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Medien & TV Streams statt Streifen – Was wird aus dem Kino?
Nachrichten Medien & TV Streams statt Streifen – Was wird aus dem Kino?
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06:00 10.03.2019
Demontage: Das alte Kino Filmpalast im Konstanzer Stadtzentrum muss einem Drogeriemarkt weichen. Szene aus dem Dokumentarfilm „Scala Adieu – Von Windeln verweht“. Quelle: Foto: Wilder Süden
Berlin

100 Millionen verkaufte Eintrittskarten: Das klingt zunächst imposant. Doch die Zahl täuscht: Die Deutschen sind Kinomuffel geworden. Während das vergangene Kinojahr in anderen Ländern für Rekordumsätze gesorgt hat, war hierzulande jeder Einwohner im Schnitt nur 1,3-Mal in einem Filmtheater; Deutschland ist damit Schlusslicht in Europa. Die Kinobranche erklärt das mangelnde Interesse mit Fußball-WM und Jahrhundertsommer.

Trotz Weltmeistertitel gingen Franzosen doppelt so oft ins Kino

Aber in Frankreich war auch schönes Wetter, und das Land ist sogar Weltmeister geworden; trotzdem war der durchschnittliche Franzose doppelt so oft im Kino.

Tatsächlich ist der hiesige Bedeutungsverlust des Kinos zum Teil hausgemacht. Einer der Gründe ist der Verlust der Kinokultur. Der aus Konstanz stammende Regisseur Douglas Wolfsperger hat diesem Phänomen seinen jüngsten Film gewidmet, „Scala Adieu“ (Bundesstart: 21. März). Der Titelzusatz „Von Windeln verweht“ deutet an, worum es geht: Das beinahe 80 Jahre alte Kino im Konstanzer Stadtzentrum musste einem Drogeriemarkt weichen. Wolfspergers Dokumentarfilm ist jedoch mehr als nur ein Abgesang mit lokalem Charakter.

Viele Hollywoodregisseure drehen lieber Fernsehserien

Ein zweiter Grund für den derzeitigen Abschwung der Streifen (die ja im digitalen Zeitalter keine Streifenform mehr haben – erinnert an die Fünfzigerjahre, als den Filmtheatern neue Konkurrenz durch das „Pantoffelkino“ erwuchs; damals musste man nicht mehr ins Kino gehen, um bewegte Bilder zu erleben. Seit einiger Zeit heißt die Devise für viele namhafte Hollywoodregisseure „Fernsehen ist das neue Kino“, weil gerade im Serienbereich hochinteressante Produktionen entstehen.

Große Rückgänge fürs Kino in der Gruppe der 20- bis 29-Jährigen

Längst trumpfen Streamingdienste wie Netflix und Amazon auch mit deutschen Serien auf; für „Dark“ (Netflix) und „Beat“ (Amazon) gab es gar den Grimme-Preis. Diese Produktionen genießen gerade bei jungen Zuschauern einen besonderen Status. Die 20- bis 29-Jährigen bilden traditionell die Kernklientel des Kinos; in keiner Altersgruppe ist der Besucherrückgang so groß.

Die Serien stoßen auch deshalb auf großes Interesse, weil viele Filme zunehmend einfallsloser werden. Da sich die großen Hollywood-Produktionen längst jenseits der 200-Millionen-Dollar-Marke bewegen, muss das Risiko eines Flops so weit wie möglich minimiert werden. Deshalb wird das Kino mittlerweile von wenigen Marken dominiert: „Star Wars“, „Harry Potter“, „X-Men“, „Avengers“ „Justice League“ (Superman, Batman, Wonder Woman).

Heute laufen, überspitzt formuliert, nur noch Hollywood-Blockbuster und ein paar Arthouse-Produktionen. Es fehlen Filme, die auch ein durchschnittlich anspruchsvolles Publikum ansprechen; das erklärt möglicherweise, warum der Umsatzrückgang bei Programmkinos, deren Angebot ja nicht nur Cineasten ansprechen soll, überproportional groß ist.

Die Branche übt sich trotz der Zahlen in Zuversicht

Die Branche selbst demonstriert dennoch Zuversicht. Alfred Holighaus, Chef der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (Spio), sieht in den rückläufigen Besucherzahlen „keinen Anlass für kulturpessimistischen Fatalismus“, im Gegenteil: „In einer Zeit und in einem Land, da die Kinos in den Städten und in der Fläche oft die einzigen funktionierenden Angebote für Kultur und Kommunikation jenseits von Echokammern und Chaträumen sind, gewinnen sie an kultur- und gesellschaftspolitischer Relevanz. Sie sind Alternativen zur Vereinsamung und Vereindeutigung.“

Er appelliert an die Theaterbesitzer, dies „offensiv zu bewerben und zu beweisen: mit neuen programmatischen Ideen sowie mit Offensiven in technologischer und kommunikativer Hinsicht; gern auch mit Unterstützung der Politik“.

Auch Wolfsperger gibt sich optimistisch: „Dem Kino ist ja schon öfter ein baldiger Tod prognostiziert worden, aber es ist immer noch da; Totgesagte leben eben länger.“ Auch das beste Streamingangebot werde nicht zur Folge haben, „dass gerade die Filmfreunde meiner Generation ihr Popcorn in Zukunft zu Hause essen werden, wie die steigende Zahl der älteren Kinobesucher zeigt.“

Früher bot das Kino eine Fluchtmöglichkeit aus der Kleinstadtenge

Für die Generation Wolfspergers (61) war das Kino allerdings ohnehin stets mehr als nur ein Zeitvertreib; vor allem in Kleinstädten bot es einst oft die einzige Möglichkeit, der Enge des kleinbürgerlichen Alltags zu entkommen. Gerade deshalb macht sich Regiekollegin Doris Dörrie (63) Sorgen um die Zukunft des Kinos: „Für junge Menschen ist es nicht mehr dieser mystische Ort, der es für uns war.“

Der Abschwung in Zahlen

Der Umsatz, den die deutschen Kinos 2018 mit dem Verkauf von Eintrittskarten erzielten, lag zum ersten Mal seit 2014 wieder unter einer Milliarde Euro (899,3 Mio. Euro). Der Rückgang gegenüber dem Rekordjahr 2015 beträgt 30 Prozent. Damals hatten vier Filme über sechs Millionen Besucher. 2018 kamen nur zwei Produktionen auf mehr als drei Millionen Zuschauer: „Avengers: Infinity War“ und „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“. Betroffen sind nicht zuletzt die vor Jahren noch als Heilsbringer gefeierten 3D-Filme. Der Abschwung trifft aber auch die deutschen Filme, von denen keiner mehr als zwei Millionen Besucher hatte. Eine Studie der Filmförderungsanstalt (FFA) widerspricht übrigens der Behauptung, Netflix trage an alldem Schuld. Ihr zufolge gehen viele Abonnenten des Streamingdienstes gern und oft ins Kino.

Von Tilmann P. Gangloff / RND

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