und die Entwicklung der Streetart verfolgt. "Art War" macht deutlich, wie sich die Straßenkunst seit 2011 verwandelt hat. Offensichtlich revolutionäre Slogans sind nach und nach Motiven aus dem breiten Spektrum der ägyptischen Wandmalerei gewichen, Motiven aus der Pharaonenzeit ebenso wie Malereien der Kopten und Muslime, die diese nach ihrem Hadsch, ihrer Pilgerfahrt nach Jerusalem und Mekka, auf ihre Hauswände malen. Mannigfaltig sind ebenso die Anspielungen auf Ägyptens Popkultur, allen voran der ägyptischen Variante des Hip-Hop, dem Schabi.

Arbeiten bedeutender ägyptischer Künstler wie Ammar Abo Bakr sind in dem Band „Walls of Freedom“ (From Here To Fame Publishing, 34,95 Euro) versammelt. Quelle: Don Karl

Künstler unter Druck

Dass sich der revolutionäre Grundton der Streetart im Laufe der Jahre abgeschwächt hat, liegt daran, dass die Künstler seit dem Militärcoup von 2013 zunehmend unter Druck geraten. Seither kursiert ein Gesetzentwurf, wonach Graffitikünstlern zwischen zwei und vier Jahren Gefängnis droht. Ob das Gesetz inzwischen in Kraft getreten ist, ist allerdings unklar.

"Die Künstler verweisen darauf, dass die Gesetze ohnehin vage gehalten sind und großen Interpretationsspielraum lassen. Sprich: Wenn sie dich verhaften wollen, können sie das so oder so", sagt Fabian Heerbaart, der derzeit an der Uni Köln über Jugendkulturen promoviert. Und es passiert offenbar noch weitaus Schlimmeres. Vor einem Jahr wurde etwa der Street Artist Hisham Rizk tot in Kairo aufgefunden, angeblich im Nil ertrunken. "Viele interpretierten seinen Tod als Warnung an die Szene", sagt Heerbaart.

Der Militärputsch von 2013 hat die Szene gespalten. Einige der Künstler haben sich dem Sisi-Regime angeschlossen, andere haben das Land verlassen. Ganzeer etwa ist nach Los Angeles geflohen, nachdem ein ägyptischer TV-Moderator öffentlich zu seiner Verfolgung aufgerufen hatte. Der Frust sei deutlich spürbar, sagt Heerbaart: "Viele Künstler ziehen sich zurück und sagen: 'Unsere kritischen Bilder zur aktuellen Situation haben wir bereits gemalt, was gibt es noch zu tun?'" In Kairo ist der Niedergang der Street­art derzeit wohl am eindrücklichsten zu erleben: In der Mohamed-Mahmoud-Straße sind Abrissbirnen am Gange. Das Graffiti-Gedächtnis der Revolution wird niedergerissen. Bald soll hier ein Park entstehen.

Von Ann-Kathrin Seidel

Stars der arabischen Streetart

Ganzeer
war einer der ersten Street­art-Künstler auf dem Tahrir-Platz und zählt heute zu den einflussreichsten arabischen Künstlern. Nach dem Militärputsch sah er sich gezwungen, Ägypten zu verlassen. Heute lebt und arbeitet er in Los Angeles. Von den revolutionären Slogans hat er sich mittlerweile verabschiedet und auch die Bezeichnung Street Artist lehnt er ab. Sein Konzept nennt er „Concept Pop“. Er verbindet darin populäre Ikonografie und Sozialkommentar. Derzeit arbeitet Ganzeer an einer Graphic Novel.

Keizer
wird von den Medien aufgrund der von ihm eingesetzten Schablonentechnik bisweilen auch als „ägyptischer Banksy“ bezeichnet. Wie der berühmte Brite greift auch Keizer immer wieder Motive aus dem weltweiten Bilderfluss auf und bricht oder pointiert sie ironisch. Seine Themen sind Unterdrückung, Entmenschlichung, Kapitalismus und Konsum.

Ammar Abo Bakr
ist einer der wenigen kritischen Street Artists, die noch in Ägypten tätig sind. Seine Murals, überdimensionale Wand-Graffitis, haben vor allem die Mohamed-Mahmoud-Straße in Kairo, den Brennpunkt der ägyptischen Streetart-Szene, geprägt. Zuletzt hat Abo Bakr im Rahmen des Cityleaks-Festivals eine Hauswand in Köln-Mühlheim bemalt. Zu sehen ist ein schlafender Sufi.

Medien & TV Buchtipps von Ruth Bender - Die Beschissenheit der Dinge
23.10.2015
Medien & TV Musiktipps von Lars Grote - Wellness für Männer ab 40
23.10.2015
Medien & TV Filmtipps von Matthias Halbig - Vom Kleinkriminellen zum Superheld
23.10.2015