Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Medien & TV Einblick in die Fälscherwerkstatt von Claas Relotius
Nachrichten Medien & TV Einblick in die Fälscherwerkstatt von Claas Relotius
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:19 20.12.2018
Der Journalist Claas Relotius wurde 2014 mit dem CNN Award ausgezeichnet. Den musste er nun zurückgeben. Quelle: Ursula Düren/dpa
Berlin

Die Medienbranche reagiert erschüttert auf den Manipulationsskandal beim „Spiegel“. Der preisgekrönte Reporter Claas Relotius hatte zugegeben, im großen Stil beschriebene Sachverhalte und Personen erfunden zu haben. Bis dahin galt der 33-Jährige als Superstar des jungen Journalismus.

Muss der Autor mit einer Strafverfolgung rechnen?

Von einer Strafanzeige gegen Claas Relotius hat der „Spiegel“-Verlag zumindest vorerst abgesehen. Der Grund: Man macht sich keine Hoffnung auf Schadensersatzansprüche. Der „Playboy“ hingegen ging jüngst juristisch gegen einen Autoren vor, der ein Interview mit dem Filmkomponisten Ennio Morricone fälschte.

Muss Relotius seine Journalistenpreise zurückgeben?

Der Peter-Scholl-Latour Preis 2018 wurde Relotius aberkannt, auch der Sender CNN sprach ihm zwei Preise wieder ab. Seine vier Reporterpreise hat der 33-Jährige selbst zurückgegeben. Für seine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen hatte er gerade erst den Deutschen Reporterpreis 2018 erhalten. Die Jury will nach eigener Aussage die Diskussion weiterführen und überlegen, „ob es – trotz allem – Argumente für ihn gibt“.

Wie ging Relotius im Detail vor?

Der Fall Fergus Falls gibt Einblick in die Fälscherwerkstatt des Autors. Es handelt sich dabei um eine „Spiegel“-Geschichte von Ende März 2017, ein Porträt einer Kleinstadt aus Minnesota vor dem Hintergrund der Trump-Wahl. Zwei Bewohner des 13 000-Einwohner-Dorfes legten jetzt auf dem Portal „medium.com“ dar, dass die erzählte Geschichte frei erfunden sei. Michele Anderson und Jake Krohn hatten die Berichterstattung verfolgt, weil sie befürchteten, ihr Heimatort könne falsch dargestellt werden. Doch das Ergebnis übertraf alle Befürchtungen. Tatsächlich hätte nicht viel mehr gestimmt als die Einwohnerzahl und die Durchschnittstemperatur. Anderson und Krohn formulierten elf Lügen, angefangen mit dem Ortsschild, auf dem nicht – wie im Artikel beschrieben – „Heimat verdammt guter Leute“ steht. Zudem dachte sich Relotius aus, dass im Kino des Ortes der Film „American Sniper“ beliebt sei, um seine These des waffenverliebten Hinterwäldlerdorfes zu unterstützen. Tatsächlich wurde der Film aber seit 2015 nicht mehr gezeigt. Relotius ist offenbar eher wie ein Schriftsteller als wie ein Journalist an Themen herangegangen.

Die 99-jährige Traute Lafrenz, die letzte Überlebende der Weißen Rose, distanzierte sich jetzt von einzelnen Aussagen aus einem viel gelobten Interview, das Relotius im September nach den Ausschreitungen in Chemnitz mit ihr geführt hatte.

Wie sind die Reaktionen?

Der „Spiegel“ wird für seinen Umgang mit dem Skandal von vielen Seiten kritisiert. Zwar wird die Offenheit der Aufarbeitung lobend hervorgehoben, zum Beispiel von Anne Will („Was für ein klarer Text in eigener Sache“). Doch oft ist der Vorwurf zu hören, Print-Chefredakteur Ullrich Fichtner „vernichte“ den jungen Autor geradezu, um die eigene Marke zu retten. Auch der Duktus, mit dem der Skandal für die Öffentlichkeit aufbereitet wurde, missfällt einigen. „Ich mag nicht, wie daraus eine typische ,Spiegel’-Story gemacht und wie ein Gral vor sich her getragen wird“, schreibt der Wirtschaftsjournalist Marco Cabras bei Twitter. Ins gleiche Horn bläst „Zeit“-Literaturchef Ijoma Mangold: „Komm immer noch nicht darüber hinweg, dass der Spiegel seine Geschichte über #Relotius in genau dem Ton schreibt, den Relotius so hemmungslos bedient hat.“

Der Medienexperte und Ex- „Spiegel“-Journalist Stefan Niggemeier schreibt bei „Übermedien“ von einer „gefährlichen Kultur des Geschichtenerzählens“. Beim Hamburger Magazin seien für eine schöne Reportage schon einmal Fakten großzügig adaptiert worden. Diese Wahrheitsästhetisierung, die mit dem typischen „Spiegel“-Stil der szenischen Rekonstruktion zusammenhängt, sieht Niggemeier als Nährboden für den Fall Relotius an.

In Bezug auf den Autor changieren die Reaktionen zwischen Mitleid und Wut, weil er eine ganze Branche diskreditierte und Futter für Fake-News-Parolen lieferte. Oft wird aber auch mit einem gewissen Raunen über ihn gesprochen wie über einen genialen Hochstapler.

Auch im Ausland wurde der Fall aufgegriffen. John Cleese, Ex-Mitglied der Satirikergruppe Monty Python, twitterte: „Der ,Spiegel’ hat einen ihrer Journalisten gefeuert, weil er Geschichten erfunden hat. Das muss offenbar in Deutschland ein Verbrechen sein.“

Wie konnte Relotius so lange damit durchkommen?

„Wir waren immer stolz auf unser System der vielen Absicherungen, dass die Texte von so vielen Augen gelesen werden”, heißt es in dem Morning Briefing von Steffen Klusmann, dem zukünftigen „Spiegel“-Chef, und seinem Stellvertreter Dirk Kurbjuweit. Man wolle nun die Kontrollmechanismen überarbeiten.

Der „Spiegel“-Reporter Juan Moreno, der den Skandal aufdeckte und Informationen gegen den Kollegen sammelte, erzählt in einem Video von den Hintergründen. So wurde und wird Relotius von vielen Kollegen als besonders charmant und bescheiden beschrieben. Einen Betrug habe man ihm nicht zugetraut. Auch habe Relotius in den Texten oft keine Namen erwähnt und nur allgemein von „Soldaten bei einer Bürgerwehr“ geschrieben, was ein Nachprüfen der Fakten erschwerte. Erste Verdachtsmomente gab es dann, weil es keine Fotos von den Protagonisten gab.

Was ging im Autor vor?

Bislang hat sich der Autor nicht selbst an die Öffentlichkeit gewandt, sein Twitter-Account wurde gelöscht. Am Donnerstag kursierte ein Fake-Profil. Laut Fichtner bezeichnete sich Relotius selbst als krank und hilfsbedürftig, als einer, „dessen Kontrollmechanismen versagten“.

Er begänne zu fälschen, wenn er in einer Geschichte nicht weiterkäme. Dann schreibe er gefälschte Sätze hin und lasse sie stehen, und er finde sie teilweise selbst so dreist, so lächerlich, dass er während des Schreibens zu sich sage: „Come on! Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!’“

Wiederholt wird bei der Ursachenforschung zudem auf die ungesunde Fixierung vor allem einer jungen Reportergeneration auf Journalistenpreise verwiesen.

Was sind die Konsequenzen aus dem Skandal?

Die Debatte zielt ins Grundsätzliche, es geht um die Eitelkeiten im Medienbetrieb und darum, was der Druck mit den Journalisten und dem Journalismus macht.

Von Nina May/RND

Silvester ohne „Dinner for One“? Unmöglich. Auch in diesem Jahr zeigen verschiedene Sender den kultigen TV-Sketch. Wo und wann? Das erfahren Sie hier.

31.12.2018

Die neue ARD-TV-Parodie „Trixie Nightmare – Der tiefe Fall der Trixie Dörfel“ von Olli Dittrich ist große Satirekunst – und entlarvt nebenbei die Mechanismen der Klatschmenagerie.

20.12.2018

Ein preisgekrönter Reporter manipuliert eigene Geschichten. Claas Relotius hat es gemacht und dafür auch noch zahlreiche Auszeichnungen entgegengenommen. Nun hat er einige seiner Preise zurückgegeben.

20.12.2018