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20:01 21.10.2016
Countertenöre sind die neuen Klassik-Superstars: Franco Fagioli hat für sein Solodebüt ein außergewöhnliches Programm eingespielt: Partien von Gioacchino Rossini, die bislang ausschließlich von Frauen gesungen wurden. Quelle: Deutsche Grammophon
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Die Opernwelt hebt neue Götter in den Himmel: Das Renommierlabel Deutsche Grammophon geht das Wagnis ein, einen Countertenor namens Franco Fagioli Rossini singen zu lassen, die ehrwürdige Pariser Oper eröffnet mit ihm, der barocken Pracht von Cavallis Oper "Eliogabalo" und gleich zwei Countertenören ihre Spielzeit.

Und auch die Elbphilharmonie ernennt einen dieser Männer, die wie Frauen singen, zu ihrem ersten Artist in Residence: Philippe Jaroussky, der außerdem dem Eröffnungskonzert in Hamburg einen besonderen Glanz geben wird.

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Ihre CDs erreichen die Charts, werden mit dem Klassik-Echo ausgezeichnet, die Konzerte und Opernaufführungen sind ausverkauft und sie haben Fans, die ihnen über Kontinente nachreisen: Der nie dagewesene Boom der Countertenöre ist außerdem noch mit Namen wie Valer Sabadus, Iestyn Davis oder Bejun Mehta verbunden.

Der Reiz des Extremen

Was macht den Erfolg aus, was macht die Stimme dieser Sänger so faszinierend? Es ist sicher immer noch der Reiz des Extrems, das dieses Singen in hoher und höchster Lage auszeichnet. Es ist das Androgyne, das so wunderbar in die Gegenwart mit ihrer Genderverwirrung passt. Und es ist vor allem die unnachahmliche Schönheit, die Countertenöre mittlerweile kreieren können und die von keiner weiblichen Stimme übertroffen wird.

Dafür steht zurzeit sicherlich der 35-jährige argentinische Countertenor Franco Fagioli, dem die Zeitung "Le Monde" eine ganze Seite gewidmet hat mit dem Titel "Le Magnifique" (der Einzigartige). Einzigartig auch deshalb, weil er sich anschickt, einen Kontinent zu erobern, der bisher von Sängerinnen wie der großen Maria Callas und Marilyn Horne beherrscht wurde. Den des Belcanto.

In seiner Heimat hatte vor ihm kein Countertenor existiert, geschweige denn ein Gesangslehrer dafür, es gab keinerlei Barock-Tradition. Und deshalb wurde seine Gesangskunst wie die anderer Sänger im Belcanto-Stil ausgebildet, und seitdem ist Rossini sein Wegbegleiter. Rossini, der Meister des Schöngesangs und  der aberwitzigen Koloraturen, die sonst nur Sängerinnen wie Cecilia Bartoli perfekt bewältigen können. Ist es dann nicht ein bisschen zu viel verlangt von einem Countertenor, Rossini zu singen?

Franco Fagioli (hier in einer Aufführung von Cavallis "Eliogabalo") gilt als der kommende Protagonist des Countergesangs. Quelle: dpa

Nun ja, nicht von einem Franco Fagioli. "Rossini hat nun mal für die großen Kastraten seiner Zeit geschrieben", sagt der Sänger. Aber doch nicht seine Frauenpartien? "Ich denke in gewisser Weise doch", entgegnet Fagioli. "Kastraten wurden zu Rossinis Lebzeiten unmodern, Frauen übernahmen die hohen Stimmen der Heldenrollen – aber Rossini schrieb weiter im Stil der Kastraten. Genau diese Partien habe ich in meinem neuen Album eingespielt."

So gesehen kann man zum ersten Mal Rossini im Originalklang erleben. 2017 wird Fagioli für die Rossini-Oper "Semiramide" live in Nancy auf der Bühne stehen. Und diese Herausforderung mit seinem ganz eigenen Stil bewältigen, den Fagioli bereits in etlichen Barockpartien unter Beweis gestellt hat.

Mit einer Stimme, die sich über drei Oktaven spannt, bruchlos in den tieferen Bereich der Bruststimme reicht – etwas, das ihn neben seiner Virtuosität, Koloraturensicherheit und Facettenreichtum einzigartig unter den Countertenören der Gegenwart macht.

Bei "Farinelli" mussten noch Frauen helfen

Vor 20 Jahren gab der Film "Farinelli" einen entscheidenden Schub für das Interesse am Klang der Kastraten. Davor hatten Spezialisten wie der britische Sänger Alfred Deller vor gut 60 Jahren den männlichen Alt für mittelalterliche und barocke Musik wieder hörbar gemacht.

Mussten 1994 im Soundtrack zu Gérard Corbiaus legendärem Spielfilm um den historischen Kastratensänger Farinelli noch Frauen bei den höchsten Töne aushelfen, erreichen das mittlerweile Männer ebenso leicht wie gekonnt – wie gegenwärtig Valer Sabadus, der Shootingstar unter den jungen Countern. Gerade mal 30 Jahre alt, in Rumänien geboren, im kleinen Landau in Bayern aufgewachsen, vom Plattengiganten Sony unter Vertrag genommen und gleich den Klassik-Echo gewonnen.

Neue Töne und barocke Arien

Sabadus singt Sopran, kann wie kein anderer Sänger auch höchste Töne so subtil gestalten, dass man ganz vergisst, welche enorme Technik sich hinter dieser artifiziellen Stimmproduktion verbirgt. Sabadus beschränkt sich nicht auf die Musik aus der Vergangenheit, singt nicht nur Mozarts "Requiem".

Er erkundet auch die Gegenwart, mit Liedern von Neutöner Matthias Pinscher beispielsweise, und will am 14. November im Berliner Dom zeigen, wie Rap zusammen mit barocken Arien klingt. Hier wird er mit dem Rapper Samy Deluxe eine Hommage an den Universalphilosophen Leibniz mitgestalten, der sich auch so seine Gedanken über die Harmonie der Welt gemacht hat. Einer Welt, die heute vielleicht die gesungene Harmonie der Countertenöre ein wenig nötiger hat als je zuvor.

Von Henning Queren

CD- und DVD-Tipps

  • Die CD "Rossini" (Deutsche Grammophon) von Franco Fagioli zeigt, wozu Countertenöre heute fähig sind: aberwitzige Koloraturen, lang angehaltene Spitzentöne, in Arien aus den bekannten und unbekannteren Rossini-Opern wie "Tancredi", "Semiramide" und "Adelaide di Borgogna". Es schien undenkbar, dass diese bisher ausschließlich von Frauen gesungenen Partien von einer männlichen Stimme gemeistert werden. Und zwar so, dass hier eine neue Schönheit entsteht.
  • Der zweite neue Stern am Counter-Himmel widmet sich "Le belle Immagini" (Sony). Die "schönen Bilder", die Valer Sabadus auf seiner CD entwirft, stammen von Gluck, nähern sich der Pracht des Kastratengesangs. Die federleichte, kristalline Stimme passt wunderbar auch zu den höhensatten Auszügen aus den Umarbeitungen von Glucks "Orpheus und Eurydike" – mit angemessener Dramatik begleitet von der Münchner Hofkapelle.
  • Und wer die ganze barocke Opernpracht genießen möchte: Auf der DVD der Vinci-Oper "Artaserse" (Warner Music) wird eine Aufführung eingefangen, in der die besten Counter der Gegenwart gemeinsam auf der Bühne stehen, neben Fagioli und Sabadus sind es Philippe Jaroussky und Max Emanuel Cencic – ein Gipfeltreffen der Stimmen, das so wohl nicht mehr möglich sein wird und noch vor wenigen Jahren unvorstellbar war. Ein Fest für Barockfreunde und Stimmfans.
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