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Medien & TV Van Gogh in 3D
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20:08 28.08.2015
Virtuelle Ausstellung: "Van Gogh Alive" führt in die Bilderwelten des brühmten Künstlers. Quelle: Grande Exhibitions/Van Gogh Alive
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Van Gogh ist ein Popstar. Seine berühmten Sonnenblumen, die er 1888 in Arles gemalt hat, gibt es auf T-Shirts und Kaffeebechern, seine "blühenden Mandelbaumzweige" von 1890 zieren in den Souvenirshops der Museen nicht nur Poster, sondern in diesem Sommer sogar Sonnenschirme.

Vincent van Gogh – der bahnbrechende Visionär des Postimpressionismus, der geniale Outsider, der verrückte Künstler, der in nur zehn Jahren mehr als 800 Bilder gemalt hat.

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Zeitlebens soll er nur ein einziges davon verkauft haben. Heute werden seine Werke zu Höchstpreisen auf den internationalen Kunstmärkten gehandelt. Um die Person des Künstlers rankten sich schon immer Legenden und Mythen. Zahlreiche Bücher und Filme haben daran mitgestrickt.

Kein einziges Original

Derzeit wird in Berlin versucht, Leben und Leiden van Goghs, der sich vor 125 Jahren in Auvers-sur-Oise bei Paris erschoss, in einer hochkomplexen Multimediashow einem breiten Publikum nahezubringen.

Weitere Infos

Van Gogh Alive. The Experience. Berlin, Alte Münze, Molkenmarkt 2. Geöffnet täglich von 10 bis 20 Uhr. Bis 1. November. www.vangoghalive.de. Ein Video finden Sie hier.

Und es gelingt. Die Besucher strömen, wie in anderen Städten zuvor. Seit ihrer Premiere 2010 in Singapur wurde die Ausstellung "Van Gogh Alive" weltweit von mehr als 1,5 Millionen Menschen besucht. Und das, obwohl die Schau nicht ein einziges Originalbild zeigt.

Nur Farbfotos sind zu sehen, davon allerdings gleich 3000 Stück, die mit 40 Projektoren auf Wände, Fußböden und an Deckenpfeiler gebannt werden. Van Gogh nicht in Öl im Museum, sondern als multimediales Event in der Alten Münze, einem etwas heruntergekommenen Gründerzeitbau im Osten Berlins.

In 39 Minuten durch Van Gochs Welt

Der Anspruch der Ausstellungsmacher, der australischen Eventagentur Grande Exhibitions, ist nicht gerade bescheiden. Sie beabsichtigen nicht mehr und nicht weniger, als unsere "traditionellen Vorstellungen von einem Museumsbesuch zu verändern".

Den Besuchern wird eine "neue Art, Kunst wahrzunehmen" versprochen. Frei von musealen Zwängen, rauschhaft und ohne Barrieren. Gleich nach Betreten der Ausstellung steht man direkt in van Goghs berühmtem "Schlafzimmer in Arles", poppig-bunt nachempfunden und begehbar. Van Gogh dreidimensional zum Anfassen – ein erster Eindruck und zugleich ein Abschied vom Realen, Materiellen.

Van Goghs Schlafzimmer als begehbare 3-D-Version Quelle: Grande Exhibitions/Van Gogh Alive

Darauf folgt ein virtuelles Spektakel: Farben, Rhythmen und Klänge. Die Zuschauer sollen dabei 39 Minuten lang durch die Bilderwelt van Goghs wandern können. Dafür werden in drei Räumen auf riesigen Bildschirmen simultan die Werke des großen niederländischen Malers gezeigt.

Selbstverständlich sind die berühmtesten darunter: die zwölf Sonnenblumen in einer Vase, der rote Weinberg in Arles, die Sternennacht über Saint-Rémy oder das Selbstbildnis mit verbundenem Ohr.

Auf Text wird verzichtet

In schnellen Bildschnitten, unterlegt mit klassischer und volkstümlicher Musik, verläuft die Schau entlang biografischer Daten des Malers, der an einer bis heute nicht geklärten psychischen Krankheit litt.

Fünf Stationen zeigt die Ausstellung: die frühen Arbeiten in den Niederlanden Anfang der 1880er-Jahre, der Aufenthalt in Paris von 1886 bis 1888, die Schaffensperiode im südfranzösischen Arles bis 1889, der Aufenthalt in der Nervenheilanstalt Saint-Rémy bis 1890 und schließlich die letzten Monate seines Lebens unter Aufsicht des Arztes Paul Gachet in Auvers-sur-Oise.

Van Gogh als Künstler, aber auch die Gedanken- und Gefühlswelt dieses Menschen soll erfahrbar werden. Auf erklärende Texte wird weitgehend verzichtet, lediglich einzelne Zitate aus dem Briefwechsel mit seinem Bruder Theo, der seine Bilder zu vermarkten versuchte, werden hin und wieder eingeblendet.

Es regnet Sterne

Ansonsten: Bilder, Bilder, Bilder. Vorne, hinten, oben, unten. Ansichten von Totalen wechseln im Rhythmus der unterlegten Musik mit Details, Kamerafahrten durch einzelne Werke folgen auf Zooms und Überblendungen.

Hin und wieder beginnen sich einzelne Van-Gogh-Motive sogar zu bewegen. Da fährt plötzlich ein Zug durch eine Zeichnung nach Paris, fangen Windmühlen an, sich zu drehen, ein Blumenstrauß wächst aus den Händen einer südfranzösischen Bäuerin oder es regnet Sterne vom Himmel.

Wandeln unter der Sternennacht von Saint-Rémy Quelle: Grande Exhibitions/Van Gogh Alive

Das Stillleben eines Obsttellers entsteht, indem die einzelnen Früchte erst schrittweise arrangiert werden. Dadurch wirken die Bilder gelegentlich ein wenig wie Comics. Was vor allem Kindern gefällt, denn während die Eltern auf Sitzsäcken in Fernsehhaltung der Bilderflut folgen und mit ihren Handys Videos von den Videos drehen, dürfen sie auf den virtuellen van Goghs herumtrampeln – ohne zu stören, denn die Musik übertönt alles.

Andere Intensität

Aber ist das wirklich eine Kunsterfahrung? Oder eher das Erlebnis eines multimedialen Events, das sich geschickt eines Künstlers der klassischen Moderne bedient? Der Potsdamer Galerist und Van-Gogh-Kenner Johannes Nathan ist zurückhaltend. "Vielleicht ist das die Zukunft von Kunstausstellungen", gibt er zu bedenken. Denn der Transport von fragiler Kunst werde immer schwieriger und kostspieliger.

"Und wenn so eine multimediale Schau gut gemacht ist, warum nicht?", so Nathan. Solange die Fakten stimmten, könne das vielleicht sogar unsere Kunstwahrnehmung erweitern. Die Auseinandersetzung mit einem echten Werk kann die Berliner Ausstellung jedoch kaum ersetzen. Um die Intensität seiner Farbkompositionen, sein virtuoses Spiel mit Komplementärtönen erleben zu können, rauschen die Bilder zu schnell vorbei. Zumal es, trotz hervorragender Auflösung, eben doch nur Projektionen sind.

"Van Gogh Alive" erreicht eine andere Intensität: durch starke Lichteffekte, Mehrfachprojektionen zerschnittener Bildpartien, die neu angeordnet werden, und raumfüllende, über mehrere Bildschirme sich ergießende Totalansichten. Das eröffnet einem breiten Publikum einen Zugang zu der Bilderwelt eines Künstlers, der ganze Malergenerationen beeinflusst hat.

Viel Zuspruch

Bei den Besuchern kommt die Ausstellung offenbar an. "Super, absolut toll", sagt eine Düsseldorferin, die mit ihrer Familie gerade aus der Schau kommt. "Kunst mal ganz anders", findet sie und ist vor allem von den Kamerafahrten durch die Bilder und den vielen Details begeistert. Originalbilder des Künstlers hat sie schon mal gesehen, aber nach diesem Event hat sie richtig Lust, ins Van-Gogh-Museum nach Amsterdam zu fahren.

Eine 79-jährige Rentnerin aus Berlin-Lichtenberg wird das in wenigen Tagen tun. Sie kam, um sich auf die Reise vorzubereiten, und es hat ihr gut gefallen – "auch wenn ein echtes Gemälde schon etwas anderes ist".

"Van Gogh Alive" – ein Pop-Event. Aber zumindest eines, das eine Vorahnung vermittelt, welche Kraft noch heute in den Originalbildern des niederländischen Malers steckt.

von Mathias Richter

Legenden um Vincent van Gogh

  • Vincent Willem van Gogh gilt als einer der Begründer der modernen Malerei. Vor allem die deutschen Expressionisten um die Gruppen „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“, aber auch die Mitglieder der französischen Künstlergruppe „Les Fauves“ um Henri Matisse bezogen sich auf seine Arbeiten.
  • Berühmt wurde van Gogh durch seine farbintensiven Kompositionen und seinen expressiven Strich. Van Gogh war Autodidakt, er hat nie eine solide Kunstausbildung genossen.
  • Um van Goghs Leben ranken sich zahlreiche Legenden. Grund dafür ist sein lebenslanges gesellschaftliches Außenseitertum. Er scheiterte in mehreren Berufen, etwa als Kunsthändler, Lehrer und Prediger, bevor er sich mit 27 Jahren entschloss, Maler zu werden. Danach wurde er weitgehend von seinem Bruder Theo finanziert.
  • Hinzu kam eine bislang nicht weiter geklärte psychische Krankheit. Van Gogh litt vermutlich an einer starken Depression, was ihn zeitweise arbeitsunfähig machte. Nach einem Streit mit seinem Malerkollegen Paul Gauguin soll er sich 1889 ein Ohr abgeschnitten haben. Im Juli 1890, also vor 125 Jahren, tötete er sich im Alter von 37 Jahren durch einen Schuss in den Bauch. 
  • Wenn sein Gesundheitszustand es zuließ, soll van Gogh wie im Rausch gearbeitet haben. In den zehn Jahren, in denen er malte, entstanden mehr als 800 Bilder und mehr als 1000 Zeichnungen. Dass er zu Lebzeiten nur ein Bild verkauft haben soll, ist eine der vielen Legenden. Tatsächlich waren es wohl um die zehn. Heute werden Millionen für seine Bilder gezahlt. Den Rekord hält derzeit das Gemälde „Porträt von Dr. Gachet“. Es wurde 1990 für 82,5 Millionen Dollar (75,2 Mill. Euro) versteigert.

ric

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