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20:00 06.05.2016
Von Mathias Begalke
Zurück aus der therapeutischen Pause: Die Silbermond-Mitglieder haben sich ein Jahr lang nur unterhalten, anstatt Songs zu schreiben. Quelle: Hoffmann

Wie in einer verblassenden Beziehung soll es gewesen sein. Stefanie Kloß, Andreas Nowak, Thomas und Johannes Stolle hatten mit ihrer Band Silbermond vier Alben aufgenommen, die sich zusammen fünf Millionen Mal verkauften. Die aus Bautzen stammenden Musiker waren erfolgreich. Alles schien zu passen, perfekt zu laufen.

Aber, und so ergeht es manchmal auch Paaren, die Leichtigkeit war weg, irgendwann verloren gegangen in den zehn Jahren nach ihrem ersten großen Hit "Symphonie", ein Song über das Ende von Liebe, über das Entfremden. Erlebte die Band nun ihre eigene Symphonie?

Ihr sei alles nur noch anstrengend vorgekommen, erzählt Kloß beim Telefoninterview, als sei Silbermond zu einer Maschine geworden, zu einem unerbittlichen Karussell, das zwar zuverlässig funktioniert, sich aber in einem immer gleichen, ziemlich hohen Tempo in die immer gleiche Richtung dreht – und nie anhält.

Gefangen in der Routine

Routine und Gewohnheit, die Hast von Album zu Album, aber auch der Erfolgsdruck und die Angst, nicht zu genügen, nennt sie als Gründe für ihr Unglücklichsein. Die vier Freunde hatten es einfach versäumt, auch mal innezuhalten. "Wir haben das irgendwie verpasst", sagt Schlagzeuger Andreas Nowak, mit dem Kloß das Interview gemeinsam gibt.

Die Band war "ausgepowert", wie die Sängerin es formuliert. Ihr Silbermond-Stress ließ die 31-Jährige manchmal noch nicht einmal dazu kommen, abends ihre Mutter anzurufen, um zu fragen, wie es ihr geht. Obwohl ihr dies eigentlich wichtig ist, fand sie keine Zeit. Vieles fühlte sich falsch an.

Doch Silbermond sollte nicht verblassen. Die Band legte deshalb 2014 eine Art therapeutische Pause ein, brachte zuvor aber noch eine Retrospektive heraus. Die Musiker gaben der Hitzusammenstellung den bezeichnenden Namen "Alles auf Anfang", als sehnten sie die Unkompliziertheit des Jahres 2004 zurück, als es ihnen nach ihrem Umzug von Bautzen in die Kreativmetropole Berlin nichts ausmachte, zu viert in einer Einzimmerwohnung zu leben. Der Titel der Best-of schien ihre tiefe Sehnsucht nach einem Neustart auszudrücken.

Emotionalen Ballast abgeworfen

Eine mögliche Trennung verhinderten sie, indem sie ein gutes Jahr lang miteinander sprachen anstatt zu proben. Manchmal saßen sie sechs Stunden am Stück zusammen, aßen Pizza, tranken Wein und erzählten einander, was ihnen nicht behagt und wonach sie sich sehnen. "Wir hatten zwei Möglichkeiten", erinnert sich die Sängerin, "entweder wir hören mit der Band auf, oder wir reden miteinander über Dinge, die vielleicht weh tun, und verändern etwas, damit wir weitermachen können."

Nicht einen Song schrieben sie in dieser Zeit. Erst danach nahmen sie "Leichtes Gepäck" auf, ihr fünftes Studioalbum. Auch dieser Titel beschreibt das Band-Befinden ganz genau: Sie hatten sich erstmals seit langer Zeit wieder wirklich zugehört, waren sich wieder näher gekommen.

Sie hatten gewissermaßen aufgeräumt, sortiert, Übersichtlichkeit hergestellt, etwas Tempo aus ihrer Karriere genommen und manche Dinge verändert, indem sie Arbeit abgaben, die sie bisher selbst erledigt hatten, sich von einem Teil ihres Teams trennten, sich einen neuen Produzenten für ihre Musik suchten. Sie fühlten sich tatsächlich erleichtert.

Krise gemeistert: Stefanie Kloß mit ihren Silbermond-Freunden Thomas Stolle, Johannes Stolle und Andreas Nowak. Quelle: Hoffmann

Silbermond ist eine Band ohne Nebengeräusche, ganz und gar unexzentrisch. Sie machen keine Musik für Indietypen oder Quertreiber, sondern fürs Radio. Wer das Internet nach Gerede oder Gerüchten, Eskapaden oder unüberlegten Statements durchwühlt, findet nichts. Seit Jahren zitieren Journalisten immer wieder dieselbe alte, über die Bandhomepage verbreitete Bekanntmachung, dass Kloß und Gitarrist Thomas Stolle nun schon seit 2010 ein glückliches Paar seien.

"Wir sind wahrscheinlich zu uninteressant", sagt Kloß. Vielleicht ist sie deshalb auch nie als "die neue Nena" bezeichnet worden, weder als sie mit Silbermond den ersten Hit landete, noch als sie Nena als Jurorin bei "The Voice of Germany" nachfolgte.

Die gerade durchlebte Krise, über die die Musiker im Gegensatz zu ihrem Privatleben auch Auskunft geben, lässt die Band mitsamt ihrem familienfreundlichen Rock-Pop ein bisschen kantiger erscheinen. Auch erwachsener, was nicht verwundert, denn alle vier sind inzwischen Anfang 30. Ein Alter, ab dem man, wie sie festgestellt haben, automatisch weniger wann oder wo fragt, sondern wohin und warum.

Zwischen Bautzen und Berlin

Der Bruch, das Reflektieren und die Veränderungen haben Silbermond letztendlich gutgetan. Ohne die reinigende Auszeit und die anstrengenden Aufräumarbeiten wäre ein Song wie "B96" nie entstanden, sagt Kloß. "Wir haben uns viel intensiver, persönlicher, tiefer unterhalten als die Jahre zuvor." Am Ende der Katharsis hefteten ungezählte Zettel an der Studiowand. Auf ihnen waren einzelne Worte vermerkt, Gedankenfetzen oder Gefühle, auch Ängste, aus denen einmal Songs werden könnten.

In "B96", das ist die Bundesstraße, die Bautzen und Berlin verbindet, singt die 31-Jährige über das Nachhausekommen, "ein ambivalentes Gefühl". Einerseits kehrt sie gern nach Bautzen zurück. Ihre Schwester habe dort gerade eine eigene kleine Familie gegründet, erzählt sie. "Das ist schön." Dort sei ihre Basis. Ihre Heimatstadt, in der etwa 30 000 Menschen leben, gebe ihr ein Gefühl von Beständigkeit. "Und die Welt steht still, hier im Hinterwald", singt sie.

Anderseits verbindet sie mit Bautzen "eine gewisse Enge". Und es ist auch der Ort, wo sich ihre Eltern scheiden ließen, als sie vier war, und wo ihr Vater starb, als sie 18 war. "Eine dreiviertel Kindheit, verbeult und ramponiert."

Ein Album mit Nashville-Flair

Das neue Album hat Silbermond in Nashville aufgenommen. Nachdem die vier Platten zuvor nicht nur im selben Studio, sondern auch im selben Raum entstanden, ergibt auch dieser Tapetenwechsel einen Sinn. Das Blackbird Studio mit seinen neun Aufnahmeräumen zählt zu den besten Adressen in der Music City. Besitzer John McBride schaute hin und wieder bei den Deutschen im Studio D vorbei, dort, wo schon die Kings of Leon und Taylor Swift Platten machten.

Der 57-Jährige ist ein Beatles-Freak, hat 20 000 LPs der Liverpooler im Laufe der Jahre zusammengetragen – und 1400 Mikrofone. Er sagt Sätze wie "Die Plastikmikrofone von heute kannst du nicht gebrauchen", "Gut ist der Feind von Großartig" und "Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte, ich würde eine Band aufnehmen". Er spielte den vier Bautzenern auch seinen besten Song aller Zeiten vor: "A Day in the Life" von den Beatles. Alle, die ihn treffen, empfinden das gleiche: McBride wirkt beseelt, als atme er Musik ein und aus.

Vielleicht konnte "Leichtes Gepäck", dieses feine, vom Folk inspirierte Album, nur an so einem Ort der Leidenschaft entstehen. Im Video zu "B96" tritt Stefanie Kloß gänzlich nackt auf. Ihre Augen blicken grün und zerbrechlich. Sie atmet die Musik ein und aus. Sie wirkt sehr verletzlich, aber auch mutig und frei.

Am Dienstag, 10. Mai, startet Silbermond ihre "Leichtes Gepäck"-Tour in Hannover. Die Band tritt unter anderem in Hamburg (12.5.), Kiel (13.5), Erfurt (16.5.), Berlin (28.5.), Bremen (2./3.6.), Schwerin (4.6.), Magdeburg (26.8.) und Dresden (27.8.) auf.

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