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19:59 28.10.2016
Ian McEwan erzählt in seinem neuen Roman "Nussschale" von einem ungeborenen Kind, das die Ermordung des Vaters verhindern will. Die Menschen gebärden sich infantil, und das Ungeborene muss als Kommentator herhalten. Quelle: iStock
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Eine Frau zwischen zwei Männern – EIN alter Hut. Mordgelüste aus Habgier – ein Krimi-Klischee. Schwanger vom Ex – Bridget Jones lässt grüßen. Obwohl all diese Elemente zu Ian McEwans neuem Roman "Nussschale" gehören, hat der britische Meisterautor einen ungewöhnlichen Roman aus einer sonderbaren Perspektive geschrieben. Erzählt wird die Geschichte nämlich von dem ungeborenen Kind von Trudy und John Cairncross, die inzwischen kein Paar mehr sind.

Trudy lebt mit Liebhaber Claude in der wertvollen Familienvilla des Expartners. Das Duo plant, John aus dem Weg zu räumen, um das Haus verkaufen zu können. Das Baby ist davon gar nicht begeistert – vor allem, weil es selbst nicht in den Zukunftsplänen der Mordlustigen vorkommt.

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Das Haus, ein weiterer wichtiger Protagonist in diesem Kammerspiel, ist von Verfall gezeichnet wie die Beziehungen zwischen den Menschen, die darin wohnen. Holzfäule wuchert, Fliesen fehlen, leere Flaschen und schimmlige Lebensmittelreste machen sich auf dem Flurboden breit.

Wunderbar skurril

Ein Baby als Erzähler: Das hätte leicht peinlich werden können. Nicht jedoch bei McEwan. Es ist wunderbar skurril, wie das Kind, das sein eigenes Geschlecht nicht kennt, zwischen der fast obszönen Liebe zur Mutter und der Abscheu gegenüber ihren Machenschaften hin- und herwechselt. ("Wie erniedrigend, jede Gefühlsregung meiner Mutter aus zweiter Hand erleben zu müssen und dadurch noch enger an sie und ihr Verbrechen gebunden zu werden.")

Es ist eine merkwürdig altkluge Erzählhaltung, die dieses kleine Geschwisterlein von Oskar Matzerath aus der Blechtrommel einnimmt. Unheimlich wirkt das, und beinahe dämonisch.
Da fordert es die Mutter auf, sich auch noch das dritte Glas Wein zu gönnen, weil es den Rausch so genießt ("Meine Gedanken sprudeln in gedrechselten Blankversen, mal im strengen Zeichenstil, mal mit Enjambements, immer hübsch abwechslungsreich. Nie aber gönnt sich meine Muter ein drittes Glas, und das kränkt mich.")

Oder es lauscht fremdschämend den Gedichten, mit denen John seine Trudy zurückzugewinnen hofft. Er ist nämlich Poet und Inhaber eines bettelarmen Verlages, der nichts davon hat, die Debüts einiger künftiger Starautoren herausgebracht zu haben.

Ian McEwan, der Philosoph der britischen Literatur, hat mit "Nussschale" mehr als einen Krimi geschrieben. Quelle: Annalena McAfee

Immer mehr Informationen sammelt der Erzähler mit der beschränkten Sicht im Bauch seiner Mutter. So ist die erst spät enthüllte Identität von Trudys Liebhaber eine Überraschung. Auch bleibt es spannend, ob es tatsächlich zum Mord kommt.

McEwan, der Philosoph der britischen Literatur, hat aber viel mehr als einen Krimi geschrieben. "In a nutshell" (in einer Nussschale) sagt man im Englischen, wenn sich die ganze Welt im Kleinen manifestiert. Für den Erzähler stellt sich diese Welt in den Podcasts dar, die seine Mutter in der Nacht hört, wenn sie nicht schlafen kann. Notfalls hilft das Baby mit Tritten nach.

Dann hört es von Europas existenzieller Krise, von Flüchtlingsströmen, von der Bedrohung durch den "Islamischen Staat", von skrupellosen Banken, von "selbstverliebten Nationalismen". Durch die Nabelschnur saugt dieses werdende Wesen all die Ängste auf, die den Überbau zu dem privaten Familiendrama bilden.

Inspiration aus der Beschränkung

Die Menschen gebärden sich infantil, und das Ungeborene, das das Kindsein noch vor sich hat, muss als Kommentator herhalten, obwohl es doch noch nichts von der Welt gesehen hat. Es ist eine kühne Versuchsanordnung, die der 68-jährige McEwan hier entwirft.

Ironischerweise greift er im Text den Romantitel noch auf eine ganz andere Weise auf: Es ist von einer Dichterin mit dem melodiösen Namen Elodie die Rede, die der Vater entdeckt hat und auf die Trudy eifersüchtig ist. Ihr einziges Thema: Gedichte über Eulen.

Der Erzähler fabuliert auf dieser Grundlage über die Inspiration aus der Beschränkung. "In einer Nussschale eingesperrt sein, und in zwei Zoll Elfenbein, in einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn in einer Vielzahl möglicher und tatsächlicher Universen ist." Und er schließt trocken: "Warum also nicht über Eulen dichten?"

"Die Brütenden können einen umbringen"

Diese Huldigung des "begrenzten Raums" ist wiederum eine Anspielung auf die eigene beschränkte Platzkapazität im Mutterbauch, die also nach McEwans Logik erst die Inspiration liefert, um das große Ganze zu begreifen.

Wunderbar spinnert und absurd ist das, ebenso wie der Dialog zwischen den beiden rivalisierenden Frauen. Trudy: "Diese Eulen. Geht es wirklich um echte Eulen? Oder stehen die für was anderes?" "O nein", erwidert Elodie hastig. "Es geht um reale Tiere. Aber der Leser, wissen Sie, der befrachtet sie mit Symbolen, mit Assoziationen. Das kann ich gar nicht verhindern. So funktioniert eben Lyrik." Trudy: "Essbar sind sie anscheinend nicht." Elodie: "Die brütende Eule ist sogar giftig." Trudy: "Ja, die Brütenden können einen umbringen."

Die Bücher des Autors erscheinen in der deutschen Übersetzung im Diogenes Verlag. Das passt doppelt: Weil McEwan ein moderner Denker in der Tradition von Diogenes ist. Und weil seine kompakten Geschichten in dem schönen Format der eleganten Bändchen besonders gut zur Geltung kommen.

Ian McEwan: "Nussschale". Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes. 288 Seiten, 22 Euro

Von Nina May

Ian McEwan: Große und private Fragen

Der 1948 im britischen Aldershot in der Grafschaft Hampshire geborene Ian McEwan ist der Sohn eines Berufssoldaten. Die Queen ernannte ihn 2000 zum Commander of the Order of the British Empire. Seine Romane verhandeln die Essenzen menschlichen Miteinanders in spannungsgeladenen Geschichten.

Der mit Keira Knightley verfilmte Roman "Abbitte" (2001) erzählt davon, wie eine 13-Jährige das Leben ihrer großen Schwester zerstört, weil sie sich einbildet, deren Liebhaber als den Vergewaltiger ihrer Cousine zu identifizieren. Als Schriftstellerin und Erzählerin der Romangeschichte will sie Abbitte leisten.

Um Schuld und Sühne geht es hier, "Solar" (2010) verknüpft die Themen Klimawandel und Ehekrise. Auch in "Kindeswohl" (2015) verknüpft Ian McEwan eine grundsätzliche Frage (Sollte man einen minderjährigen Zeugen Jehova zu einer Bluttransfusion zwingen?) mit einer privaten (Was tun, wenn der Mann eine Affäre will?).

Auch die Familiengeschichte des Autors ist von einem romanreifen Geheimnis geprägt: 2002 erfuhr McEwan, dass er einen leiblichen Bruder hat. Er stammt aus einer Affäre seiner Mutter, die das außereheliche Kind während des Zweiten Weltkrieges weggab. Nachdem ihr Ehemann gefallen war, heiratete die Mutter ihren vorherigen Liebhaber. Erst nach ihrem Tod enthüllte die Schwester von McEwans Mutter die Geschichte.

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