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Medien & TV Udo und Opa? Passt nicht!
Nachrichten Medien & TV Udo und Opa? Passt nicht!
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20:00 29.04.2016
Neue Platte, neue Tour: Mit 70 ist Udo Lindenberg auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ein Gespräch mit Moderator Uwe Bahn. Quelle: Warner Music
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Es ist einige Zeit seit dem letzten Album vergangen. Hört man deinem neuen Werk die Reife an?
Andere sagen ja, ich höre da auch den ganzen Udo: das Spielkind, den Experimentaljongleur von früher und von heute, durch alle Zeiten durch. Meine Seele ist eine Rutschbahn, da kann ich durch alle Phasen meines Seins immer hin und her rutschen. Diese unbändige Freude am Spielen, dieser Abenteuertrieb, der Entdeckertrieb und die Weisheit eines etwas älteren Indianers.

Das Album "Stark wie zwei" war so etwas wie deine große Rettung, Du hast dich aus dem Sumpf gezogen. Was ist es dieses Mal?
Ja, das Album dokumentierte noch das Wiederhochkrabbeln aus so einer Krise, aus dem Alkoholmatsch. Der Held muss ja auch mal runterfliegen vom Pferd, damit er beim Comeback auch richtig einen großen Eindruck macht. Ich war unten, aber nicht nur ein Verzweiflungstrinker, sondern auch ein Such-Trinker, auf der Suche nach Erleuchtung. Ich war viel in den Katakomben der Reeperbahn, in der Ritze unterm Tisch. Da hab' ich mich dann nach vorne getrunken mit der Überlegung: Wie mache ich aus dem Rockstar, der so um die 30, 40 ist, einer mit "Bravo"-Starschnitt und so, wie mache ich daraus den älteren Rock-'n'-Roll-Chansonnier, wenn er so um die sechzig, siebzig ist. Da habe ich viel experimentiert, zum Beispiel Atlantic Affairs, hochinteressante Sachen. Es ist nicht so, wie es manche dargestellt haben, als wäre da nichts Großes entstanden. Aber es fehlte eben dieser Breitensport, der Riesenerfolg. Dann hatte ich in der Zeit natürlich auch eine kleine miese, fiese Midlife-Crisis…

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Wie hat sich die geäußert?
Ach, das war so eine Suche nach einem privaten Glück. Vielleicht ein Frauchen, ein Kindchen, auch mal ein Haus, nicht immer nur im Hotel. Aber dann habe ich schnell germerkt: Das ist dann doch nicht das Richtige für mich. Ich hab' mein Leben in den Dienst des Rock 'n' Roll gestellt. Das heißt, du musst immer auf dem Sprung sein. Immer mit einem kleinen Koffer, bisschen Reizwäsche drin, die schnelle Rasierklinge und die Kreditkarte. Und eine ordentliche Flasche Eierlikör zum Gurgeln für die sanften Songs und Whiskey für die harten Songs. Dieses eher bürgerliche Liebesmodell war für mich dann doch nicht so geeignet. Und dann bin ich wieder weitergezogen, war dann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Dazwischen waren auch ein paar harte Erfahrungen, mit Saufen und mit Tod. Deshalb bin ich auch autorisiert, über so was zu singen. Ich hab' das dann auf die Platte drauf gesungen und "Stark wie zwei" wurde ein Gigantenerfolg, eine große Freude. Ich bin jetzt im Bonusbereich des Lebens.

Früher hast du "unter Pegel" geschrieben, jetzt bist du in einem ganz anderen Modus, fast nüchtern, ist das schwierig?
Nee, ich hab' einen guten Memoryschalter eingebaut, kann mich flashback wieder in solche Situationen zurückversetzen. Das ist wichtig in der Kunst. Ich denke da zum Beispiel an Marlon Brando, der hatte auch seinen Memoryschalter, konnte die harten Zeiten rekreieren vor der Kamera und in den Songs. Ich kann heute gezielt saufen – das mache ich ja auch – aber ich kann das jetzt kontrollieren. Vorher konnte ich das nicht. Breit geschrieben, nüchtern gegengelesen – das ist nach wie vor ein bewährtes Prinzip bei mir.

Welche Themen sind es beim neuen Album? Beim Popstar-Song "Einer muss den Job ja machen" nimmst du dich selbst hoch, oder?
Ja, ist natürlich auch mit einem Augenzwinkern, wenn ich da als Flugente durch die Stadien zische von der gegenüberliegenden Seite der Bühne, das sind ja 500 Meter. Ein großer Abenteuerspielplatz. Das hätte ich auch als Kleinkind gerne gemacht. Oh ja, ich möchte fliegen auf dem Dom. Nur dafür hätte ich bezahlen müssen und hier bekomm' ich was raus. Man muss auch ein bisschen crazy sein, um sich solchen Nerventests auszusetzen. Da hast du auch mal 'nen einsamen Moment in 80 Metern Höhe, wenn ich da in meiner Raumkapsel hänge. Und alle warten da unten auf das Kerlchen mit dem Hut, das sie antörnt. Manchmal 100 000 Leute an einem Wochenende. Aber einer muss den Job ja machen.

Was hättest du als Zwanzigjähriger gedacht, wenn man dir gesagt hätte, dass du mit 70 Jahren durch ein Stadion fliegen wirst?
Ich hätte gedacht, das muss ich geträumt haben. Ein toller Traum, aber im echten Leben wird es so was wohl nicht geben. Ich hab' ja angestrebt, weltberühmter Trommler zu werden, war zwölf Jahre Berufsschlagzeuger. Aber dass ich dann als Siebzigjähriger meine größten Erfolge haben würde in der größten Rockrevue der Welt – denn das ist sie wirklich. Es gibt keine breitere, dickere LED-Wand als bei uns. 1000 Quadratmeter! Und wir haben noch mehr Boxen als AC/DC. Dass ich das alles erlebe, ist ein absoluter Flash.

Denkst du manchmal auf der Bühne: Jetzt wär's geil, wenn ich auch noch englisch singe?
Nein, ich kann mittlerweile auch besser amerikanisch, weil ich auch viel im Amiland bin. Also viel besser als früher englisch. Aber ich will auch nicht ausschließen, dass ich dann mit 80 zu einer Weltkarriere ansetze. Aber noch ist mir die deutschsprachige Landschaft wichtig, dass hier das Niveau hochgehalten wird. Und einer muss den Job ja machen.

Was ist dein musikalischer Jungbrunnen? Du hast dich ja immer wieder neu erfunden …
Der liegt in mir selber, in meinem Abenteurernaturell. Dieses Offen- und Flexibel sein für Begegnungen auch mit ganz vielen jungen Musikern, zum Beispiel jetzt mit Johannes Oerding, der bei den Proben war. Aber auch ein älterer wie Klaus Doldinger, der wird jetzt 80, kommt uns auf der Bühne besuchen. Die Bühne ist ja eine Riesenbar, der heißeste Treffpunkt in der deutschen Rock-, Rapper- und Popszene. Das ist eine Session, jeder rappt mal einen, von Max Herre bis Adel Tawil und wie sie alle heißen. Die Bühne ist Stätte der Begegnung und Bar für flexible Maßnahmen. 

Darauf einen Eierlikör: Uwe Bahn im Gespräch mit Udo Lindenberg. Quelle: Archiv

Wenn du an deine Heimatstadt Gronau, an die Jugend zurückdenkst, wie hast du Leute wahrgenommen, die dein heutiges Alter hatten?
Das waren ja total Gruftis. Die waren eigentlich schon ziemlich beendet, die lebten in ihrem ewigen Gestern, über das sie ja nie gesprochen haben. Sie waren in dem Verbrecherkrieg der Nazis, waren schwer traumatisiert. Sie haben geschwiegen, haben es verdrängt, sie haben Betäubungstrinken gemacht. Sie waren erloschen, wie erloschene Planeten. Aus ihnen hätte ja auch was werden können.

Bist du als Siebzigjähriger ein Einzelfall – und ist das Rock 'n' Roll?
Man ist halt eben ein bisschen länger jung geblieben, der Rock 'n' Roll ist dafür ein sehr guter Pusher: Rebellion stets im Aufbruch, Neugierde, Scheiße bauen, Streiche spielen und natürlich Exzesse. Auch die vielen jungen Fans sind für mich ein Antörner. Ich habe in der Lotterie des Lebens anscheinend das Zeitlos gezogen. Frühes Sterben – großer Ruhm, das haben ja viele so gemacht. Ich habe das andere Modell bevorzugt. Jetzt abzukratzen wäre kein Gag mehr. Mit 50 auch nicht, und jetzt mache ich gerade den Club der Hundertjährigen auf. Deshalb hab ich ja auch auf dem Album den Song "Wenn die Nachtigall verstummt, geht ganz Deutschland schwer vermummt".

Und du treibst Sport ...
Ja, joggen, fünfzig Liegestütze, Rolle rückwärts und so eine Scheiße.

Dein Bruder ist in deinem Alter gestorben, geht dir das häufig durch den Kopf?
Ja, das ist mir ständig gegenwärtig. Es ist auch irgendwie so, als hätte ich da einen Auftrag übernommen. Ich bin jetzt der einzige aus dem Lindenberg-Clan, aus der Blutsverwandschaft, der den Job in seinem Auftrag weiterpowert. Im Auftrag meines Bruders, meines Vaters Gustav, meiner Mutter Hermine, meiner ganzen Familie, von der ja nur noch Inge als meine vertraute, sehr, sehr liebe Schwester sehr gut am Start ist. Der Tod war mir aber immer gegenwärtig. Gerade jetzt, wo einige Rock 'n' Roller viel zu früh sterben, aber sie sind vor und nicht von uns gegangen. Ich glaube auch, dass es danach noch weitergeht. Die sind da oben, kriegen alles mit. Umso bewusster leben wir auch jeden Tag, feiern jede Nacht so, als wenn es die letzte wäre. Ein Stück aus meinem neuen Song "Eldorado".

Wärst du gerne Großvater?
Nee, bin ich auch nicht. Und wenn jetzt irgendwelche Frischlinge zu mir kämen aus irgendwelchen Verwandtschaftszweigen und sagen "Hey Opa", dann würde ich sagen: "Alter, leck' dich selber!" Ich bin vielleicht so was wie ein großer Bruder oder ein schräger Kumpel. Aber Udo und Opa, das passt ja irgendwie nicht.

Du stichst jetzt zum vierten Mal mit dem Rockliner und 3000 Fans in See. Woher kommt deine große Liebe zur Seefahrt?
Seefahrt ist Fernweh, es war früher mein Berufswunsch, als Schiffssteward die ganze Welt zu bereisen. Als Weltenentdecker wie James Cook und Vasco da Gama andere Kulturen kennenlernen und am Amazonas rumschleichen. Es ist Abenteuer, und es ist auch riskant. Man kann auch kentern mit dem Kahn, in den Armen einer schönen Nixe. Riskantes, gefährliches und geiles Leben.

Wie viel Inspiration ist in den Wellen?
Sehr viel in der bewegten See, über uns nur der Himmel und dahinten der Horizont, dieses grenzenlos weite Denken, das kann ich dort sehr gut. Viele, viele Texte habe ich an Bord geschrieben. Nicht nur in der Suite, eher an der Bar. Ich bin sowieso ein Straßentexter, rede mit den Leuten. Ich lege Wert darauf, dass jeder meine Texte verstehen kann.

Der vierte Rockliner fährt nicht im Norden, sondern zum ersten Mal durchs Mittelmeer …
Da denkt man natürlich jetzt auch an die ganzen Katastrophen, an die Flüchtlingsboote. Das ist echt eine Schande, dass es da keine europäische Solidarität gibt. Solche Gedanken verbinde ich momentan auch mit dem Mittelmeer. Aber wir fahren in einer Gegend, da sind keine Boote. Deshalb werden wir auch immer politische Songs machen und uns um Menschenrechte kümmern.

Interview: Uwe Bahn

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