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Medien & TV Fall Relotius: Warum so ein Betrug im Lokaljournalismus nicht möglich wäre
Nachrichten Medien & TV Fall Relotius: Warum so ein Betrug im Lokaljournalismus nicht möglich wäre
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20:42 21.12.2018
Durch den Betrugsfall beim „Spiegel“ hat zurzeit die ganze Branche des Journalismus mit Vorwürfen zu kämpfen. Quelle: Morris MacMatzen/Getty Images
Potsdam

Es ist auch einfach zu schön, um wahr zu sein. Dieses Bild der zurückgebliebenen, abgehängten US-Kleinstadt, in der die Bewohner gerne Waffen tragen, Schilder gegen Mexikaner aufstellen, nie das Meer gesehen haben und im Kino gerne „American Sniper“ schauen. Einen Monat hat der „Spiegel“-Reporter Claas Relotius in Fergus Falls im US-Bundesstaat Minnesota verbracht – und am Ende eine Reportage geschrieben, die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat, jedoch in das Bild passt, das er vermitteln wollte.

Relotius hat seine Leser betrogen, Dutzende Texte, die im „Spiegel“, aber auch bei anderen Medien wie dem „SZ Magazin“ oder „Zeit Online“ erschienen sind, einfach gefälscht. „Mit Vorsatz, methodisch und hoher krimineller Energie“, wie der „Spiegel“ selbst einordnet. So habe er Protagonisten nie getroffen oder gesprochen, er erfand Dialoge, Zitate und Szenen, die es so nie gab. Außer im Kopf des Autoren. Der 33-jährige Reporter hat vorgegeben, Journalismus zu machen, und doch Märchen erzählt, höchstens angelehnt an die Realität – keiner hat es gemerkt. Seine dreisten Fälschungen wurden sogar von der zuweilen eitlen Branche mit Preisen honoriert. Er hatte Angst vor dem Scheitern, er fühlte sich unter Druck.

Fall Relotius: Größter Journalismusskandal in Deutschland seit gefälschten Hitler-Tagebüchern

Es ist der größte Journalismusskandal in Deutschland seit den gefälschten Hitler-Tagebüchern im „Stern“ 1983. Der Zeitpunkt könnte nicht verheerender sein.

Der Journalismus befindet sich seit Jahren im Rechtfertigungsmodus – das Fragenstellen hat sich umgedreht: Das Publikum fragt zu Recht, was die Medien in den Fokus setzen. Und warum. Was ihre Quellen sind und wie die Auswahlmechanismen funktionieren. Es hat sich – nicht nur in den sozialen Netzwerken – eine Grundskepsis eingeschlichen, befeuert durch die „Lügenpresse“-Rufe von Pegida und AfD sowie einem US-Präsidenten, der die Arbeit der Journalisten auf großer Weltbühne als „Fake News“ diskreditiert. Viele Medien haben – vor allem in der Flüchtlingsdebatte – mit einer Transparenzoffensive reagiert: Mehr erklärt, die Arbeitsweise offengelegt, Fehler eingeräumt – manches (überregionales) Medium hat sich dabei sogar erstmals wirklich intensiv mit Leserkritik beschäftigt. Das ist die eine Seite.

Geschichtenerzählen ist oft Kernpunkt der Journalisten-Ausbildung.

Die andere: Die Darstellung des Journalismus hat sich in den vergangenen Jahren auch immer weiter gedreht – heute zählt gerne auch mal das „Storytelling“. Das Geschichtenerzählen. Es ist oftmals sogar ein Kernpunkt der Ausbildung. Da liegt bereits in der Begrifflichkeit der Fehler: Journalismus ist keine Erzählung – wenngleich er gute Geschichten hervorbringen kann. Weil das Leben sie hergibt. Doch die Medienbranche hat die Erzählung zuletzt immer häufiger zum Qualitätskriterium stilisiert, dabei mitunter auch einmal die Details und Schattierungen der komplexen Wirklichkeit für die „gute Geschichte“ opfert. Der „Spiegel“ hat nun selbst erneut das Prinzip „Storytelling“ angewandt, um über den eigenen Betrugsskandal zu berichten – ein langer, bildhafter Text, der am Ende auch Drehbuchvorlage für einen Hollywood-Film sein könnte. Als habe der Fall am Ende doch nichts mit dem Hause selbst zu tun – das ist kein gutes Signal. Denn da schwingt eben jene Starreporter-Allüre mit, die ja dem Betrüger Relotius zu Kopf gestiegen war.

Nicht aus Relotius’ Betrug pauschal auf Manipulation im Journalismus schließen

Aus dem Betrug des Claas Relotius kann nicht pauschal auf Manipulationen im Journalismus geschlossen werden – das ist fatal, und es ist falsch. Doch klar ist, dass Stilformen und Redaktionskulturen diese Taten möglich gemacht haben – denn weder Kollegen noch Preis-Jurys sind die erfundenen Geschichten aufgefallen. Während der Autor sich, wie der „Spiegel“ ihn zitiert, zu sich selbst sagte: „Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!“ Er kam. Es muss zu denken geben.

Journalismus soll objektiv sein – und ist doch immer subjektiv. Weil wir auswählen, hierarchisieren, weglassen und – ja – auch verdichten. Das Ziel sollte sein, der Wirklichkeit so nahe wie möglich zu kommen. Wir Journalisten tun das ausgestattet mit einem Handwerkskasten und einer Berufsethik, die die Wahrheit und die Fakten zur Maxime erhebt. Im besten Fall. Wer zur Übertreibung neigt oder es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ist in diesem Beruf falsch.

Journalismus: Beruf mit fundierter, jahrelanger Ausbildung

Und auch das ist wichtig zu erwähnen: Es ist ein Beruf mit einer fundierten, jahrelangen Ausbildung. Schön schreiben zu können ist ein Plus, es ist aber nicht die Qualität an sich. Es geht darum, die Wirklichkeit in ihrer Komplexität abzubilden, zu recherchieren, kritisch zu sein, Widersprüche offenzulegen und auch zuzugeben, wo die Welt komplizierter ist, als ein Text es zu fassen vermag. Die ganze Branche tut gut daran, den „Spiegel“-Skandal nicht nur als Einzelfall schnell wegzuwischen, sondern ihn als Impuls aufzunehmen, die Fakten in den Vordergrund zu stellen. Das heißt nicht, dass die Reportage nicht mehr ihren Platz haben kann – sie ist eine wunderbare Stilform, weil sie die Realität anfassbar macht. Einem drögen Bericht gelingt das nicht.

In einer Reportage sollte der Leser „riechen, schmecken, sehen, hören und fühlen“ können, so lernen es Berufsanfänger. Was dabei jedoch immer gilt: Das Beschriebene muss der Wahrheit, mindestens der eigenen erfahrenen Wahrnehmung entsprechen. Das unterscheidet Journalismus von Fiktion. Während Fakten überprüfbar sind – die umfangreiche Dokumentations-Abteilung des „Spiegel“ hat hier bei Relotius versagt – muss die Redaktion dem Reporter vertrauen. Auf Basis von Berufsethik, Pressekodex und Gesetzen.

Meister der Reportage, Egon Erwin Kisch, ist kein Vorbild

Doch natürlich zieht der Reporter mit einer Aufgabenstellung los – er hat im Kopf, was er dem Leser gerne berichten würde. Dafür sucht er sich Ort und Protagonisten, um einem Thema möglichst nahe zu kommen. Und manchmal kommt er auch zurück in die Redaktion und sagt: Die Wirklichkeit ist eine andere, als wir dachten. Das ist dann eben so, das hält eine Redaktion aus. Claas Relotius hat sich nicht getraut, ohne die vorgegebene Geschichte zurückzukommen. Auch das muss der eigenen Redaktion zu denken geben.

Auch die großen Vorbilder sind eigentlich keine: Der Meister der Reportage, Egon Erwin Kisch, hat den Typus des „rasenden Reporters“ geprägt. Dabei startete Kisch, geboren 1885, einst mit Betrug: Weil er zum Brand einer Mühle zu spät kommt, „erfindet“ er einfach die Fakten drumherum, entwirft Bilder von zerlumpten Obdachlosen. Seine Reportage wird gelobt – hat er doch Dinge beschrieben, die keiner sonst sah. Wie auch. Sie waren erfunden. Für ihn zählten Plausibilität und Möglichkeit genug.

Lokaljournalismus: Gemeinschaft in der Heimat ist oft der beste Korrektor

Im Lokaljournalismus ist übrigens die Gemeinschaft in der Heimat oft der beste Korrektor: Jede Ungenauigkeit, jedes verdichtete Zitat, jede unklare Beschreibung fällt auf – weil die Menschen, über die wir berichten, hier leben und es sofort zurückspielen. So haben übrigens auch Bewohner aus Fergus Falls offengelegt, wie der „Spiegel“-Reporter die Realität verdreht hat. Und hätte es die sozialen Medien damals schon gegeben, wäre auch Kischs Mühlenmärchen schnell aufgeflogen.

Von Hannah Suppa/RND

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