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20:07 04.09.2015
Von Mathias Begalke
Spektakuläre Mauer-Show: Bono (l.) und The Edge spielen mit Adam Clayton und Larry Mullen (nicht im Bild) innerhalb ihrer Videowand. Quelle: Kevin Mazur/WireImage
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"One" singt das Publikum allein – und die meisten vergessen dabei tatsächlich ihr Smartphone. "Is it getting better? Or do you feel the same?" Sie scheinen von diesen ersten beiden Zeilen an für gut fünf Minuten nicht mehr daran zu denken, U2 zu fotografieren oder sich selbst mit U2. Sie sind ergriffen.

Gut 19.000 Fans erleben die dritte von acht U2-Shows am Stück im Madison Square Garden in New York. Viele sind bemerkenswert textsicher bei diesem Song über eine bittere Trennung. Sie flehen, zweifeln, hoffen. Bono, der sonst so mitteilungsfreudige Sänger, der immer hin- und hergerissen wirkt zwischen seiner Eitelkeit und seinen Utopien, tritt einen Schritt zurück. Er ist offensichtlich gerührt. Er lächelt. Es ist ein hymnischer, heilender und überraschend intimer Moment. "We’re one, but we’re not the same." Wir singen und lächeln auch.

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U2 ist die größte Band des Planeten. Definitiv. Den Weltrekord – 110 Shows, 7,2 Millionen Zuschauer, 736 Millionen Dollar Umsatz – holten sich die Iren auf ihrer vorherigen Riesenrunde um den Globus von den Rolling Stones. Mick und Keith sind inzwischen wohl zu gebrechlich, um noch einmal dagegenzuhalten.

U2 spielten damals auf ihrer "360°"-Tour auf der angeblich größten Bühne aller Zeiten, ein gigantisches vierbeiniges Insekt aus Stahl und hellgrüner Folie, mit Lautsprechern behängt und viel Licht, eine Spinne vom Mars. Sie wollten ihren Fans nah sein durch diese von allen Seiten einsehbare, 50 Meter hohe Konstruktion, die fast in der Arenamitte stand. Nah sein? In einem Stadion? Man konnte die Band genauso gut effekthascherisch und größenwahnsinnig finden. Zu viel des Guten. Man sah ein Mega-Event, erkannte aber keine Message.

Das ist jetzt anders. Mit ihrem aktuellen Album "Songs of Innocence" blicken U2 zurück auf ihre "Jugend im kalten Dubliner Regen", wie Bono erklärt. Er war erst 14, als seine Mutter Iris an einer Gehirnblutung starb. Die Gewalt in Nordirland war allgegenwärtig. The Clash und Kraftwerk ließen ihn trotzdem von einer besseren Zukunft träumen und ermutigten die vier Teenager, selbst eine politisch engagierte und innovative Band zu sein.

Zu Konzertbeginn tragen sie schwarze Lederjacken wie einst die Ramones. Sie spielen das neue "The Miracle (Of Joey Ramone)" und ihre erste Single überhaupt, "Out of Control". Sie stehen dicht beieinander wie damals im Übungsraum.
Anders als Jagger und Richards, die eine Hassliebe eint, sind sie wohl tatsächlich diese verschworene Gemeinschaft: U2 gehören zu den besten Bands der Welt, weil sie in ihrer fast 40-jährigen Geschichte beweglich und offen für Neues geblieben sind, weil sie ihrem Publikum diese Bereitschaft zur Veränderung vorleben. Sie haben ihren Sound immer wieder justiert, haben Soul und Blues, elektronische Sounds und Beats integriert.

Auch was Bühnen- und Lichtdesign betrifft, setzten sie Maßstäbe. Anfang der Neunziger schlachteten sie Trabis aus, bemalten sie und hängten sie als Scheinwerfer unter das Bühnendach. Die Mauer war gefallen. Einige Jahre später überragte ihre "Popmart"-Bühne ein 30 Meter hoher gelber Bogen, ein halbes McDonald’s-"M". Sie übten Konsumkritik. Ihre musikalischen Wiedergeburten und auch ihr Einsatz für Menschenrechte und für Afrika ließen sie relevant bleiben.

Diesmal nutzen sie zwei Bühnen, eine rechteckige und eine runde, die an den Enden der Halle stehen und durch einen Laufsteg verbunden sind. Eine 29 Meter lange, käfigartige Videowand kann bis auf diesen Catwalk hinabgesenkt werden. "Cedarwood Road" singt Bono inmitten dieser Konstruktion zwischen den beiden durchsichtigen Projektionsflächen. Wie in einem Comic spaziert er durch die Straße, in der sein Elternhaus steht – ein beeindruckender Effekt. Bei "Iris (Hold Me Close)" wird seine Mutter zum Sternbild. Lange blickt er zu ihr hinauf.

Beides sind autobiografische Songs. Sie dienen Bono der Selbstvergewisserung und können auch das Publikum zu einer Zwischenbilanz inspirieren. Kinder, wie die Zeit vergeht, ist vielleicht der erste, nostalgische Gedanke. Doch dann fragt man sich: Bin ich zufrieden? Vielleicht sogar glücklich? Oder unglücklich? Welche Voraussetzungen hatte ich? Was habe ich aus meinen Möglichkeiten gemacht? Habe ich etwas verpasst? Sollte ich etwas verändern? Was ist aus den eigenen Idealen geworden?

Die Tour, die U2 auch nach Berlin und Köln führt (die Konzerte sind ausverkauft), heißt "Innocence + Experience". Die vier Musiker, alle Mitte 50, haben ihre Unschuld, ihre kindliche Naivität von einst und so manche Träume eingetauscht gegen einen Ozean an Erfahrungen. Man möchte auch Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. fragen: Was ist aus euren Idealen geworden? Wie unabhängig und glaubhaft sind Künstler, die sich mit einem Konzern wie Apple verbünden für die "größte Albumveröffentlichung aller Zeiten"?

Eine "subversive Punk-Aktion“, wie Edge meinte, war der kostenlose Download von "Songs of Innocence" jedenfalls nicht. Es war ein PR-Trick, der zum PR-Flop mutierte. Alle 500 Millionen iTunes-Kunden erhielten das Album automatisch. Viele wollten das Geschenk aber gar nicht, sie fühlten sich manipuliert.

Die dringendste Frage aber stellen U2 dann selbst: Amerika, was ist aus deinen Idealen geworden? Sie spielen "Pride (In the Name of Love)", ihre Martin-Luther-King-Hommage gegen Hass und Rassismus. Ob die Fans in diesem Moment an die Polizeigewalt gegen Schwarze oder das Massaker von Charleston denken? Manche wirken abgelenkt: Der Fetenhit ist ein viel fotografiertes Lied.

"Sunday bloody Sunday" dagegen, ihren Schrei nach Frieden, führt die Band nicht in der lauten Originalversion auf. Die Videowand, in der sie nun zu viert stehen, könnte die Mauer in den Köpfen mancher Menschen symbolisieren oder die Mauer, die zwei Länder trennt. Der Sound ist auf das Wesentliche reduziert. Man meint, Larrys marschierende Trommel und die Gitarren-Arpeggios von Edge wehen von ganz weit weg herüber. Offenbar spielen sie so leise, damit man wirklich hinhören muss. Dem eventorientierten Teil des Publikums fällt das eher schwer.

Diese Geister und ihren Thekenlärm – das ist das U2-Dilemma – hat die Band durch ihr XXL-Streben selber gerufen. Dabei ist der alte Song immer noch bedeutsam. Der Waffenstillstand in Nordirland und die deutsche Wiedervereinigung zeugen zwar davon, dass Mauern auch eingerissen werden können. Andernorts aber werden gerade neue Mauern errichtet – so manche Wand aus Fremdenfeindlichkeit etwa, gegen die Flüchtlinge in Europa prallen.

Ohnehin wirkt die Welt immer kriegerischer. "How long must we sing this song?", fragt Bono nun schon seit 32 Jahren. Die desillusionierende Antwort kann sich jeder selbst geben. Oder sie mit seinem Smartphone googeln.

Setlist New York

The Miracle (of Joey Ramone)
Out of Control
Vertigo
I will follow
Iris (Hold Me Close)
Cedarwood Road
Song for Someone
Sunday bloody Sunday
Raised by Wolves
Until the end of the World
Invisible
Even better than the real Thing
Mysterious Ways
Desire
Angel of Harlem
Every breaking Wave
With or without you
City of blinding Lights
Bullet the blue Sky
Pride (In the Name of Love)
Zugabe
Beautiful Day
Where the Streets have no Name
One

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