Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Medien & TV Die Schatten der Anderen
Nachrichten Medien & TV Die Schatten der Anderen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:13 11.09.2015
Jonathan Franzen erweist sich abermals als Technikkritiker. Sein neuer Roman "Unschuld" ist ein Plädoyer für die analoge Welt. Quelle: Foto: Verlag Rowohlt
Anzeige

Whistleblower – das ist so ein magischer Begriff unserer Gegenwart. Schiedsrichter wie Edward Snowden oder Julian Assange trillern die Regelverstöße der Mächtigen heraus und riskieren dabei, zu Gejagten zu werden. Die Öffentlichkeit stilisiert sie dafür wahlweise zu Verrätern oder zu Vorbildern. Es war an der Zeit, das Phänomen Whistleblower zu einem Romanthema zu machen.

Der große amerikanische Autor Jonathan Franzen, dessen Bücher auch auf Barack Obamas Nachttisch liegen sollen, hat dies nun nachgeholt. Sein Werk "Unschuld" kreist um das "Sunlight Project", das vor allem frauenfeindliche Übergriffe ans Sonnenlicht bringt. Der charismatische Wortführer Andreas Wolf wird von seinen Anhängern wie ein Sektenanführer verehrt und lebt wegen internationaler Haftbefehle in Bolivien. Die Anspielungen auf den Personenkult um leibhaftige Whistleblower sind offensichtlich.

Anzeige

832 epische Seiten

"Sonnenlicht desinfiziert am besten", lautet der sonderbare Leitspruch des investigativen Rechercheteams. Nach Reinheit und aseptischer Makellosigkeit streben auch die verschiedenen Protagonisten, denen Franzen auf epischen 832 Seiten eigene Kapitel widmet. Da ist Wolf selbst, ein halbherziger DDR-Dissident, der Privilegien genießt, weil sein Vater im Zentralkomitee sitzt. Schließlich ermordet er einen Stasi-Spitzel, weil dieser seine lolitahafte Stieftochter missbraucht hat. Jene begehrt Wolf selbst und schämt sich dafür.

Nach dem Zusammenbruch des Systems stiehlt Wolf seine Stasi-Unterlage, um die Tat zu vertuschen. Verfolgt von den Beamten, hält er für die Fernsehleute vor der Stasi-Zentrale eine heuchlerische Rede über die "giftigen Lügen" der abgesetzten Machthaber, die nur Sonnenlicht unschädlich machen könne. Der erste Moment medialen Ruhms wird zum Schlüsselereignis.

Suche nach der eigenen Identität

25 Jahre später versucht die 23-jährige Pip ihren Vater zu finden, dessen Identität ihre hypochondrische Mutter ihr vorenthält. Deshalb bewirbt sie sich für ein Praktikum beim Sunlight Project, um das Geheimnis ihres eigenen Lebens aufzudecken. Pip hat sich selbst nach dem Waisenjungen aus Charles Dickens Roman "Große Erwartungen" benannt, eigentlich heißt sie Purity. Reinheit. Der Name suggeriert eine unbefleckte Empfängnis und marginalisiert die Rolle des Vaters.

In ihrer Figur manifestiert sich das Titelthema des Romans: Dem Namen nach sollte Pip die Unschuld in Person sein, doch sie fühlt sich stets schuldig. Weil sie in ihren verheirateten Mitbewohner verliebt ist, weil sie ihre Mutter zu selten besucht, weil ihr Chef sie attraktiver findet als die Kolleginnen. In Bolivien trifft sie auf den Wolf im Menschenfreundspelz, welcher das unschuldige Mädchen dazu verführt, für ihn die Spuren seiner Vergangenheit zu verwischen.

Abgesang auf den Familienroman

Bei dieser Mission begegnet Pip der investigativen Journalistin Leila, deren Leben ebenfalls von Schuldgefühlen überschattet ist: Von ihrem Mann, einem anstrengenden Künstlertyp, entfremdet sie sich und verliebt sich in ihren Chef. Doch sie kann sich nicht ganz von dem alten Partner trennen, weil der nach einem Unfall gelähmt ist. So pendelt sie zwischen zwei Männern, nirgendwo ganz zu Hause, zerfressen von der Sehnsucht nach einem Kind.

Komplizierte Beziehungsgeflechte dieser Art sind charakteristisch für Franzen. Mit seiner Geschichte "Die Korrekturen" über eine typische amerikanische Mittelstandsfamilie erhielt er 2001 den National Book Award und wurde Finalist für den Pulitzerpreis. Weltweit verkaufte sich der Roman mehr als drei Millionen Mal, allein in Deutschland rund 600 000-mal.

"Das Internet ist wie die DDR. Denn mit dem System der DDR konnte man kooperieren oder es ablehnen. Unmöglich aber war es, nicht mit ihm in Beziehung zu treten."

Jonathan Franzen in einem Interview mit dem britischen "Guardian"

Mit "Freiheit" (2010), ebenfalls einem Familienroman, schaffte es der heute 56-Jährige auf das Cover des "Time"-Magazins. Sein jüngster Roman ist nun eine Art Abgesang auf den Familienroman: Die einzelnen Sippenmitglieder sind nicht einmal mehr bekannt. Nicht nur Pip erlebt bei der Suche nach ihrem Vater eine Überraschung, auch Andreas Wolf ist nicht bei seinem Erzeuger aufgewachsen – vielleicht auch ein Grund für seinen ausgewachsenen Mutterkomplex.

Franzen hat einen Zeitgeistroman geschrieben, der das Streben nach größtmöglicher Transparenz von Wikileaks über NSA-Affäre bis Occupy mit anderen großen Themen wie der Anpassung an gesellschaftliche Systeme, Feminismus und Erderwärmung zusammenbringt. Ironisch seziert der Autor das Milieu der Weltverbesserer. Pip muss sich etwa mit einem Fragebogen für das Praktikum beim Sunlight Project qualifizieren. Sie soll dabei die beste übermenschliche Fähigkeit auswählen: "Fliegen, Unsichtbarkeit, Gedanken lesen oder für jeden außer einem selbst die Zeit anhalten." Gedanken lesen ist selbstverständlich die gebührende Antwort für eine angehende Enthüllungsjournalistin.

Die Reinheit als Ideal

Die Figuren aus "Unschuld" beschwören die Reinheit als Ideal, doch allen haftet ein Makel an. Sie sind äußerlich auf Transparenz und Enthüllung bedacht, ihre Motive jedoch oft undurchschaubar. Die Doppelmoral eines Andreas Wolf etwa zeigt sich darin, dass er sich selbst die Frauen degradierenden Pornos ganz gerne ansieht, die er als Whistleblower verteufelt. Die eigene sinistre Existenz soll das gepriesene Sonnenlicht lieber nicht erhellen. Am liebsten enthüllt der Whistleblower junge Frauen, die ihn als Guru vergöttern.

Wolf verkörpert mit seinen guten Taten aus schlechten Motiven das "Faust"-Zitat, das der Liebhaber für deutsche Literatur seinem Roman voransetzt: "Die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Kaum ein US-Schriftsteller ist mehr von der deutschen Sprache und Kultur geprägt als Franzen. Der heute 56-Jährige hat in München und an der Freien Universität Berlin Germanistik studiert. In einer West-Berliner WG mit Kohleofen sei er 1981 zum Dichter geworden, hat er mal gesagt. In dem "Kraus-Projekt" übersetzte er 2014 zwei Essays des österreichischen Fin-de-Siècle-Polemikers Karl Kraus in seine Muttersprache und kommentierte sie mit assoziativen Fußnoten. Schon in diesem Buch offenbarte sich Franzen als fundamentaler Technikkritiker.

Plädoyer für die analoge Welt

In "Unschuld" treibt er seine kulturpessimistischen Thesen auf die Spitze und dekonstruiert die Utopie des Internets als demokratisches Medium auf drastische Weise. Für Andreas Wolf erschöpft sich das weltverändernde Potenzial in den eher unappetitlichen Aspekten des World Wide Web: "Die unversehens breite Verfügbarkeit von Pornographie, die Anonymität des Zugangs, die Bedeutungslosigkeit des Urheberrechts, die sofortige Befriedigung, das Herrschaftsgefühl, das der Umgang mit Maus und Tastatur einem verschaffte: Das Internet würde riesengroß werden, vor allem für die Überbringer des Sonnenlichts", heißt es im Text.

Streckenweise erinnert "Unschuld" so an Dave Eggers’ Internetdystopie "The Circle". Mehr noch, mit einer gewissen Penetranz pocht Franzen auf die Parallelen zwischen deutschem Sozialismus und Internet. Das Netz beherrsche alle Seinsbereiche ebenso wie die DDR, für Andreas Wolf "die Republik des schlechten Geschmacks". Mit oft naivem Pathos plädiert Franzen für die alte, analoge Welt. Ein Makel, den der Leser diesem großen Geschichtenerzähler verzeihen kann.

Von Nina May

  • Jonathan Franzen: "Unschuld". Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld, 832 Seiten, 26,95 Euro.

Der Begriff "Whistleblower" stammt vom Englischen "blow the whistle", zu Deutsch "in die Pfeife blasen". Es gibt mehrere Erklärungsversuche, weshalb Enthüller diesen Namen tragen. Manche glauben, da werde die Trillerpfeife von Schiedsrichtern zitiert, andere hören hier die Pfeife, mit denen ein Polizist die Kollegen alarmiert. Der Begriff spielt auf eine Redewendung an: "verpfeifen" im Sinne von "ein Geheimnis ausplaudern". Im Englischen gibt es mit "to blow the whistle" ein ähnliches Idiom. Das Substantiv tauchte im englischen Sprachgebrauch erstmals in den Siebzigerjahren auf, im Deutschen kam es zehn Jahre später an. Einer der berühmtesten Whistleblower ist Mark Felt alias Deep Throat, der 1974 US-Präsident Richard Nixon im Zuge der Watergate-Affäre zu Fall brachte.

Deutsche Presse-Agentur dpa 14.09.2015
Deutsche Presse-Agentur dpa 14.09.2015
Deutsche Presse-Agentur dpa 14.09.2015