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Medien & TV “Fences“ und mehr Filmtipps
Nachrichten Medien & TV “Fences“ und mehr Filmtipps
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19:49 04.08.2017
Quelle: Fotolia
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Hannover

Shoah Fortschreibungen: Der eindringlichste Film, der je über den Millionenmord an Europas Juden gedreht wurde, ist eine Dokumentation: Claude Lanzmanns “Shoah“. Material, das nicht in das Konzept des Regisseurs und Interviewers passte oder den eh weitgefassten zeitlichen Rahmen von “Shoah“ vollends gesprengt hätte, findet sich nun im Paket versammelt in den “Shoah Fortschreibungen“.

Der Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes, erzählt da in “Ein Lebender geht vorbei“ von dem vom NS-Regime arrangierten Besuch im Muster-Konzentrationslager Theresienstadt, und verrät durch seine Wortwahl, dass er es als ungerecht empfand, dass es “steinreiche Juden gab, denen ein Viertel von Budapest gehörte“, die sich angeblich mit Geld “weiß waschen“ konnten. Und muss sich von Claude Lanzmann sanft zurechtweisen lassen, dass er bei seinem Besuch die Angst hinter der Show hätte erkennen müssen, dass er wohl geschlafen habe und in seinem Bericht beschönigend, ignorant, nazifreundlich und widersprüchlich geschrieben habe. Der Zuschauer dieses Interviews hegt bezüglich der Menschenliebe des IRK-Manns bald allerfinsterste Gedanken. In “Sobibor“ erzählen Zeitzeugen vom geglückten Aufstand der Häftlinge in einem Vernichtungslager, in “Der Karski-Bericht“ wird deutlich, dass die Alliierten durchaus vom Holocaust wussten.

Eindrücklichstes “Outtake“ ist “Der Letzte der Ungerechten“, Lanzmanns Porträt des einzigen Überlebenden des “Judenrats“ von Theresienstadt – die beklemmenden Bekenntnisse des Benjamin Murmelstein, eines Mannes, der seinem Volk als “Bindeglied“ zu den Nazis helfen wollte, zu oft aber nur als Privilegierter unter den Todgeweihten begriffen wurde. Die Erinnerungskultur ist nötiger denn je, jetzt, da die letzten Zeitzeugen der Diktatur aufs Ende ihres Lebens zugehen. Sie darf um kein Grad verschoben werden, sie braucht unter anderem diese vier eindringlichen Filme.

Shoah Fortschreibungen Quelle: Absolut Medien

Fences: Der 62-jährige, zweifache Oscarpreisträger Denzel Washington ist einer der großen Stars seiner Generation, immer noch eine sichere Bank für große Heldenrollen. So ritt er zuletzt an der Spitze der “glorreichen Sieben“ gegen Banditen, die eine Wildwest-Kleinstadt terrorisierten. In “Fences“ ist er ein Antiheld, in seinem dritten Kinofilm als Regisseur spielt er einen einfachen Mann, den afroamerikanischen Müllmann Troy, der in den Fünfzigerjahren versucht, durch Anpassung den Rassismus der Weißen auszuhebeln, um so das Auskommen seiner Familie zu sichern.

Ein guter Mann, der aber gelegentlich wütend wird, vor allem wenn er unter Einfluss von Alkohol zu lange über seine gescheiterte Baseball-Laufbahn sinniert. Seine Frau Rose (fantastisch: Viola Davis) und sein jüngster Sohn Cory (Jovan Adepo) wissen ihn zu besänftigen. Nicht aber sein ältester Sohn Lyons (Russell Hornsby), Musiker, Künstler, dessen Anderssein Troy nicht akzeptieren will. Und als sein durch eine Kopfverletzung im Krieg retardierter Bruder Gabriel (Mykelti Williamson), dessen Entschädigung es Troy erlaubte, sein Haus zu bauen, plötzlich in die Stadt kommt, ist die Lunte an Troys Gemüt gelegt.

“Fences“ ist ein Film voller Gespräche, ein stilles, wiewohl unglaublich spannungsreiches Drama, das jedem Zuschauer ein böses Gefühl dafür gibt, was es (auch heute noch) bedeutet, ein Schwarzer in den USA zu sein. Der Untergang Troys geschieht nicht ohne eigene Schuld, aber er wäre nicht zwangsläufig geschehen ohne das amerikanische Kastensystem. Vor mehr als 30 Jahren scheiterte eine Verfilmung durch Norman Jewison mit Eddie Murphy, hier nun liegt eine kongeniale Filmversion des modernen Theaterklassikers von August Wilson vor.

Fences Quelle: Paramount

Hell or High Water: Zwei Brüder gegen das Schicksal. Tanner (Ben Foster) und Toby (Chris Pine) rauben Filialen der Texas Midland Bank aus, um ihre Schulden zahlen und die kleine Ranch für Tobys Söhne retten zu können. Denn es wurde Öl auf dem Land gefunden, was die Chance bietet, endlich das Karma der Familie zu wenden, dem Alltag der Entbehrung zu entkommen.

Der Zuschauer, der sich David Mackenzies realistischen Gegenwartswestern besieht, hat die verzweifelten Outlaws schnell ins Herz geschlossen, auch wenn der sich selbst als “Komantsche“ stilisierende Tanner als durchgeknallter Galgenvogel erscheint, der in der Welt unterwegs ist wie eine Flipperkugel im Automaten. Es geht um den Anstand in Zeiten der Armut, verfolgt werden die beiden Banditen von zwei Texas Rangers (Jeff Bridges, Gil Birmingham), deren Sympathien auch nicht gerade bei den Überfallenen liegen, die aber ihre Pflicht tun müssen. Die Musik zu alldem lässt Blut, Blei und Grab erahnen. Countrysongs über Desperados, Gefechte und Tod wechseln mit ernsten, dunklen Piano- und Celloklängen.

Mackenzies West Texas ist eins der traurigsten Enden der Welt. Die Kamera von Giles Nuttgens zeigt Bilder aus Schmutz, Staub, Rost, Müll und das endlose, öde Nichts des Graslands, auf dem die stummen Ölpumpen nickend ihre Arbeit verrichten. Cowboys versuchen hier, eine Rinderherde von einem Präriefeuer wegzutreiben und die meisten Menschen kommen gerade mal so über die Runden. Ein Film über das arme Amerika, der sich ins Gemüt sengt wie ein Brandeisen. Für Chris Pine, den blauäugigen, smarten Captain Kirk des Raumschiffs Enterprise, bedeutet die Rolle des entschlossenen Toby den ersehnten Durchbruch ins Charakterfach.

Hell or High Water Quelle: Paramount

El Olivo: Alte Olivenbäume so sagt man, haben eine Seele. Der Baum des alten Ramón hatte auch ein Gesicht, die – so befand seine Enkelin Alma – Fratze eines Monsters. Der Großvater liebt diesen Baum, schätzt ihn auf 2000 Jahre – ein uraltes Wesen, gepflanzt zur Zeit der Römer. Jetzt ist er weg, verkauft für 30 000 Euro nach Deutschland, um im Atrium eines Energiekonzerns dessen (eigentlich nicht vorhandene) Verbindung zur Natur des Planeten darzustellen. Seither schweigt der Alte, der den Baum für “heilig“ und “unbezahlbar“ hielt, so als sei mit dem Monster auch er selbst verschwunden.

“Das Letzte, was man vergisst, sind die Lieder“, sagt Alma, inzwischen ein rebellischer Teenager, die befürchtet, dass ihr geliebter, verstummter Opa vollends verfällt und erlischt. “Vielleicht ist er ja jetzt an einem schönen Ort“, versucht sie, den Trauernden zu trösten. Nichts aber hilft. Und so bricht sie mit ihrem Onkel und ihrem Arbeitskollegen Rapha (der unglücklich in sie verliebt ist) auf, um “El Olivo“ zurückzuholen aus Deutschland (“Schon bei dem Namen fühle ich mich kleiner als ich bin“, sagt der Onkel. “Wie groß die sind und wie sie Englisch sprechen. Da muss irgendwas in ihren Würsten sein.“).

Und so nimmt ein wunderbares Roadmovie Fahrt auf, eine Reise mit einem Sattelschlepper und – durchaus symbolisch zu verstehen – einer Miniatur der Freiheitsstatue auf der Ladefläche - um den Großvater zu retten und die kaputte Familie wieder zu heilen. Die Regisseurin Iciar Bollain erzählt eine von den traurigschönen, märchenhaften Geschichten über die Unverzeihlichkeiten, die des Geldes wegen begangen werden, und wie schwer und manchmal zu spät es ist, diese Dinge wieder zu reparieren. Anderthalb Stunden der Wahrheit, mit großartigenSchauspielern wie Anna Castillo, Manuel Cucala und Javier Gutiérrez besetzt.

El Olivo Quelle: Indigo

Strike Back, Staffel 3: Ein Brite und ein Amerikaner vereint gegen das Böse in der Welt. Die Serie “Strike Back“ ist „Die 2“ in knallhart und ziemlich gemein. Der Fiesling im dritten Durchgang ist ein islamistischer Terrorist, er kontrolliert zudem dreiviertel des kolumbianischen Drogengeschäfts, vor allem aber hat er einen Kollegen von Michael Stonebridge eiskalt erschossen – was seine Festsetzung zu mehr als einem Auftrag, was sie zu einer Sache der Loyalität macht.

Gewohnt schnell schnappen Stonebridge (Philip Winchester) und Damien Scott (Sullivan Stapleton) zu, aber nachdem ihr Motorboot nach Panzerfaustbeschuss einen Salto mortale macht, gelingt dem Schurken die Flucht, wobei er zuvor der Mossad-Agentin Rebecca (Lyne Renée) aus unerfindlichen Gründen – vermutet wird Liebe – das Leben rettet. “Strike Back“ ist eine aufwändig gemachte Testosteron-Serie für Männer, die stets Bier und Steak in der Hosentasche haben, eine von den Over-the-Top-Serien, in denen den Helden die lockersten Sprüche dann einfallen, wenn eine zehnfache Überzahl Gegner die Maschinenpistolen nonstop rattern lassen und die mitten in der Stadt ihre Waffen rücksichtslos abfeuern, als sei Kollateralschaden eine Pralinensorte.

Normalerweise laufen solche Serien so überraschungsfrei ab, als hätte ein Autopilot statt eines Autors das Skript geschrieben. Aber gemach: Schon in der zweiten Episode haben die Helden ihren Butch-Cassidy-&-Sundance-Kid-Moment, alle Gewissheiten werden auf links gezogen und ein liebgewonnener Charakter geht den Weg alles Irdischen.

Strike Back, Staffel 3 Quelle: Warner

Plötzlich Papa: Omar Sy spielt Samuel, einen allzeit heiteren Hallodri, für den das Leben ein Spaß mit Frauen ist, bis ihm eines Tages Kristin, eine Liebschaft aus dem Vorjahr, das gemeinsame Baby zur Jacht seiner Chefin bringt. Er folgt ihr nach London, findet Kristin zwar nicht, dafür aber einen neuen Job als Stuntman und wird der beste Vater der Welt, einer mit Rutsche und Bällchenbad in der Wohnung und der Neigung, seiner vergötterten Gloria Schule zu ersparen für einen vergnügten Tag mit Achterbahn und Zuckerwatte.

Die Absenz der Mama erklärt er mit deren supergeheimen globalen Geheimdienstaufträgen, bis Kristin schließlich acht Jahre später wieder auftaucht – in einer anderen Beziehung glücklich, in New York lebend, bereit zum Gang vor Gericht, die elterliche Verantwortung zu übernehmen, die sie einst ablehnte. Sam aber will keinen Tag mit Gloria abgeben, weil es möglicherweise nicht mehr viel an gemeinsamer Zeit gibt. “Plötzlich Papa“ ist eine jener (Tragik-)Komödien, die zwar in der Wirklichkeit angesiedelt sind, ohne aber je logisch zu sein, in denen viele Aktionen und Entwicklungen verkrampft und unecht wirken.

Der Vollsympath Sy, den seit dem Welterfolg “Ziemlich beste Freunde“ jeder Deutsche kennt, ist das Pfund auch dieses schmalzigen Streifens, durch dessen Plotlöcher man am liebsten Brote werfen möchte. Wie Drehbuchautoren die Figur beispielsweise fünf Sekunden nach der schrecklichsten aller Erfahrungen breit grinsend auf einen Felsen überm Meer platzieren können, bleibt allen Menschen, die nicht Drehbuchautoren sind, völlig unverständlich.

Plötzlich Papa Quelle: Universum

Verborgene Schönheit: Die Firma geht den Bach runter, weil Howard Inlets (Will Smith) Inspiration versiegt ist, weil er wichtige Entscheidungen nicht mehr mitträgt, stattdessen tagelang gigantische Dominostädte baut, die er dann mit dem Finger anschnipst und zum Einsturz bringt. Howard hat sein Töchterchen an eine schlimme Krankheit verloren und darüber selbst das Leben eingestellt, seine Mitinhaber (Edward Norton, Michal Pena, Kate Winslet) wollen den zombiehaften Taumler wecken oder entmündigen, um zu retten, was von der Firma zu retten ist. Dazu bestellen sie eine Schauspieltruppe (Helen Mirren, Keira Knightley, Jacob Latimore), die als Tod, Liebe und Zeit (die Eckpfeiler von Howards Philosophie) in sein Leben treten und ihn aufrütteln sollen.

Anfangs schmeckt das alles nach dünner Hollywoodsuppe, nach Binsenweisheit, die auf Kalenderspruch trifft. Aber der Film von David Frankel („Der Teufel trägt Prada“) wächst und hält einige wirkliche Überraschungen parat. Zwar wird der Zuschauer manipuliert und der Griff in die Kleenexdose ist unvermeidlich, aber die Traurigkeit, die hier ans Publikum gebracht wird, fühlt sich niemals falsch an. Der Film ist in der heißen Jahreszeit auf DVD und Blu-Ray erschienen, spielt aber im kalten Advent und wurde von manchem euphorischen US-Kritiker schon als künftiger Weihnachtsklassiker gesehen. Dafür ist die Geschichte allerdings vielleicht doch ein wenig zu finster.

Verborgene Schönheit Quelle: Warner

Ballerina: Den unmöglichen Traum zu träumen ist wichtig fürs wahre, große, schöne Leben, unbesehen ob man bei seiner Umsetzung obsiegt oder scheitert, das sang uns schon Don Quichote im Musical “Der Mann von La Mancha“ ins Gewissen. Victor will ein Erfinder werden, Félicie eine Balletttänzerin, gemeinsam fliehen sie aus dem Waisenhaus, das dem Betrachter zu Beginn des französisch-kanadischen Animationsfilms “Ballerina“ als drakonisch erscheint.

Im Waisenhaus hält man große Träume für Illusionen, Selbstbetrug, Humbug. So nehmen die beiden Kinder ihr Schicksal selbst in die Hand, und natürlich bekommt die ehrgeizige Jungtänzerin am Ende die Rolle in Tschaikowskys “Nussknacker“ und natürlich rettet ihr der trickreiche Victor kurz vor diesem Ende mit einer seiner Tüfteleien das Leben. Zwischendurch ist Félicie bei der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich und vertraut falschen Freunden, was für einige Aufregung sorgt. Aber am Ende bekommen alle kleinen Zuschauer die Botschaft vermittelt, dass sich die Dinge richten, alles gut wird und dem braven, fleißigen und leidenschaftlichen Zielstreber alles glückt.

Den Glauben an das Gute vermittelt dieser Film auf eine schlichtere Weise als filigranere, thematisch ähnlich gelagerte Animationsfilme wie “Zoomania“ und “Findet Dorie“ oder der Spielfilm “Billy Elliot“, in dem ein Ballett-verliebter Junge seine Liebe zum Bühnentanz gegen einen boxenden Proletariatsvater durchsetzen musste. Und dennoch ist die Umsetzung charmant, garantiert “Ballerina“ anderthalb Stunden einer soliden Dramedy, die auch Erwachsenen einen netten Nachmittag vorm Fernseher beschert.

Ballerina Quelle: Universum

Von Matthias Halbig

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