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Medien & TV "Kunst blinzelt aus ihrem Koma"
Nachrichten Medien & TV "Kunst blinzelt aus ihrem Koma"
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19:59 14.10.2016
Die Baselitz-Schülerin und Aktivistin Joulia Strauss auf der Stournaristrasse in Athen, einem Brennpunkt zwischen Polizisten und Anarchisten. Ein Gespräch über Kunst, Kommerz und Kapitalismus. Quelle: Marievi Mastoraki
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Sie haben sich lange Zeit mit Techno, Medientheorie und komplexen 3-D-Grafiken beschäftigt. Jetzt zählen Sie zu den herausragenden Kunstaktivistinnen. Was ist passiert?
Mit mir ist nichts passiert. Eine neue Bezeichnung für ganz bestimmte künstlerische Aktivitäten im Zusammenhang mit den Protestbewegungen um 2011 ist aufgekommen, eine neue Kategorie sogenannter Aktivisten. Aber ich frage mich, warum wir so genannt werden und von wem? Wir werden von bestimmten passiven Personen als Aktivisten bezeichnet, die für diese Welt, die sich in einem sehr kritischen Zustand befindet, überhaupt nichts tun wollen.

Gab es einen konkreten Auslöser für Ihre stärkere Politisierung?
Im Zusammenhang mit der siebten Berlin Biennale von 2012, dieser berühmten Occupy-Berlin-Biennale, haben sich Künstler, Kuratoren und Kunsthistoriker aus verschiedenen Ländern zusammengefunden. Es war, als ob wir schon immer telepathisch verbunden gewesen wären. Uns geht es um Übernahme der Verantwortung für die Herstellung des Kontexts für künstlerische Aussagen und Werke, Abkopplung des Kunstwerks vom Monopol der vom Markt gesteuerten Museen und vom Kunsthandel, freie Zugänglichkeit zu den Orten der Kunst, Horizontalisierung und Deelitisierung der bestehenden Kunstinstitutionen.

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Gelingt das in Athen, wo Institutionen und Märkte derzeit ohnedies schwach sind, eher als in Berlin? Oder warum haben Sie sonst Berlin in Richtung Athen verlassen?
Ich war 2009 von der Biennale in Athen eingeladen, auf der Lyra zu spielen. Ich habe das altgriechische Musikinstrument gemeinsam mit Berliner Musikwissenschaftlern nachgebaut. Bereits bei meinem ersten Athen-Aufenthalt hat mich fasziniert, wie dort die prekäre Misslage thematisiert wird, die aus Zuständen der Nicht-Politik resultiert. In Athen hat der Kapitalismus keine Lobby.

Sie haben in Athen eine autonome Akademie gegründet – ohne nennenswerte Finanzierung. Wie funktioniert das?
Das Wort "Akademie" kommt von "Akadimia", es ist ein Eigenname eines ganz bestimmten Gartens. Dort soll Plato gelehrt haben, deshalb heißt der Garten heute Akadimia Platonos. Die Avtonomi Akadimia findet genau an diesem wunderbaren öffentlichen Ort statt. Akademien sind in der Regel gerade nicht autonom, sondern der Inbegriff für ein biopolitisches Erziehungssystem, das Menschen zum Funktionieren bringt zugunsten einer Anreicherung zum Beispiel des Kapitals. Aber das Wissen erträgt diese Modi nicht. Deswegen flieht es nach Athen in die Akadimia Platonos, wo wir unsere Solidarität zueinander zum Ausdruck bringen.

Was steht auf dem Lehrplan?
Es geht um die Liebe und darum, die abendländische Kultur zu überdenken und die von den Medien beförderte polemische Struktur aufzubrechen, die beispielsweise Griechen als faul und Deutsche als materialistisch einstuft.

Liebe, Lehre und Kapitalismuskritik: Die Autonome Akademie bei der Berlin-Biennale 2016. Quelle: Marievi Mastoraki

Sie haben an der Akademie der Künste Berlin bei Georg Baselitz studiert, Deutschlands herausragendstem Marktkünstler. Wie weit haben Sie sich von den eigenen akademischen Ursprüngen entfernt?
Ich habe mich um 180 Grad davon entfernt (lacht). Ich glaube, dass mein ehemaliger Professor das beste Beispiel dafür ist, was die Kunst nicht ist und nicht sein wird. Das pädagogische Element der Kunst ist eine schwergewichtige Alternative zu dem kommerziellen Regime der Kunst. Ich glaube, das Nächste, was nach dem Aktivismus kommt, wird Kunst als Bildungsprojekt sein.

Ihre Akademie ist neben anderen selbst organisierten Initiativen wie der Gruppe Campus Novel oder dem Depression Era Collective Teil der laufenden Athen Biennale. Leidet die Autonomie nicht dadurch, dass die Biennale sich zum Teil Geld von Oligarchen verdankt?
Die lokalen künstlerischen und sozialen Bewegungen beteiligen sich an dem Experiment eines "sozialen Cern" ohne Honorar, aber es stimmt, dass Aktivisten von außerhalb eingeflogen werden. Ich verteufle Kollegen und Mitstreiter aber nicht, wenn sie von einem Oligarchen einen Flug bezahlt bekommen. Die Frage ist, ob sie imstande sind, diese Situation zu entlarven und zu überschreiten. Die Avtonomi Akadimia aber akzeptiert solche Finanzierungen nicht.

Wie finden Sie es, dass die documenta von Athen "lernen" möchte und 2017 auch dort eröffnet?
Ich befürworte diese Geste mit allem mir zur Verfügung stehenden Nachdruck. Was daraus wird, kann man jetzt freilich noch nicht sagen. Wir sind im Prozess. Eigentlich läuft es schon seit einem Jahr, und eigentlich kennen sich auch alle. Aber die documenta und der Rest verhalten sich wie Klassengesellschaften. Die Trennungen sind systemisch, und sie gilt es zu durchbrechen, wo es überhaupt nur geht.

Welche Erwartungen knüpfen Ihre Athener Freunde an die documenta?
In der Athener Künstlerszene überwiegen negative Reaktionen. Die documenta wurden ziemlich xenophobisch aufgenommen, würde ich behaupten. In Athen gibt es nicht viele Gründe für besonderen Enthusiasmus, nachdem es mit den Olympischen Spielen bereits negative Erfahrungen gab. Alle benutzen Athen als Hintergrund, so wie viele Kunstausstellungen Problemsituationen für sich als Hintergrund nehmen, weil ein gewisses Mindestadrenalin erforderlich ist, aber die Kunst, die sie zeigen, alleine nicht interessant genug ist.

Der Kunsttheoretiker Boris Groys betrachtet den neuen "Art Activism" als durchaus fragwürdigen Versuch der Kunst, in Bereiche einzurücken, aus denen sich der Staat zurückzieht. Wie denken Sie?
Es stimmt: Kunst kompensiert, vor allem aber protestiert, dokumentiert, hackt, offenbart, transformiert und erfindet sie. Die aktivistischen Bewegungen arbeiten nicht für den Staat, sondern für die Gesellschaft. Die Kunst blinzelt erst jetzt aus ihrem politischen Koma. Sie muss für Boris Groys wie eine neue Bakterie aussehen, die Plastikflaschen im Meer aufisst.

Interview von Johanna Di Blasi

Zur documenta 2017 in Athen und Kassel

Die kommende documenta steht unter dem Motto "Von Athen lernen". Zum ersten Mal in ihrer 60-jährigen Geschichte eröffnet sie außerhalb Deutschlands, und zwar am 8. April 2017 in Athen. Am 10. Juni folgt die Eröffnung in Kassel, wo die documenta am 17. September endet. Leiter der 14. documenta ist der polnische Kurator Adam Szymczyk. Erste Künstlernamen: Der polnische Künstler Artur Żmijewski, der 2012 die legendäre "Occupy Biennale" leitete, soll eine Arbeit zu Athen beisteuern.

Unter den griechischen documenta-Teilnehmern sind der Medienkünstler Angelo Plessas sowie der Kunst und Architektur verbindende Andreas Angelidakis. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier kommentierte während einer Griechenlandreise: "Ich freue mich, dass Adam Szymczyk die documenta eine künstlerische Brücke zwischen Griechenland und Deutschland schlagen lässt. Das kulturelle gegenseitige Lernen voneinander ist das Fundament auch für politische Verständigung."

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14.10.2016
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