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20:01 04.11.2016
Phil Collins veröffentlicht seine Autobiografie – und der Titel ist Programm: "Not Dead Yet" wirft einen Blick auf seine spektakuläre Karriere und kommt pünktlich zu frisch angekündigten Live-Auftritten. Quelle: Getty Images
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Phil Collins schwelgt derzeit im Gestern. Mit einem Buch voller Erinnerungen und einer Dreifach-CD voller Hits. Aber er hat auch die Likes vieler junger Soul-Pop- und Hip-Hop-Stars. Ein Comeback liegt also in der Luft, das eines der größten Popstars der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre. Und dann das: Der Brite humpelt zum Interview in die Suite des Park Hyatt – bleich und an einer Krücke.

Viel war ja zuletzt über seine Gesundheit zu lesen gewesen: Taubheit in den Fingern, Taubheit in den Ohren, Rückenprobleme, nie wieder Schlagzeug, nie wieder Genesis. Der Mann im Hotel sieht jedenfalls nicht nach einem Rückkehrer aus. Collins verzieht das Gesicht. Gestürzt sei er gestern, nicht so schlimm, nur schmerzhaft. Prellungen hat er, ein blaues Auge: "Egal" – gequältes Lachen – "ich hab ja noch ein anderes." Er lässt sich in den Sessel fallen.

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Es ist der Tag nach Bob Dylans Literaturnobelpreis. "Wunderbar – der gute alte Dylan. Gratulation." Mit seinem eigenen Buch will Collins nicht ganz so hoch hinaus. Er möchte seinen Fans erzählen, wie das so war mit seiner Band Genesis, mit seiner phänomenalen Solokarriere, wie er Abbas Frida und Eric Clapton produziert hat, hier und dort mitgesungen oder -getrommelt hat, wie er auch noch Schauspieler war und wie viel er über alldem von seinen drei Ehefrauen und fünf Kindern verpasst hat. "Not dead yet" ("noch nicht tot") sind die Bekenntnisse eines leidenschaftlichen Musikers, ein Buch mit viel Humor und voller Sorrys.

Viel Humor und viele Sorrys

"Ja", sagt Collins nach anfänglichem Zögern. "Ich glaube, da sind schon einige Entschuldigungen enthalten – besonders bei meinen Kindern. Während ich das Buch geschrieben habe, habe ich erst mal gemerkt, wie viel ich damals gearbeitet habe." Untertreibung für ein Leben in perfekter Work-Work-Balance – die Hälfte seiner Arbeit wäre noch genug für zwei Leute gewesen. Abbitte leistet er bei seiner ersten Ehefrau Andrea. "So ein Familienleben muss jemanden wahnsinnig machen, der zu Hause festsitzt und zwei Kinder großzieht."

Dabei schreibt er im Buch doch, wie glücklich er über seine erste kleine Familie gewesen sei. Warum war es dann so schwierig, sich das Glück zu erhalten? Collins gesteht: "Ich denke, es war Selbstsucht. Vielleicht gibt es ein anderes Wort, aber 'selbstsüchtig' soll für jetzt genügen. Du willst deinen Kuchen behalten und ihn zugleich aufessen. Mein Job war der eines fahrenden Musikanten." Er hält inne. "Ich war in einer Band, die hatte Erwartungen. Ich weiß nicht, ob Andrea glaubte, ich würde mit Genesis jeden Abend im selben Pub spielen?"

Familienzeit nach der Doppelkarriere

Wenn er denn aber zu Hause war, dann nicht mit halbem Herzen. War Spielzeit mit Töchterchen Lily (von seiner zweiten Ehefrau Jill), sprang Daddy nicht etwa mittendrin auf, um eine Melodie oder eine Textzeile zu notieren. Die Musen hatten dann Pause, "das habe ich abgeschottet". In dieser Phase war Zwei-Karrieren-Superstar Phil Collins allerdings noch öfter als zuvor "on the road". War es da nicht Ironie des Schicksals, dass ihn seine dritte Ehefrau Orianne verließ, gerade weil er sich diesmal für Ruhestand und Familie entschieden hatte?

Collins lacht. "Orianne ist keine Engländerin, aber in England heißt Ruhestand (er macht Paffgeräusche) Pfeife und Pantoffeln. Sie hatte Ambitionen, wollte Schmuck designen. Und sie fühlte sich mit hineingezogen in meinen Ruhestand." Froh ist Collins, dass seine jüngste Familie mit Orianne und den Söhnen Nicholas und Mathew nach langer Trennung, Jahren, in denen Collins alkoholsüchtig war, wieder zusammenlebt. Passt sein Song "All of my Life" von 1989 über das distanzierte Verhältnis zu seinem Vater auch auf die Collins-Familie von heute? "In dem Song ist viel Bedauern. So war das damals: Mein Vater sah unten fern. Ich hörte oben meine Platten."

Collins sieht durchaus Parallelen: "Wie das in jungen Familien so ist. Der letzte Bissen vom Dinner ist noch nicht ganz unten – pffft – schon sausen die Jungs nach oben an die Playstation. Ich sagte neulich zu Nicholas: Hey, ich habe dieses Haus gekauft, damit wir zusammen sind. Und dann habe ich ihm 'All of my Life' vorgespielt. Er sah mich an und sagte 'Jetzt kann ich nicht raufgehen, nach diesem deprimierenden Song.' Ich antwortete ihm: 'Doch, geh nur. Denk bloß daran, dass wir nicht für immer hier sein werden. Irgendwann wünschst du dir vielleicht, dass wir mehr Zeit miteinander verbracht hätten.'"

Viele fremde Knöpfe: Phil Collins würde nach dem aktuellen Hitalbum "The Singles" im eigenen Studio gerne auch wieder neue Songs schreiben. Quelle: Warner

Collins' eigener Vater Grev starb, als er 21 war. Viele wichtige Gespräche blieben ungeführt. Als der junge Phil ein Kinderstar im Musical "Oliver!" im Londoner West End war, sei sein Vater Grev stolz gewesen, erinnert sich Collins. "Aber als ich dann in einer Rockband spielte: 'Oh mein Gott, wie schrecklich!' Wir gingen zu meiner Schwester, der Eiskunstläuferin, und applaudierten ihr. Wir applaudierten meinem Bruder, wenn seine Karikaturen in der Zeitung waren. Bei mir gab es nicht viel zu applaudieren."

"Mein Vater war einmal auf einem Genesis-Konzert in einem Pub gewesen, wo wir Ideen aufführten, die noch keine fertigen Songs waren. Peter Gabriel stand auf der Bühne, sang an der Melodie lang – direedooosaaa – aber es waren keine Worte. Die Verstärkeranlage war lausig und mein Vater muss gedacht haben: 'Was ist das? Ich verstehe das nicht'."

Grev und Phil redeten nicht über den Auftritt. "Weil mein Vater so früh starb, habe ich mich umso enger an meine Mutter gebunden", Collins seufzt. "Sie hat nie eine Show verpasst. Hätte er länger gelebt, wäre Dad mitgegangen. Vielleicht hätte er es weiterhin nicht verstanden, aber er wäre beeindruckt gewesen, wenn da 50 000 Leute seinen Sohn feiern."

"Es wird noch einiges passieren"

"Da kommt noch was" – den deutschen Buchtitel hätte Collins lieber weggelassen. "Denn das setzt mich einem unfairen Druck aus." Freilich wird Druck auch seitens der Kinder aufgebaut. Seine Älteste, die Adoptivtochter Joely, hat ihn mit der Enkelin Ende August zum Kurzgig bei den US-Open besucht und ihm "Mach weiter, Dad!" geraten. Das sei indes nicht so einfach: "Wenn du ein paar Jahre nichts gemacht hast, musst du wieder lernen, wozu die ganzen Knöpfe da sind. Damit dir beim Songschreiben die Geräte nicht in die Quere kommen. Ein ganz schöner Berg, den man da erklimmen muss."

Er seufzt, erhebt sich, greift zur Krücke, kurzes Schmerzensstöhnen. Dann ein Grinsen, breit – Bergsteiger Phil. "Aber ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich da rauf will. Sicher kommt da noch was. Es wird noch einiges passieren." Gesagt, getan. Schon am Tag nach dem Interview kündigt Collins auf einer Pressekonferenz in London eine Tour für 2017 an. Der Berg ruft. Und Phil will.

Von Matthias Halbig

Zur Person: Phil Collins in Kürze

Quelle: Heyne

Phil Collins (65), aufgewachsen im Londoner Stadtteil Hounslow, steigt im August 1970 als Schlagzeuger bei der Progrockband Genesis ein, 1976 wird er Nachfolger von Peter Gabriel als Sänger der Band und startet 1981 mit dem Soloalbum "Face Value" eine beispiellos erfolgreiche Zweitkarriere. Collins war dreimal verheiratet, neben der Adoptivtochter Joely (1972) hat er vier leibliche Kinder – Simon (1976), Lily (1989), Nicholas (2001) und Mathew (2004). Gerade ist mit "The Singles" bei Warner eine Dreifach-CD mit allen Solohitsingles des Sängers erschienen. Und am 11. und 12. Juni 2017 gibt Collins zwei Konzerte in der Kölner Lanxess-Arena.
Das Buch "Da kommt noch was" (528 S., 24,99 Euro) ist bei Heyne erschienen.

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