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20:01 23.09.2016
Werden manchmal wieder klein: Boris Blank (links) und Dieter Meier von Yello fühlen sich im musikalischen Schaffensprozess "wie Kinder, die in einem Sandhaufen spielen, Sandburgen bauen". Entsprechend haben sie ihr neues Album "Toy" genannt. Quelle: Universal
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Wenn Dieter Meier spricht, nehmen seine Sätze diesen heiter wirkenden Schwyzer Aufschwung am Ende. "Vielleicht ist das ja eine Alterserscheinung", sagt er am Telefon, "aber ich habe keine Kreide gefressen wie der Wolf im Märchen." Er meint damit seine Stimme auf dem neuen Yello-Song "30 000 Days", dieses Flüstern à la Leonard Cohen, gelassen, behaglich, sinnlich. 30 000 Tage – das sind 82,2 Jahre durchschnittliche Lebenserwartung. "Wer ist dieses verrückte Ich", fragt Meier, "das so nachlässig ist mit seiner Zeit?"

71 Jahre ist er alt, Winzer, Farmer, Rancher (10 000 Rinder auf 20 000 Hektar in Argentinien), ein Restaurantkettenbetreiber und Uhrendesigner, bildender Künstler, Schriftsteller. Und jetzt ist er auch wieder Sänger, Texter, Musiker – der etwas noblere Popstar mit dem Schnauzer und dem Halstuch. Zusammen mit Boris Blank (64) ist er Yello: 1978 gegründete Elektropop-Legende, erfolgreichster Popexport der Schweiz, größte Hits: "Oh Yeah!" und "The Race". Das neue Album "Toy" erscheint am Freitag – mit 14 neuen Liedern.

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In denen geht es viel um Liebe, Vergeblichkeit, Alleinsein. Die Icherzähler in den Songs stecken in einer Amour Fou, sie sind sehnend, irritiert, desperat, haben schon mal den Boden unter den Füßen verloren. Und beschäftigen sich auch mit ihrer Endlichkeit. "Man vergeudet so viel Zeit", seufzt Meier im Gespräch und beschwört seine Kindheit herauf, wo ein Jahr unendlich schien. "Und wenn du dann Anfang 70 bist wie ich, ist ein Jahr ein Siebzigstel des Bisherigen. Kaum hast du den Sommer eingeatmet, fallen schon wieder die Blätter, und es ist Weihnachten."

Antanzen gegen die Melancholie

Dennoch seien die Erzähler in seinen Liedern nur Figuren – sie seien ihm zwar nahe, nicht aber biografisch zu verstehen. Das Thema Melancholie in Metropolen liege ihm halt, denn "ich habe in meinem Leben immer wieder lange als Einzelgänger in diesen Städten gelebt". Die Nöte seiner Protagonisten werden freilich gebrochen, wie schon das Video der ersten Single "Limbo" zeigt. Der Held darin ist durchaus Herr der Lage und gewiss in keinem Limbus, keiner Vorhölle, wie er behauptet. Zudem kann man zu den Rhythmen von Boris Blank prima antanzen gegen den Ernst der Worte.

"Klangbilder" nennt Meier die Vorgaben seines Freundes Blank und gibt einen Einblick in den kreativen Prozess bei Yello. Boris Blank sei kein Komponist im klassischen Sinn, eher ein Klangerfinder. "Er ist wie ein Maler, der seine Farben mischt. Wenn er sein Bild unten links zu malen beginnt, ist das ein dialektischer Prozess. Es gibt keine Grundidee, sondern ein Sich-treiben-Lassen. Ein Pinselstrich ergibt den nächsten. Und wenn er, um bei der Malerei zu bleiben, das Gefühl hat, 'Aha, hier entsteht eine Rose', – erscheint am Ende stattdessen ein Esel auf der Leinwand."

Man hört durch den Hörer förmlich Meiers Schmunzeln. "Boris überrascht sich selbst mit seinen Klängen. Und das bringt die unglaublichsten Stilbrüche. Da tauchen in einem durchaus sentimentalen Song plötzlich kubanische Rhythmen auf, und dann fährt eine bachsche Kirchenorgel drein, und weiß der Teufel was."

Inspiration aus intergalaktischen Gefilden: Yello laufen nicht Gefahr, ihren Legendenstatus allzu ernst zu nehmen. Quelle: dpa / Helen Sobrialski

"Toy", also "Spielzeug", wird seinem Namen schon rein äußerlich gerecht. Auf dem Cover stehen Blank und Meier nebeneinander, den Blick zum Himmel gerichtet. Salatsiebe tragen sie als Helme, auf die sie obskure Antennen montiert haben. Musenclowns. "Aus intergalaktischen Gefilden treffen uns Inspirationen über die Gemüseantennen", erklärt Meier. Was ausdrücken soll, dass "wir nicht Architekten der Musik sind, die einen Plan haben. Wir lassen diesen eigendynamischen Prozess geschehen."

Mit dem Spielzeug des Titels ist das Studio gemeint. „Wir sind dort wie Kinder, die in einem Sandhaufen spielen, Sandburgen bauen, was immer herumliegt, wird verwendet.“ Das Jesuswort „Werdet wie die Kinder“ zitiert Meier dann. Eine „höchst anarchistische Aufforderung, dass sich jeder Mensch finden und erfinden soll, dass er das Einmalige und Göttliche in sich freilegen soll.“ Das Kindliche ist bei Yello Programm. Immer gewesen.

Und so war es für den Tausendsassa Meier auch "wie Weihnachten", als er sich mit seiner kleinen Hermes-Reiseschreibmaschine für "Toy" wieder ins Zürcher Studio, in Blanks Welt hineinbewegte. Wo dieser jahrelang an 60 bis 70 Stücken parallel gearbeitet hatte, brauchte Meier pro Track wie schon immer nur ein, zwei Tage für seinen Textpart – für die jeweilige Erzählung, durch die ein musikalisches Blank-Klangbild zu Yello-Musikkino wird.

Vielleicht das letzte Album

Allein ist er dann im Studio, das betreffende Stück läuft in Endlosschleife: "Ich darf ein absoluter Dilettant und Idiot sein, der in Sprachen singt, die es gar nicht gibt, der unmögliche Laute von sich gibt", begeistert er sich. Und plötzlich seien da wie durch ein Wunder "eine Figur, dann eine Szene, Handlung, Leben, Zeilen, eine Gesangsmelodie".

Möglicherweise ist dieses 13. Yello-Album auch das letzte. Das Format hat sich für Meier überlebt. "Wir arbeiten ja eh nie an einem Album im klassischen Sinn, sondern Boris lebt in seinen Klangbildern, von denen am Ende ein Teil an eine Ausstellung geht – und diese Ausstellung war bisher die CD." Eingedenk des Alters der beiden Yellos macht es für Meier mehr Sinn, jedes Jahr ein, zwei Songs digital herauszugeben, statt sieben Jahre auf eine komplette Klangausstellung zu warten.

Im Prinzip sei man sich da auch einig, nur bedürfe es bei dieser neuen, unverbindlicheren Praxis der Disziplin des Loslassens. Und die sei definitiv nicht Blanks Ding. "Boris ist so ein bisschen wie der große polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski: Für den war ein Film nie fertig, es gab nur den Moment, wo man ihn dem Regisseur wegnahm."

Zum ersten Mal seit 35 Jahren live

Noch vor zwei Jahren hatte Blank dem Spiegel gleich ein dreifaches "Nein" auf die Frage nach Konzerten geantwortet. Und jetzt gibt es Yello eben doch zum ersten Mal in 38 Jahren live zu sehen. Die vier Termine Ende Oktober im Kraftwerk Berlin waren quasi bei Ankündigung ausverkauft. Blanks Gesinnungsänderung erfolgte, als er seine App "Yellofier", eine Art Taschenstudio, mit dem man per Handy Musikstücke erschaffen kann, vor Publikum präsentierte. "Das hat ihm die Angst vor Auftritten genommen", weiß Meier.

Und ganz anders als bei Pop-Elektronikern erwartet, wird sich den beiden Yellos auch ein Dutzend Musiker zugesellen. "Live soll live sein, jeder Abend wird anders. Wir sind ja das Gegenteil der von mir sehr geschätzten Band Kraftwerk. Diese Jungs wollten wie Roboter sein. Wir dagegen sind Leute, die in einem Urwald immer neue Dinge finden, die sie wild zusammenbasteln – jetzt auch auf der Bühne."

Und wenn sie finden sollten, dass ihr Urwald aus Musik, Licht und Projektion gelungen ist, werden sie ihn durch die Welt transportieren auf einer großen Tournee. 71 ist Meier wie gesagt, seine Tage beginnt er zu klassischer Musik mit 50 Minuten Rudern auf der Rudermaschine. In Argentinien baut er gerade ein Dorf und eine Schule für seine Arbeiter, bewässert Land am Rio Negro, schreibt an einem Roman und singt doch davon, nachlässig mit seiner Zeit umzugehen. Man glaubt ihm das nicht. Hat wohl doch Kreide gefressen, dieser junge alte Wolf. Um uns das Märchen vom Müßiggänger zu erzählen.

Von Matthias Halbig

Poppiger waren sie nie: Yello – Toy

In Zukunft nur noch digital? "Toy" ist möglicherweise das letzte offizielle Yello-Album – und noch in bildschöner Analogversion zu bekommen. Quelle: Polydor / Universal

Die Platte "Toy" (Polydor) ist ein apartes Spielzeug, vielleicht das poppigste, das Yello ihren Fans jemals gebastelt haben. Die Melodielinien der treibenden Stücke "30 000 Days" (Gesang: Meier), "Cold Flame" (Gesang: die Britin Malia) sowie die wavige Ballade "Kiss the Cloud" (Gesang eingespielt von der Chinesin Fifi Rong in einem Pekinger Hotelzimmer) sind nur drei der supereingängigen Lieder, die sich sofort im Kopf verankern.

Auch finden sich Sounds von anderswo: Hier träumt eine Pink-Floyd-artige Gitarre, dort findet sich ein Stück Melodie aus dem Doors-Refrain von "Riders on the Storm", und schließlich ist da das bluesaffine "Starlight Scene", das nicht allzu entfernt an den "Baker Man" der Dänen Laid Back erinnert. Aber es gibt auch kantig-klassische Yelloismen wie "Limbo", die avantgardistische Collage "Magma" und die Scifi-Sirene von "Frautonium".

Dass das Yellow-Spielzeug mit Gelb-Schwarz dieselben Farben hat wie der gleichnamige Stromanbieter, sei Zufall, es gebe nichts zurückzuerobern, man habe sich geeinigt, sei gut abgefunden worden, sagt Meier. "Die dachten damals, sie könnten uns einfach mit ihrer schieren Geldmacht überwalzen. Aber da waren sie natürlich an der falschen Adresse."

Yello: Toy. Polydor, erscheint am 30. September

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