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Medien & TV Paul Kalkbrenner goes USA
Nachrichten Medien & TV Paul Kalkbrenner goes USA
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20:02 16.10.2015
Foto: Paul Kalkbrenner will mit seinem Sound nach Europa nun auch die USA erobern.
Paul Kalkbrenner will mit seinem Sound nach Europa nun auch die USA erobern. Quelle: dpa
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Amerika entdeckt derzeit die Ravekultur, und da möchte sich der deutsche Techno-Musiker Paul Kalkbrenner als absoluter Weltsuperstar empfehlen. Den Spitzenverdienern der Electronic Dance Music (EDM) fehlt nämlich das, was der 38-Jährige kann und was er verkörpert: Schöpfertum. Der Berliner verwurstet am DJ-Pult nicht altbekannte Hits von anno dazumal. Seine Tracks beruhen auf eigenen musikalischen Ideen. Und er kommt aus einer Stadt, deren Straßen und Plätze in den legendären Neunzigerjahren zum ultimativen Dancefloor wurden.

Schon seit Jahren fliegt Paul Kalkbrenner in gecharterten Privatflugzeugen mal nach China, mal nach Ibiza. Aber nun möchte der Popstar aus Deutschland zum Global Player werden. Die multinationale Unterhaltungs- und Festivalindustrie zahlt sechsstellige Gagen pro Auftritt.

"Icke wieder" war gestern

Für sein Album "7", das im August erschien, unterschrieb Kalkbrenner bei Sony International einen Major-Vertrag. Auch der amerikanische und englische Markt sollen erschlossen werden. Und vielleicht gibt es ja auch in Albanien oder Chile Kalkbrenner-Fans, die er bisher noch nicht erreichen konnte, diktierte er Journalisten in die Mikrofone. Vorbei die Zeit, als er seine CDs "Icke wieder" oder "Guten Tag" nannte und auf dem eigenen Label herausbrachte.

Kalkbrenners im Grunde banaler Geradeaus-Sound mit aufmunternden Beats und leicht verdaulicher Mollmelodik floppte wenigstens in Deutschland nicht, wo "7" für eine Woche an die Spitze der Album-Charts schnellte. Den einzelnen Titeln fehlt aber ganz klar das Zeug zu einem Nummer-eins-Hit in den Single-Hitparaden. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis der Sony-Kalkbrenner das Mainstreampublikum aller Kontinente auf sich vereint.

Ein Kind der DDR

"Durch Kalkbrenners routinierte Lethargie geht das Album nicht einmal als Hintergrund-Gedudel durch", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" böse. Doch die ausgestellte Klarheit, die einlullende Monotonie in Titeln wie "Battery Park" oder "Cylence 412" sind bei Paul Kalkbrenner Programm. Als Vorbilder sind hier Instrumentalkünstler der Siebzigerjahre wie Mike Oldfield oder Jean Michel Jarre auszumachen, deren Hits der 1976 geborene Kalkbrenner früh kennenlernte.

Techno aus Berlin war bisher nie Hedonismus pur. Beklemmende Bass Drums und preußischer Viervierteltakt gehören zu Kalkbrenners Identität und machen auch seine Authentizität aus. Als Kind der DDR steht er für eine Familie, die lange an den Sozialismus glaubte. Sein Opa, der Maler Fritz Eisel (1929–2010), propagierte als Staatskünstler den sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung. Der Arbeitersohn aus Hessen machte sich mit heiteren, plakativen Wandbildern an sozialistischen Plattenbauten einen Namen.

In Potsdam zeigen 18 großformatige Mosaiken startende Raketen, Menschen in Schaltzentralen und Riesenteleskope. Auch Kalkbrenners Opa liebte es einfach, prägnant und großzügig. Er verherrlichte Höhenflüge und Geschwindigkeit.

Im Sog der Techno-Bewegung

Kalkbrenners Eltern waren zerknirschte SED-Journalisten. Paul wuchs mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder Fritz in einer 170-Quadratmeter-Wohnung im proletarischen Bezirk Berlin-Lichtenberg auf, die der Großvater besorgte. Die Mutter arbeitete beim DDR-Fernsehen, der Vater war Redakteur beim Neuen Deutschland und brach 1987 offen mit dem DDR-System. In der Wendezeit publizierte er eine Dokumentation über Schüler, die aus politischen Gründen von einer Erweiterten Oberschule geflogen waren.

Dennoch erzählt Paul Kalkbrenner, der auf Einladung der Bundesregierung im vergangenen Jahr zum 25. Jahrestag des Mauerfalls am Brandenburger Tor nach Udo Lindenberg einen großen Auftritt hatte: "Ich komme aus einer Familie, die am 3. Oktober 1990 traurig vor dem Fernseher saß." Wenig später geriet Kalkbrenner in den Sog der aufkommenden Techno-Bewegung. Er warf die Schule hin und beschaffte sich ab sofort stets die neuesten Mischpulte.

Ideologien wurden weggetanzt

Die Eltern waren mit sich und der Revolution beschäftigt, Paul durchlebte eine "Rave-olution". Die herrschenden Ideologien wurden einfach weggetanzt. Die Welt seiner Eltern bestand aus Worten, mit denen auch die absurde Teilung der Stadt gerechtfertigt worden war.

Die Raves dagegen kultivierten auf nonverbale Weise den allgemeinen Freudentaumel und einen nie da gewesenen zwischenmenschlichen Respekt. Das Tanzen war auch eine Art Selbsttherapie. Aber die Wut über die Vergangenheit und die Trauer über den Verlust einer überschaubaren Welt schwingen bis heute in Pauls BassDrums und seinen melancholischen Piano-Akkorden mit.

Zuckerbäckerstil statt Schwermut

Kalkbrenner möchte keine Texte bemühen. Im Studio duldet er keine Musiker. Das unterscheidet ihn von Bruder Fritz, aus dem ebenfalls ein namhafter Techno-Musiker geworden ist. Fritz Kalkbrenner setzt weniger auf brachialen Sound, sondern zelebriert mit lyrisch-surrealen Worten sein Einsamkeitsgefühl. Doch Lounge-Musik scheint aus der Mode zu kommen. Es wird wieder geravt.

Beim Lollapalooza-Festival im September in Berlin mieden die Teenager die Auftritte der großen Bands und blieben im DJ-Floor hängen. Für die nächste tonangebende Generation ist ein Paul Kalkbrenner vielleicht nicht unbekümmert und naiv genug. Der Zuckerbäckerstil der Heißsporne ist angesagt, nicht die Schwermut von Vaterfiguren.

Von Karim Saab

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