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20:24 18.09.2015
Die Ringparabel aus Gotthold Ephraim Lessings Stück „Nathan der Weise“ – hier Jörg Pose in einer Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin – steht symbolisch für das Verhältnis von Christentum, Islam und Judentum. Diesem Spannungsgefüge widmen sich viele Bühnen in der Spielzeit 15/16. Quelle: Deutsches Theater Berlin
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Hannover

Wir leben. Wir leben.“ Bitter stoßen diese Anfangsworte von Elfriede Jelineks Drama „Die Schutzbefohlenen“ auf. Denn auch wenn es diese paar Flüchtlinge nach Europa geschafft haben, so lassen doch unzählige Schicksalsgenossen bei der Flucht vor Krieg und Verfolgung ihr Leben. Jelineks Text sorgte zwar schon beim Theatertreffen 2015 für Furore, doch angesichts derzeitiger Flüchtlingsströme erscheint es wie das Theaterstück der Stunde.

Der Regisseur Sebastian Nübling interpretiert es im November am Berliner Maxim-Gorki-Theater neu und kombiniert Jelineks Text mit der antiken Tragödie „Die Schutzflehenden“ von Aischylos. Sie erzählt von der reichen Stadt Argos, deren Regierende darüber entscheiden müssen, ob sie 50 verfolgten Frauen aus Ägypten Asyl gewähren oder verweigern. Bilder von „Schutzflehenden“, die um jeden Preis versuchen, nach Deutschland zu gelangen, drängen sich förmlich auf. Vom Gorki-Theater, dessen deutsch-türkische Intendantin Shermin Langhoff ein multikulturelles Image pflegt, ist unter dem Titel „In unserem Namen“ ein besonderes Statement zur lodernden Debatte zu erwarten. Auch Hausherr Enrico Lübbe kombiniert am Schauspiel Leipzig die beiden Stücke miteinander, Premiere ist am 2. Oktober.

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Mit diesem Bild wirbt das Deutsche Theater für die Uraufführung von Ferdinand von Schirachs Stück. Quelle: Deutsches Theater

Das Hamburger Thalia Theater widmet dem Thema in der kommenden Spielzeit einen Schwerpunkt. In dem dokumentarischen Projekt „’an kcmen“ werden minderjährige Flüchtlinge zitiert. Vom Aufbruch in ein neues Leben handelt auch Herta Müllers autobiografischer Prosaband „Reisende auf einem Bein“ aus dem Jahr 1987, dessen Uraufführung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg jetzt anstand. Darin verlässt eine junge Frau ihre osteuropäische Heimat, die von einem Diktator regiert wird, und kommt mit nur einem Koffer in West-Berlin an.

Von den Flüchtlingsströmen ist es nur ein Gedankensprung zu den Glaubenskriegen, die sie verursachen. Glauben wir an die Freiheit der anderen? Haben wir das Ende der Toleranz erreicht? Und wie offen ist unsere offene Gesellschaft? Diese Fragen stellt das Deutsche Theater Berlin in dem Projekt „Götter. The Lost Ring / Ten Believers / Urban Prayers“. Während des dreigeteilten Abends nehmen die Zuschauer mit Vertretern unterschiedlicher Glaubensrichtungen Brot und Wein zu sich, eine symbolhafte Nachahmung des Abendmahles.

Zudem spielen zehn Schauspieler aus sechs Ländern unter der Regie von fünf Regisseuren Lessings Ringparabel nach, die natürlich ebenso im Zentrum von Andreas Kriegenburgs Inszenierung von „Nathan der Weise“ steht.

Das Maxim-Gorki-Theater diskutiert im Stück „In unserem Namen“ die Asylfrage. Quelle: Maxim-Gorki-Theater

Das Spannungsverhältnis von Christentum, Islam und Judentum lotet auch das Kölner Schauspiel aus – und zwar im buchstäblichen Sinne. Der Kölner Dom, eine alte Synagoge und die neue Moschee in Ehrenfeld, deren Bau zu Anwohnerprotesten führte, markieren die Punkte, zwischen denen sich der Autor und Regisseur Nuran David Calis unter dem Titel „Glaubenskämpfer“ (27. Februar) einer „Religionssuche“ widmet. Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg entwirft mit der deutschsprachigen Erstaufführung nach dem Skandalroman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq (6. Februar) eine Zukunftsvision, in der ein Moslem Frankreich regiert.

Das erste Theaterstück des Strafverteidigers und Schriftstellerstars Ferdinand von Schirach („Verbrechen“, „Schuld“) schickt sich bereits an, die Bühnen der Republik zu stürmen. Schon die Uraufführung findet am 3. Oktober als Doppelpremiere an zwei Orten gleichzeitig statt: am Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Hasko Weber und am Schauspiel Frankfurt, inszeniert von Hausherr Oliver Reese. 14 weitere deutsche Bühnen beabsichtigen das Stück in der kommenden Spielzeit zu zeigen. Darin geht es um den Piloten eines Kampfjets der Bundeswehr, der einen von Terroristen gekaperten Lufthansa-Airbus von seinem Flugziel abdrängen soll. An Bord sind 164 Menschen. Die Maschine nimmt Kurs auf die Allianz-Arena in München, in der vor 70 000 Zuschauern ein Fußball-Länderspiel stattfindet. Darf Leben gegen Leben abgewogen werden? Schirach verhandelt erneut die großen Fragen rund um die Würde des Menschen.

Der Schauspieler Kenneth Branagh gründet seine eigene Kompanie und macht Lily James zu Romeos Julia. Quelle: Londoner Garrick Theatre

Doch nicht nur politisch-philosophische Thesen prägen die kommende Spielzeit. In London etwa soll im Sommer 2016 die Vorgeschichte zu den „Harry Potter“-Romanen erzählt werden. In „Harry Potter and the cursed child“ (Harry Potter und das verfluchte Kind) will J. K. Rowling für das Palace Theatre enthüllen, wie Harrys Eltern Opfer von Voldemort wurden. Details und Premierentermin sind noch streng geheim, doch bereits jetzt dürfte klar sein, dass der Zauberlehrling selbst Theatermuffel zuhauf in die britische Hauptstadt locken wird.

Eher unterhaltsam und unbeschwert wird es wohl auch bei einer der spannendsten Uraufführungen der Saison zugehen: Die Bühnenadaption von Marc-Uwe Klings Roman „Die Känguru-Chroniken“ feiert am 16. Oktober Premiere am Schauspiel Hannover. In der autobiografischen Trilogie erzählt der Autor und Kleinkünstler vom Zusammenleben mit einem kommunistisch-anarchistischen Beuteltier. Solch ein tierisches Alter Ego ist wie geschaffen für die Bühne.

Nina May

Diese Stücke sollten Sie nicht verpassen

International: Der Schauspieler Kenneth Branagh, der nicht nur als Shakespeare-Darsteller im Kino und Theater bekannt ist, hat eine eigene Kompanie gegründet. In der ersten Saison wird er im Londoner Garrick Theatre unter anderem „Romeo and Juliet“ inszenieren – mit Richard Madden („Game of Thrones“) und Lily James („Downton Abbey“) als Darstellern. Premiere ist im Mai.

Klassisch: Das Deutsche Schauspielhaus bringt mit Theodor FontanesEffi Briest“ einen Klassiker auf die Bühne. Allerdings, wie es im Untertitel heißt, „mit anderem Text und auch anderer Melodie“. Neben Effi Briest taumeln auch Sara Sampson, Fräulein Julie und Hedda Gabler durch diese Mischung aus „Frühlings Erwachen“ und „Sommernachtstraum“.

Ausgezeichnet: Der Theaterpreis „Der Faust“ wird im November zum zehnten Mal verliehen, der Deutsche Bühnenverein lädt dieses Jahr nach Saarbrücken. Der Ehrenpreis für das Lebenswerk steht schon fest, er geht an den Bassbariton-Sänger Franz Mazura. Im Dezember wird zum ersten Mal ein Theaterpreis des Bundes verliehen: Er richtet sich insbesondere an die kleinen und mittleren Theater jenseits der Metropolen und der großen Staatstheater. Kulturstaatsministerin Monika Grütters vergibt drei Hauptpreise in Höhe von bis zu 150 000 Euro. Ein Adelsschlag ist stets auch die Einladung zum Berliner Theatertreffen, das 2016 vom 6. bis 22. Mai über die Bühne gehen wird.

Gestalterisch: Die Berliner Volksbühne steht vor einem Umbruch. Und damit ist nicht nur der absehbare Abschied von Langzeitintendant (seit 1992) Frank Castorf im Jahr 2017 gemeint. Für die neue Spielzeit ließ er den Theaterraum umgestalten: Die meisten Zuschauer nehmen nun auf Sitzsäcken statt auf Theaterstühlen Platz, und die Bühne wird wie eine Straße asphaltiert. Ob Castorf das Haus in zwei Jahren so an seinen Nachfolger Chris Dercon übergibt? Zuzutrauen wäre es ihm.

Deutsche Presse-Agentur dpa 17.09.2015
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