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Medien & TV Ist Nettsein der Tod des Rock 'n' Roll?
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20:01 07.10.2016
Entspannt wie eh und je: Die Sportfreunde Stiller bringen mit "Sturm & Stille" ihr siebtes Album heraus. Quelle: Nina Stiller
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Rechts Peter, links Rüde, vorn eine schlanke Flasche Staatlich Fachingen mit Kohlensäure – und draußen brodelt Kreuzberg. Ein Café mit Dämmerlicht und morschem Stuck, durch die Wände kriegt man das nervöse Hauptstadgurren nur als abgedimmte Variante mit. Rüde und Peter reden jetzt vom Sprung ins kalte Wasser, 13 Jahre ist das her, als sie mit ihrer Band Sportfreunde Stiller für das Video zu "Wellenreiten" noch aufs Ganze gingen. Beziehungsweise aufs Zehnmeterbrett, wo Peter oben stand, Rüde auf sieben Meter fünfzig und Flo, der Flugangst hat, auf fünf.

Peter sagt: "Wahrscheinlich musste ich aufs höchste Brett, weil ich als Sänger wieder mal den Mund weit aufgerissen hatte." Er spricht dann im Detail von seinen blauen, grünen, bunten Flecken, die ihm nach der Landung die Oberschenkel färbten. Am Beckenrand saßen Freundinnen von Rüde, dem Bassisten, sie trugen ein Lächeln und schwarze Bikinis. Peter dachte damals, die blauen Flecken seien jetzt nicht die beste Eigenwerbung. Wilde Geschichte, Sommer 2003.

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Kreuzberg, Ort wie ein Aquarellbild, das verläuft, Konturen sind hier trügerisch. Kreuzberg, natürliches Habitat der Band, die eigentlich aus München kommt, sich auf einen zugewandten Ton verlässt und sich dafür nicht schämt. Ist Nettsein der Tod des Rock 'n' Roll? "Wir haben Respekt voreinander, das tut Musik und Stimmung gut", sagt Rüde, leicht gebräunt, Skilehrerlachen, kein Wunder, dass das damals seine Freundinnen am Beckenrand gewesen sind.

Nicht zu provozieren

Weil die Band die Egos gut im Griff hat, kommt keine Diskussion über die Hierarchien auf, nur weil man in verschiedenen Höhen auf dem Sprungbrett stand. Die Sportfreunde sind nicht zu provozieren. Nirgendwo ein Hebel für die grelle Überschrift.

Sie wundern sich, warum an diesem Tag bisher vor allem Journalisten von der Regenbogenpresse kamen. Zeugnis ablegen von Frauen, Geld und Ruhm? "Wir hätten schon was zu erzählen, tun wir aber nicht." Peter lächelt. Mit seinem Lächeln kann man Bio-Obst bewerben. Vor dem Café, ein guter Sprung über die Straße, liegt der Park mit Dealern. Zehn Meter zwischen der Band und den Drogen. Doch mental sind das Welten.

Die Sportfreunde, 1996 gegründet, haben eine neue Platte, ihre siebte. Wie begegnet man der Nachricht? Sagt man: Die fand ich schon vor 15 Jahren gut? Oder: Ach, die gibt es immer noch? Vielleicht auch: Sind die noch mit Mehmet Scholl befreundet? "Klar sind wir noch mit Mehmet befreundet, wir warten darauf, dass er endlich sein Praktikum bei uns antritt", sagt Peter. Scholl sprach davon, nach der Fußballkarriere bei den "Sportis" in die Lehre zu gehen. Doch dann kam dem ehemaligen Fußballprofi die Karriere als ARD-Fernsehexperte dazwischen.

Unkomplizierte Menschenfreunde: Sportfreunde Stiller-Sänger Peter Brugger am 11.10.2015 in München auf dem kostenlosen "Danke-Konzert" für freiwillige Flüchtlingshelfer. Quelle: dpa

Was muss er können für sein Praktikum? Peter stellt Bedingungen: "Eigentlich ist er noch nicht reif dafür – er muss sich mit einem kleinen Bett in einem stinkenden Tourbus begnügen, zwischen Männern, die qualmen und trinken." Er lacht, die Aufzählung rutscht leicht ins Bayerische. Langsam geht die Temperatur der Unterhaltung hoch in Richtung Rock 'n' Roll.

Scholl hat sich über die Jahre gewandelt. Früher war er "Bravo"-Boy, auf einem Poster zog er seine Boxershorts bis knapp unter die Lende, es war der Augenblick, in dem die Leserinnen merkten, es gibt ein Leben fern vom Ponyhof. Scholl ist heute ein Asket, kahl, sehnig, schwarze Hemden, und wenn er irgendwo noch Haut zeigt, dann denkbar nur in Heften wie "Philosophie-Magazin" oder "11 Freunde", wo sie von Camus oder im Akademikerton über die Dreierkette reden.

Die Sportfreunde Peter Brugger (Gesang und Gitarre), Rüdiger "Rüde" Linhof (Bass) und Florian "Flo" Weber (Schlagzeug) aber sind die Alten geblieben. Behalten ihren Ton. Und ihre gute Laune. Machen Musik, die sich auf leicht zu begleitende Weise mit den Grundrhythmen des Rock 'n' Roll versöhnt. Im Zweifel stehen ihre Lieder links, sie holen jeden ins Boot, der Fußball mag und "Nazis raus" auf seiner Jacke trägt. Oder im Herzen.

Zynismus passt nicht zu den Sportfreunden

Ihr Werk, auch das neue, ist durchzogen von einer unverblümten, klar gestrickten Menschenfreundlichkeit, die man "anthroposophisch" nennen könnte oder auch "unkompliziert". Scharfer Witz oder Zynismus passen nicht zur Weltsicht dieser Männer. Auch Udo Jürgens haben sie mit offenen Armen empfangen. Keine Selbstverständlichkeit für eine Band, die sich das Label "Indie" in die Gründungsakte schrieb.

"Indie", Kürzel für "Independent" (unabhängig), ist das Stichwort für die Geisteshaltung, nicht dem Geld zu folgen, sondern den Gefühlen und dem Zweifel. Sich in blasse, kluge Mädchen zu verlieben, nicht in die Girls mit pinken Fingernägeln. Nun war Udo Jürgens kein Girl mit pinken Fingernägeln, aber jemand, auf den sich der Mainstream einigen konnte. Fans von Indie-Bands mögen diese Typen nicht.

Trotzdem haben die Sportfreunde mit ihm "Ich war noch niemals in New York" für ihr MTV-Unplugged-Album aufgenommen. Peter stellt klar: "Unsere Anhänger hat diese Zusammenarbeit nicht irritiert. Man darf seinen Kurs nicht nach Menschen ausrichten, die nur nörgeln, sonst glaubt man sich irgendwann selbst nicht mehr."

Die "Sportis" haben eine Unverkrampftheit in die deutsche Rockmusik getragen, die sich heute an den Charts ablesen lässt, wo manchmal zehn deutschsprachige Interpreten in den Top Ten stehen, die letzthin lange von Sarah Connor angeführt wurden. Peter und Rüde bewundern sie für ihre Musik, Rüde sagt, er finde es toll, dass Connor zu Hause Flüchtlinge aufgenommen hat.

Die Sportfreunde sind Wegbereiter, sie waren lässig, als es galt, cool zu sein. Sie waren lebensklug, als man intellektuell sein sollte. Sie sind der Gegenpol zu Tocotronic, die nach den Jahren der Unverstelltheit nun Rockmusik mit Fußnoten schreiben.

Die Sportfreunde kommen aus München, Tocotronic aus Hamburg – wenn man einem Fremden die mentalen Magnetfelder von Nord und Süd im Land erklären wollte, braucht man nur auf diese Bands zu schauen. Peter mag die Band trotzdem: "Immer, wenn ich ein Lied von ihnen höre, macht das was mit mir. Die Art der Harmonien und der Ton sprechen mich an, auch wenn ich nicht so genau auf die Texte achte."

Mehr Zeit für Inspiration

Die Sportfreunde Stiller lassen sich mehr Zeit mit ihren Alben als früher. "La Bum" erschien 2007, "New York, Rio, Rosenheim" 2013, nun erscheint "Sturm & Stille". Sie sagen, sie wollen mehr Privatleben, um Ideen zu sammeln, aus denen sich gute Songs speisen. Bis Herbst 2014 waren sie auf Tour, im Frühjahr 2015 haben sie sich in den Bergen getroffen, im Salzburger Land, um Ideen zu sammeln.

Rüde erinnert sich: "Vor den Proben zur Tour lief unser Lied 'Applaus, Applaus' im Radio, na ja, dachte ich, eigentlich kann ich es nicht mehr hören. Doch als wir es zusammen spielten, spürte ich: Wahnsinn, was hat das für eine Kraft! Es hat mich glücklich gemacht, mit den Jungs auf der Bühne zu stehen."

Peter nickt. "Ein Leben neben der Musik ist wichtig. Aber es wäre auch toll, mit 67 noch zu rufen" – und schnell verstellt er seine Stimme zu einem matten Krächzen – :"'Seid ihr alle da? Geht's euch gut?' Und dann ein Tod auf der Bühne. Mehr Rock 'n' Roll geht nicht." Die Augen leuchten. Und dann nimmt er noch einen Schluck Staatlich Fachingen.

Von Lars Grote

Sportfreunde Stiller: "Sturm & Stille"

Sie "dekorieren Raum und Zeit", feiern den ersten Schnee im Jahr und "gehen mit dem Fluss": Beim Hören des neuen Sporti-Albums muss man unwillkürlich an die gerade so angesagten Achtsamkeitsmagazine denken. Jeweils werden die unbeschwerten Momente des Daseins propagiert. Selbst das "Geh nach draußen"-Mantra findet sich verfremdet bei den Sportfreunden: "Raus, raus in den Rausch". Die Grautöne des Lebens kommen immerhin in "Zwischen den Welten" zur Sprache.

Die Stimme des Sängers Peter Brugger ist immer noch näher am Fangrölen als am Operngesang, aber für wen sollte das im positiven Sinne charakteristisch sein, wenn nicht für eine Band mit dem Namen Sportfreunde Stiller? Der Titelsong ist eine Neuinterpretation des Versprechens "In guten wie in schlechten Tagen". Dieses Liebeslied ist längst nicht so eindringlich wie der Reißer "Ein Kompliment" (2002). Da kann der Song "Das Geschenk" mit einer Mischung aus Geigenklängen und Elektro-Basedrums sowie schönen Sätzen ("Du trittst auf den Plan, den es nicht gibt") eher mithalten.

Die Reime sind manchmal steif ("Du bist oft sorgenvoll, Ich find den Morgen toll"), aber Songs wie "Lumpi" wunderbar tanzbar. Das Sporti-Lebensgefühl in einer Liedzeile: "Das Leben ist nicht nur ein Fest, sondern ein Festival."

Von Nina May

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