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Medien & TV Endspielreigen in Salzburg
Nachrichten Medien & TV Endspielreigen in Salzburg
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19:59 05.08.2016
Am Ende der Welt gleicht das Dasein einer Mülltonne: Joachim Bißmeier als Nagg und Barbara Petritsch als Nell in Samuel Becketts "Endspiel" bei den Salzburger Festspielen. Quelle: © Salzburger Festspiele / Bernd Uhlig
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Kaum zu erahnen kauert da in der Ferne eine Gestalt. Nichts geschieht, scheinbar. Es vergehen einige Herzschläge, bis der Zuschauer merkt: Das bucklige Etwas nähert sich dem Publikum, gemeinsam mit der kargen Kastenbühne. Wie der Todesschütze sein Opfer durch den Sucher heranzoomt, so fährt der Regisseur Dieter Dorn seine Figuren ans Publikum der Salzburger Festspiele heran. So nah, dass vereinzelte Bestürzungslaute zu vernehmen sind. Die Zuschauer werden auf diese Weise hineingesogen in dieses "Endspiel" von Samuel Beckett, diese genussvolle Anrufung des Abtretens.

Bei einem der wichtigsten deutschsprachigen Musik- und Theaterfestivals kündigen sich in diesem Sommer große Veränderungen an: Es sind die letzten Festspiele unter der Leitung von Sven-Eric Bechtolf. Der Deutsche verabschiedet sich zum Ende der Saison am 31. August. Er übernahm, als sich sein Vorgänger Alexander Pereira 2015 verfrüht gen Mailänder Scala verabschiedete.

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Zuvor war Bechtolf vier Jahre lang Direktor der Schauspielsparte. So passt es, dass sich insbesondere am diesjährigen Schauspielprogramm der Umbruch ablesen lässt: Samuel Becketts "Endspiel" gilt als Endpunkt der abendländischen Dramatik, "Der Sturm" ist das letzte Stück von William Shakespeare, in dem es auch inhaltlich um Vermächtnis geht.

Apokalypse und Sicherheitswahn

"Die Zeit" hat jüngst die infolge von Amokläufen und Terroranschlägen von einer "Epidemie der Angst" befallene Bevölkerung als beckettsche Antihelden bezeichnet. Die Inszenierung des "Endspiels" im Salzburger Landestheater macht deutlich, wie treffend dieser Vergleich ist. Die Grundstimmung aus Becketts apokalyptischer Welt erscheint erschreckend aktuell: Man ist ständig auf der Hut.

Der blinde Herrscher Hamm haust mit seinem Sklaven Clov – dem Buckligen aus dem Intro – in einer Art Bunker. Das von einer unbestimmten Katastrophe heimgesuchte "Draußen" muss Clov auf Hamms Anweisung immer wieder misstrauisch beäugen, indem er auf eine Leiter steigt und sehr weit oben angebrachte Fenster öffnet (Bühne: Jürgen Rose). Altmeister Dieter Dorn inszeniert den aufwendigen Wachgang als slapstickartige Nummer und macht so die Absurdität eines allumfassenden Kontroll- und Sicherheitswahns deutlich, ohne explizit auf aktuelle Ereignisse anzuspielen.

Der 1935 in Leipzig geborene ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele und des Bayerischen Staatsschauspiels spaltet die Theaterwelt: Die einen preisen ihn als einen der letzten Verfechter des Textheaters, andere verbinden mit seinem Namen Stagnation. Eine Legende ist der 80-Jährige allemal. In Salzburg macht er seinem Ruf als Schauspieleroptimierer Ehre: Michael Maertens erinnert als Clov an Charlie Chaplin und Buster Keaton, Nicholas Ofczarek gibt als Hamm den traurigen Tyrannen.

Hohe Erwartungen an eine spektakuläre Besetzung: Peter Simonischek als Prospero in William Shakespeares "Der Sturm". Quelle: Salzburger Festspiele

Beide Darsteller stammen aus dem Ensemble des renommierten Burgtheaters Wien, das auch Koproduzent der Inszenierung ist. Auch Hamms in Mülltonnen vor sich hin vegetierende Eltern überzeugen, Joachim Bißmeier mimt den zahnlosen Romantiker Nagg, der sich für seine halb demente Nell (Barbara Petritsch) einen Zwieback vom Mund abspart. Bei allen Darstellern ist der Unterschied in Habitus und Mimik zwischen Rolle und Applausauftritt frappierend.

Becketts Titel "Endspiel" oder im Original "Fin de partie" ist mehrdeutig, es geht um das Ende allen Sinns und Seins, um das Ende des Theater(spiel)s, aber gleichzeitig auch um eine Beschwörung des Spiels als letzte Existenzform im Angesicht des unausweichlichen Endes. Dorn betont diese Lesart. Hamm fährt Clov einmal an: "Erkennst du nicht, dass ich beiseitespreche?" Dieser Satz ist bei Beckett nicht zu finden.

Das Beiseitesprechen, also der fürs Theaterpublikum hörbar gemachte innere Monolog einer Figur, ist generell eine schöne Beschreibung für dieses beckettsche Spiel. Denn Dialoge im Sinne einer bedeutungsstiftenden Kommunikation finden hier nicht statt. Es wird nicht mehr gewartet. Nicht mal auf Godot. "Warum diese Komödie, jeden Tag?", fragt Nell ihren Mann Nagg. Die menschliche Existenz als Klamaukprinzip. Am Ende des Abends fährt die Bühne wieder zurück. Der Zuschauer ist entlassen, doch das Endspiel geht weiter.

Rachelust und Ränkespiel

Es wurde wie eine Sensation angekündigt: Der vielfach ausgezeichnete Darsteller Peter Simonischek, der gerade im Kinofilm "Toni Erdmann" einen zu seltsamen Scherzen aufgelegten Vater spielt, übernimmt die Rolle des alten Zauberers Prospero in William Shakespeares Stück "Der Sturm". Wird man in Jahrzehnten noch von dieser Besetzung sprechen, wie von Bruno Ganz als Faust oder Klaus Maria Brandauer als Mephisto?

Nach der Premiere im Theater auf der Perner-Insel vor den Toren Salzburgs muss man dies leider verneinen. Der mit seiner Tochter auf eine einsame Insel verbannte Herzog von Mailand, der über Geister gebieten kann, bietet mit seiner Rachelust und seinen Ränkespielen viel Potenzial für Schauspieler. Simonischek bedient all das brav, kann der Rolle jedoch nicht seinen Stempel aufdrücken.

Um am Zusammenspiel zwischen ihm und dem Sklaven Caliban (Jens Harzer) Gefallen zu finden, muss man sich schon dazudenken, dass die beiden beim Salzburger "Jedermann" ab 2002 als Jedermann und Tod nebeneinander auf der Bühne standen und die Machtverhältnisse so umgekehrt waren. Harzer, mehrfach zum Schauspieler des Jahres gewählt, ist zwar in seinem aussichtslosen Freiheitskampf, der ihn nur zu neuen zweifelhaften Herren führt, eindrücklich.

Ein Luftgeist als Rettung

Doch reduziert ihn die Regisseurin Deborah Warner gemäß alten Lesarten des Stückes auf den unbedarften Wilden und lässt ihn gleich nackt auftreten. Die Inszenierung der 57-jährigen Britin ist ohnehin überraschend klischeebehaftet und uninspiriert für eine Künstlerin, die bereits für die Royal Shakespeare Company arbeitete und mit nur 30 Jahren Hausregisseurin am Royal National Theatre wurde.

Unerträglich ist Sara Tamburini als Prosperos Tochter Miranda, die beim Anblick eines gestrandeten Prinzen in Wallung gerät. Mit ihrem exaltierten Spiel hätte sie bei einer Seifenoper wie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" Chancen. Die Rettung des Abends obliegt dem Luftgeist Ariel. Er wird auf der Bühne verkörpert von Dickie Beau, doch die weibliche Sirenenstimme kommt vom Band, ein irritierendes Zwitterwesen.

Brillant ist das Bühnenbild von Christof Hetzer, das die Elemente beschwört: Da gibt es Sumpf- und Erdkuhlen, ein Kieselbett dampft, Feuerringe wachsen auf Prosperos Geheiß, und über allem hängt eine Wolke wie eine Lampe. Ein schmaler, langer Bildschirm zeigt den Horizont mit wuchtigen Wassermassen oder wolkenverhangenem Strand. Und wenn der Besucher dann nach draußen tritt, sieht er die regenschwangere Bergwelt von Allein – und fühlt sich mitten in der düsteren Welt des "Sturms".

Eine "heitere Mythologie in drei Akten": Richard Strauss' letzte Oper "Die Liebe der Danae" bei den Salzburger Festspielen. Quelle: Salzburger Festspiele

Das Pendant zu Shakespeares letztem Theatersturm ist im Musiktheater "Die Liebe der Danae", die letzte Oper von Richard Strauss. Sie hat Festivalgeschichte geschrieben: Die Oper entstand mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. 1944 fand nur eine Generalprobe in Salzburg statt, in der Strauss zu den Wiener Philharmonikern sagte: "Ich hoffe, wir sehen uns wieder in einer besseren Welt." Erst 1952 konnte die Uraufführung nachgeholt werden.

Im nächsten Jahr übernimmt der Österreicher Markus Hinterhäuser. Dann wird auch wieder der traditionelle "Jedermann" gegeben. Dieses "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", so der Untertitel, gab als stückgewordenes Memento mori in diesem Jahr eine passende Ouvertüre für diesen Endspielreigen ab.

Von Nina May

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