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Medien & TV „Tatort“ on the Road – Lover mit brennender Lunte
Nachrichten Medien & TV „Tatort“ on the Road – Lover mit brennender Lunte
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06:00 08.03.2019
Was verbindet den Mann und das Mädchen (Meira Durand und Andreas Lust), die da Kilometer um Kilometer durch den Schwarzwald fahren? Quelle: Foto: Benoit Linder/SWR
Freiburg

Emily ist in einem Alter, in dem die Zigarette noch nach Cowboy oder Marlon Brando schmeckt. Doch der Rauch zeigt an, wie flüchtig diese Freiheit ist. Sie bläst die Zigarette durch das Fenster eines alten Opel, zieht am Filter, ihr Nagellack trocknet nicht schnell genug. Emily (Meira Durand) geht rüber zu den Truckern, schnorrt Tabak, die Männer freuen sich: Sie ist 15, blonde Haare, hat den Blick einer Frau und das Lachen eines Kindes. Ihr Flirten klingt zu grell, fast wie ein Hilferuf. Emily hält sich lieber an den Hund im Auto, den sie zärtlich kämmt.

Ein Hochhausmädchen will raus aus der engen Wohnung

Und der Typ am Opel-Steuer, der Emily und ihren Hund durch enge Schwarzwaldstraßen lenkt, wer ist das? Nicht rasiert, sicher Mitte 40, seine Haut hat einen Hang ins Graue. Ist das ihr Vater?

Nein, er ist ihr Lover, auch wenn das Wort nur schwer in diesen „Tatort“ aus dem Schwarzwald passt, der immer noch als Gegend gilt, in der man sich mit bodenständigem Vokabular die postmoderne Zeit vom Halse hält. Lover? Hieß früher Verehrer. Das waren nette Jungs, die einem Mädchen den Hof machten und die Eltern um Erlaubnis fragten, bevor sie mit der Tochter ins Kino gingen.

Hier ist alles anders. Martin (Andreas Lust), der Mann an ihrer Seite, hat Emily mitgenommen, dem Einfluss der Mutter entrissen, ihr Träume in den Kopf gesetzt. Das Mädchen war einverstanden. Seit knappen zwei Jahren fahren sie durch Europa, Emily wird von der Polizei gesucht. Sie gilt als entführt. Ihr Vater ist tot. Sie ist ein Hochhausmädchen, das raus will aus der engen Wohnung, weg von der Mutter, die unter Strom steht. Immer wieder schaut die Kamera nach oben zu den Vögeln. Doch die Bilder stranden schnell auf dunklen, leeren Straßen. Emily wollte den Horizont sehen. Und guckt jetzt nur noch auf ihr Handy, um zu daddeln.

Regisseurin Julia von Heinz steht bislang für aufregende Jugendfilme

Irgendwo da hinten liegt Freiburg. Wo die Kommissarin Tobler (Eva Löbau) auf der Toilette sitzt, einen Schwangerschaftstest macht und fast vor Freude Purzelbäume schlägt, als sie sieht, dass sie ein Baby kriegt. Sie muss jetzt raus, die verschwundene Emily suchen, denn deren Mutter hat behauptet, das Mädchen habe unten im Hof gestanden, gestern Abend. Dann sei es fortgelaufen. Kommissarin Tobler setzt sich erst mal eine Sonnenbrille auf.

Regisseurin Julia von Heinz, die durch präzise, aufregende Jugendfilme auffällt und ihnen schwerelos eine erwachsene Tiefe einpflanzt, zeigt mit diesem „Tatort“ ein Stück, das vollkommen sicher mit verschiedenen Gewichtsklassen hantiert. Hier das Mädchen, dort der Mann. Am Ende wird es ein packender und offener Kampf, den uns die Folge „Für immer und dich“ vorsetzt. Der Titel ist benannt nach einem Lied von Rio Reiser, das man als Requiem verstehen muss.

Diese leichthändig getupften, undressierten und doch so melancholischen Bilder sieht man sonst vor allem im Arthouse-Kino, wo die Drehbücher in ein regengraues Paris verlegt werden. Der „Tatort“ vom Südwestrundfunk fängt diese Atmosphäre, diese Lust auf Flucht ohne die kleinste Spur von Orientierung, und auch diese Verachtung alles Bürgerlichen, die sich still nach der Umarmung einer Mutter sehnt, umwerfend klar und tief empfunden ein. Nur selten werden die Figuren überladen mit Bedeutung. Dieses Kunststück von einem Drehbuch hat Magnus Vattrodt verfasst.

Der neue „Tatort“ bietet 90 vollkommen überzeugende Krimiminuten

Martin muss mit Emily zurück nach Freiburg, nur für ein paar Tage, um seiner Mutter Geld aus den Rippen zu leiern. Das ist hochnotpeinlich und deshalb faszinierend anzuschauen. Auch, wie Emily sich Martins sexuellen Annäherungen mehr und mehr entzieht. Erst sucht sie Zuflucht bei dem Hund, dann bei dem Mädchen in der Dorftankstelle (brillante und präsente Nebenrolle: Luisa-Céline Gaffron).

Ein Junge bricht in den Opel ein, klaut den Laptop, Martin muss hinterher, in dem Rechner stecken sein Leben und sein Verbrechen. Der Junge auf dem Mofa, Martin im Auto. Es kommt zum Unglück. Der Druck auf dem Kessel steigt. Wann das Leben von Emily und Martin explodiert, ist eine Frage der Zeit. Wir erleben es in 90 vollkommen überzeugenden Minuten.

Von Lars Grote / RND

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